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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

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Otto Julius Bierbaum

„Der achte im Bauch"

Dieses Gedicht hätte in den 1968-er Jahren geschrieben sein können. Doch sein Autor, der Schriftsteller und Journalist Otto Julius Bierbaum (1868-1910) war da schon mehr als ein halbes Jahrhundert tot. Es geht um Liebeswerben, aber nicht um die tiefe, herzliche oder gar die selbstlose Liebe, die wir auch Agape nennen. Vielmehr dreht es sich um körperliche Bedürfnisse und Leidenschaften, ums „rammen" und „ficken".

Der Dichter geht vom überkommenen Rollenspiel aus: Er drängt, sie zögert, doch letztlich wollen und tun sie es beide. Auch für viele „68er" waren Frauen nur dann emanzipiert, wenn sie mitmachten. Der Autor wird sehr deutlich. Die Umworbene hatte schon „acht im Bauch". In welcher Zeitspanne das war, wird nicht gesagt. Irgendwann kommt es darauf auch nicht mehr an. Selbstbewusst fordert der Dichter auf, es ihm, bzw. seinem Helden nachzutun. Erstaunlich ist, dass ein solches Gedicht in der nach außen prüden Kaiserzeit ungestraft veröffentlicht werden konnte.

Florian Russi

 

  I
Sie
sprach:
Hernach!
Er flog -
Sie trog.

   II
Er sprach:
Ich möchte!
(O Schmach -
Der Schlechte!)
Sie lachte.
Ich auch!
(Der Achte Im Bauch!)
Es passen
Die beiden
Sehr gut
Zusammen!
Was hassen Und
neiden?
Jung Blut Muß
rammen!
Denn los!
Famos!
Sie nicken Und
neigen,
Und ficken Und
schweigen.
Und krachen dir auch die Weichen:
Geh hin und tue desgleichen!

 

*****

Vorschaubild: Die "Feigenhand" ist eine Geste, bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt wird. (Die als vulgär geltende Geste symbolisiert heutzutage den Geschlechtsverkehr.) Urheber: Jeremykemp on en.wikipedia. CC-BY-SA 3.0. via wikimedia commons.Urheber: Jeremykemp on en.wikipedia. CC-BY-SA 3.0. via wikimedia commons (Ausschnitt).
 

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