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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Die beiden Gärtner

Die beiden Gärtner

Jean-Pierre Claris de Florian

Ein Brüderpaar erbte einen großen Garten. Sie teilten ihn sich auf und beschlossen, sich bei der Pflege ihrer Gärten eng auszutauschen und sich, wo immer dies möglich war, gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Die Brüder lebten in bester Harmonie, doch von ihrem Charakter her waren sie sehr unterschiedlich.

Der eine war ein Grübler. Er machte sich ständig Gedanken über das Wachstum der Pflanzen, kaufte sich viele Bücher über die Gartenpflege, las viel und wollte allem auf den Grund gehen. So machte er sich Gedanken über die Ursprünge und Auswirkungen von Wind und Wetter. Er ging der Frage nach, wie aus einer Erbse sich tausend weitere entwickeln konnten und wieso aus einem kleinen Samenkorn eine große Linde entstehen konnte, während aus den viel dickeren Bohnen nur ein Gebüsch in Höhe von gerade mal zwei Schuhen heranwuchs. Seine Überlegungen und Studien nahmen viel Zeit in Anspruch. Darüber vernachlässigte er die Gartenarbeit. Er fand keine Zeit zum Jäten, Graben oder Wässern. In einem heißen Sommer trockneten seine Beete aus. Die Pflanzen verdorrten und da, wo früher grün und bunt Blumen, Stauden, Kräuter und Sträucher gesprossen waren, verödete der Gartenboden. Auch sein Feigenbaum verdarb, weil er ihn im Winter nicht vor Kälte geschützt hatte. Verzweifelt dachte er über die Gründe nach. Es nutzte ihm nichts. Es blieben ihm keine Blumen oder Früchte, die er auf dem Markt hätte verkaufen können. Sein Geldbeutel blieb leer. Er selbst musste hungern.

Der zweite der Brüder dagegen ging friedlich und froh jeden Morgen in seinen Garten, um nach dem Rechten zu sehen, die Erde umzugraben und zu düngen, frisch zu säen und die Pflanzen zu netzen. Was immer er begann, gedieh vor seinen Augen. Er konnte reichlich ernten, verdiente damit viel Geld und erfreute sich an seiner Arbeit. Großzügig sorgte er auch für den Lebensunterhalt seines Bruders, der ihn allen Ernstes fragte, was er denn falsch gemacht habe.

Da antwortete der zweite Bruder: Mein Freund, dieses Rätsel ist leicht zu lösen. Du träumst, während ich handle. Du kümmerst dich und machst dir Gedanken. Ich lebe froh und packe an. Was nun das Klügere ist, siehst du an den Ergebnissen.“

Fazit: Gedanken sind notwendig und wichtig, aber wir leben vom Tun.

* * *

Nacherzählt von Florian Russi

Vorschaubild Komposition aus zwei Bildern auf Pixabay

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