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Silvia Frank
Kennst du Georg Büchner?

Heute gilt Büchner unbestritten als Begründer der modernen deutschen Literatur. Lassen Sie sich auf eine Begegnung mit dem rebellischen und jung verstorbenen Dichter und seinem ungewöhnlichen Werk ein.

Herbst

Herbst

Theodor Storm

„Theodor Storm war eine Persönlichkeit, bedeutend durch ihre Harmonie, durch ihre selbständige Kraft, durch ihr Wahrhaftigkeit; und von solcher Art sind auch seine Werke: von echter Art, aus dem Wesen des Dichters hervorgegangen. Einer tiefen, lebhaften und doch maßvollen Phantasie entsprungen, sind sie mit reifem Kunsthandwerke erwogen, verbessert, ausgestaltet worden.“

(Ferdinand Tönnis, 1855-1936)

Das Gedicht Herbst von Theodor Storm erschien erstmalig 1847/8. Im engeren Sinne handelt es sich um einen Zyklus aus drei Einzelgedichten mit abgrenzendem Inhalt. Der deutsche Dichter, Jurist und Novellist bedient sich in seiner Prosa romantischen Motiven. So wird die Natur in den Vordergrund gestellt, ebenso vermittelt er durch seine Dichtung in der ersten Episode (Strophe 1- 5) ein bedrückendes Gefühl von Einsamkeit und Sehnsucht. Melancholisch wird der Leser in einen trostlos wirkenden Herbst geführt. Ein bedrohliches Gefühl entsteht durch den Vers "Nebel hat den Wald verschlungen“ sowie das negativ behaftete Verb "vergehn". Anschaulich wird der Wandel der Natur während der Herbstzeit dargestellt. Der erste Teil endet mit einem Hoffnungsschimmer, denn durch das Leuchten von Wald und Heide offenbart sich der Glaube an einen wiederkehrenden Frühling. Der zweite Teil des Gedichtes besteht, ebenso wie der dritte, lediglich aus einer Strophe, jeweils in unterschiedlicher Reimform sowie verschiedener Versanzahl. Die zweite Episode (6. Strophe) stellt das Handeln des Menschen während der Erntezeit in den Vordergrund, weswegen die Natur, genauer die Tiere, aus ihrem natürlichen Lebensraum weichen müssen. Mit dem dritten Teil endet nicht nur das Gedicht, sondern Storm kehrt bodenständig und rational aus seiner Herbstfantasie zurück und mahnt dazu, die Vorzüge des Herbstes zu genießen und dem Vergangenen nicht hinterher zu trauern.

Carolin Eberhardt

Herbst

1

Schon ins Land der Pyramiden

Flohn die Störche übers Meer;

Schwalbenflug ist längst geschieden,

Und die Sonne scheint nicht mehr.


Seufzend in geheimer Klage

Streift der Wind das letzte Grün;

Und die süßen Sommertage,

Ach, sie sind dahin, dahin!


Nebel hat den Wald verschlungen,

Der dein stilles Glück gesehn;

Ganz in Duft und Dämmerungen

Will die schöne Welt vergehn.


Nur noch einmal bricht die Sonne

Unaufhaltsam durch den Duft,

Und ein Strahl der alten Wonne

Rieselt über Tal und Kluft.


Und es leuchten Wald und Heide,

Dass man sicher glauben mag:

Hinter allem Winterleide

Liegt ein ferner Frühlingstag.


2

Die Sense rauscht, die Ähre fällt,

Die Tiere räumen scheu das Feld,

Der Mensch begehrt die ganze Welt.


3

Und sind die Blumen abgeblüht,

So brecht der Äpfel goldne Bälle;

Hin ist die Zeit der Schwärmerei,

So schätzt nun endlich das Reelle!



*****

Vorschaubild: Herbst aus der Reihe: Vier Jahreszeiten, 1573, Urheber: Giuseppe Arcimboldo; bereitgestellt von: Petrusbarbygere via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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