Deutschland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.deutschland-lese.de
Unser Leseangebot

Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

O alte Burschenherrlichkeit

O alte Burschenherrlichkeit

Verklärte Erinnerungen

Das Wort Bursche entstammt dem lateinischen Wort „bursa", welches Beutel bedeutet. Im übertragenen Sinn bezeichnet es auch eine (finanzielle) Interessengemeinschaft (daher das Wort „Börse"). In der frühen Neuzeit waren Bursen studentische Wohngemeinschaften. Von ihnen abgeleitet wurde ab dem 18. Jahrhundert der Name Bursch(e) vor allem für Studenten gebraucht. Im Jahr 1815 wurde in Jena die sog. Urburschenschaft gegründet. Sie hatte die Vereinigung aller deutschen Studenten über die Grenzen ihrer landsmannschaftlichen Herkunft hinweg zum Ziel. Die Urburschenschaft wurde in der Folgezeit zum Vorbild für die Gründung weiterer unterschiedlicher Studentenverbindungen. Deren studierende (Voll-) Mitglieder werden bis heute als „Burschen" bezeichnet.

In dem folgenden Lied sinnt ein unbekannter alter Burschenschaftler der goldenen Zeit nach, in der er als Student froh und ungebunden mit seinen Bundesbrüdern die Welt erobern wollte. Nun ist er alt geworden und stellt wehmütig fest, dass vieles von seinen Idealen und Schwärmereien den Bedingungen und Notwendigkeiten des Alltags zum Opfer gefallen ist. Was ihn noch bewegt, sind die Treue und der Zusammenhalt aus alten Tagen.

Die „alte Burschenherrlichkeit" ist zum Begriff für Nostalgie und verklärte Erinnerungen geworden.

Florian Russi

 

O alte Burschenherrlichkeit
wohin bist du entschwunden
Nie kehrst du wieder gold´ne Zeit
so froh und ungebunden!
Vergebens spähe ich umher
ich finde deine Spur nicht mehr.
O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum

Den Burschenhut bedeckt der Staub
Es sank der Flaus in Trümmer
Der Schläger ward des Rostes Raub
Erblichen ist sein Schimmer
Verklungen der Kommersgesang
Verhallt Rapier- und Sporenklang
O jerum . . . .

Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen
Die ohne Moos bei Scherz und Wein
Dem Herrn der Erde glichen?
Sie zogen mit gesenktem Blick
In das Philisterland zurück.
O jerum . . . .

Da schreibt mit finsterem Amtsgesicht
Der eine Relationen.
Der andere seufzt beim Untericht
Und der macht Rezensionen
Der schilt die sünd'ge Seele aus
Und der flickt ihr verfallnes Haus.
O jerum . . . .

Allein das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten
Im Ernste wird, wie hier im Scherz
Der rechte Sinn stehts walten
Die alte Schale nur ist fern
Geblieben ist uns doch der Kern
Und den laßt fest uns halten

Drum Freunde reichet euch die Hand
Damit es sich erneue
Der alten Freundschaft heil'ges Band
Das alte Band der Treue
Klingt an und hebt die Gläser hoch
Die alten Burschen leben noch
Noch lebt die alte Treue

 

*****

Vorschaubild: Rita Dadder

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Gaudeamus igitur
von Christian Wilhelm Kindleben
MEHR
Heidelberg, du Jugendbronnen
von Albrecht Graf von Wickenburg
MEHR
Ergo Bibamus
von Johann Wolfgang von Goethe
MEHR
In allen guten Stunden
von Johann Wolfgang von Goethe
MEHR
Ein Heller und ein Batzen
von Albert von Schlippenbach
MEHR