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Jürgen Klose
Kennst du Friedrich Schiller?

Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet.

Die Überschwemmung

Die Überschwemmung

Jean-Pierre Claris de Florian

In einem Gebirgstal lebten dessen Bewohner in Wohlstand und Glück. Das Tal war fruchtbar und brachte reiche Ernten. Die meisten Bewohner waren Bauern. Es fehlte ihnen an nichts. Sie und ihre Familien führten ein zufriedenes Leben.

Das änderte sich, als ein extrem heißer Sommer über das Tal hereinbrach und die Sonne alles, was auf den Feldern wuchs, erbarmungslos niederbrannte. Die Früchte an den Halmen und Bäumen verdorrten noch ehe sie reif und essbar geworden waren. Die Weiden vertrockneten und verödeten. Das Vieh fand kein Futter mehr und verendete elend. Die verzweifelten Bewohner des Tals beteten inständig um Regen. Doch ihre Gebete wurden nicht erhört.

Da traten die Ältesten unter ihnen zusammen und einige von ihnen sagten: „Hoch oben im Gebirge gibt es reichlich Quellen und Wasserläufe. Die wurden unseren Vorfahren zum Problem. Deswegen haben sie Dämme errichtet und Kanäle angelegt, um das Wasser aufzufangen und abzuleiten. Jetzt, wo wir dringend Wasser benötigen, sollten wir dort nach dem Rechten sehen und das Wasser zu uns ins Tal umleiten.“

Die jüngeren Bewohner hörten es und begeisterten sich. Doch die Ältesten, die noch von dem Wasserreservoir wussten, mahnten sie, vorsichtig vorzugehen. „Es handelt sich wahrscheinlich um sehr große Wassermengen. Unsere Vorfahren mussten viel Fleiß und große Mühen aufwenden, um sie zu bändigen und in geordnete und gesicherte Bahnen zu leiten“, sagten sie.

Noch ehe sie zu Ende sprechen konnten, waren die meisten Bewohner des Tals, junge und auch alte, schon unterwegs zu den Höhen des Gebirges. Dort stießen sie tatsächlich auf viele Wasserläufe, gestaute Bäche, Auffangbecken und Umleitungen. Geplagt von den Folgen der Hitze und Wassernot, die im Tal herrschten, machten sie sich sofort daran, die von ihren Vorfahren errichteten Dämme aufzureißen. Voller Freude schauten sie zu, wie die Wassermassen nun ins Tal stürzten. Doch sie hatten sie nicht überprüft und eingeschätzt. Unmengen von Wasser bahnten sich den Weg ins Tal und dort, wo zuvor alles vertrocknet war, entstand nun eine Überschwemmung. Alles Land wurde überflutet. Die Not unter den Menschen im Tal wurde noch größer als sie vorher war. Zum Hunger kamen noch die Zerstörungen der Häuser und Höfe dazu.

Da richteten sich viele unter ihnen mit heftigen Vorwürfen gegen die Alten, die den Rat gegeben hatten, die Wassermengen im Gebirge anzuzapfen. Sie machten sie für die verheerende Sintflut verantwortlich. Die aber wehrten sich und stellten klar: „Wir hatten euch gewarnt und zur Vorsicht geraten. Ihr habt unüberlegt gehandelt und in blindem Wahn gewütet. So tragt ihr allein die Schuld an dem Desaster. Unsere Rat war: ‚Selbst im Guten muss man mäßig sein‘.“

 Fazit: Wer Rat braucht und will, muss genau zuhören
 und wie der Volksmund sagt: „Blinder Eifer schadet nur.“

*****

Nacherzählt von Florian Russi

Vorschaubild : Bild von Andi Graf auf Pixabay 

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