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Hans-Jürgen Malles
Kennst du Friedrich Hölderlin?

Seine Werke gehört neben denen Goethes und Schillers zu den bedeutendsten der deutschen Klassik, auch wenn sein Leben im Wahnsinn endete. Eine Hinführung zum Verständnis von Hölderlins Persönlichkeit und Werk bietet Deutschlehrer Malles hier. Der Leser erhält Einblicke in ein facettenreiches Leben voller Höhen und Tiefen und darf teilhaben an Hölderlins Begeisterung für die Französische Revolution und die griechische Antike. Auch die Liebe zu Susette Gontard soll nicht unerwähnt bleiben.

Edel sei der Mensch

Edel sei der Mensch

Johann Wolfgang von Goethe

Das Göttliche

„Das Göttliche“ / „Edel sei der Mensch“ ist eine im Jahr 1783 von Goethe verfasste Hymne. Den Anfang dieses Gedichts habe ich als 8-jähriger meiner Schwester ins Poesiealbum geschrieben. Es war ihr Vorschlag. Ich kannte damals das Gedicht nicht, fand es später banal. Jahre darauf bin ich wieder auf den Text gestoßen und meine Meinung hat sich grundlegend geändert. Edel sei der Mensch ist keine Moralpredigt oder Allerweltsweisheit, sondern eine tiefe Sehnsucht, ein Appell. Die Hymne enthält drei Aussagen.

Erstens: Der Mensch unterliegt zwar den Gesetzen der Natur, ist aber in der Lage, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Zweitens: Das Edle und Gute ist nicht selbstverständlich. Die Natur macht keinen Unterschied zwischen Guten und Bösen. Deshalb müssen wir Meschen über uns hinauswachsen und uns an höheren Wesen orientieren, die wir nicht kennen, aber erahnen oder herbeihoffen können.

Drittens: Letztlich aber ist es der Mensch allein, der das Gute durchsetzen und zum Erfolg führen kann. Wenn er edel und hilfreich agiert, ist er es, der den höheren Wesen gleicht und zugleich seinen Mitmenschen ein Vorbild ist.

Florian Russi

Das Göttliche

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.


Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!


*****

Bildquelle

Vorschaubild: Das Göttliche, Handschrift von Goethe, entnommen aus: Wahl, Hans; Kippenberg, Anton: Goethe und seine Welt, Insel-Verlag, Leipzig, 1932, S. 102 via Wikimedia Commons Gemeinfrei; Zuppinger Album Detail, 1892, Urheber: Albert Zuppinger via Wikimedia Commons Gemeinfrei; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

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