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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Der Rechthaber

Der Rechthaber

Florian Russi

Es war ein Wildschweinjahr. So viele hatte es noch nie zur gleichen Zeit gegeben. Die Bauern klagten darüber, dass ihre Felder verwüstet waren. Aber auch die Wildschweine erlitten ihre liebe Not. Wo immer sie in den Jahren zuvor ausreichend zu fressen gefunden hatten, trafen sie jetzt auf zerwühlte Erde. Eine Bache, die eine ganze Rotte von jungen Schweinen anführte, suchte verzweifelt nach Rat.

Da hörte sie von einem Keiler, der schon viel herumgekommen war und wortreich damit prahlte, dass er in einiger Entfernung ein Gebiet kennen würde, das noch unberührt und voller Eicheln, Bucheckern und essbaren Wurzeln sei. Die Bache sprach ihn an und er erklärte sich bereit, sie und ihre Rotte dorthin zu führen, wenn dafür sie damit einverstanden sei, dass er dann das Kommando über sie und ihr Gefolge übernehmen würde. Dann erklärte er, dass der Weg zum Zielgebiet voller Gefahren sei. Einige Felder seien mit Elektrozäunen eingefriedet, außerdem müsse man mindestens einen Felsen hochklettern und einen reißenden Fluss überqueren. Die Bache sah keinen anderen Ausweg, als dem Keiler zu folgen.

Keiler, Bache und Rotte machten sich also auf den Weg. Nach einiger Zeit hörten sie das Wehgeschrei einiger junger Schweine. Tatsächlich waren sie an einem Grundstück angelangt, das von einem Elektrozaun umgeben war. Da sie damit keine Erfahrung hatten, waren einige von ihnen gegen die elektrischen Drähte gestoßen. Die Bache gab sich alle Mühe, ihnen beizustehen und sie zu trösten.

„Hab‘ ich‘s dir nicht gesagt!“, erklärte daraufhin der Keiler. „Der Weg zu unserem Ziel ist voller Gefahren.“

Die Rotte zog weiter und kam vor einem riesigen Felsen an. „Den müssen wir erklimmen“, erklärte der Keiler. Doch viele von den jungen Schweinen waren zu schwach oder zu ungeschickt dazu. Immer wieder rutschten einige aus, stürzten ab oder verletzten sich an den Kanten des Gesteins.

„Hab‘ ich‘s dir nicht gesagt!", erklärte der Keiler gegenüber der Bache. „Der Fels ist steil und gefährlich. Nicht alle werden den Gipfel erreichen, ohne Verletzungen davonzutragen.“

Sie zogen weiter und kamen zu einem reißenden Fluss. „Den müssen wir überqueren“, erklärte der Keiler. Alle versuchten es, doch etliche wurden von der Strömung mitgerissen und dabei kamen leider auch einige ums Leben.

„Hab‘ ich‘s dir nicht gesagt!", erklärte der Keiler wieder. „Ein reißender Fluss ist kein Tümpel und auch kein Schwimmbecken, so wie ihr es aus euren Wäldern gewohnt seid.“

Unter den Wildschweinen war die Trauer über die verlorenen Gefährten groß. Doch hungrig gingen sie ihren Weg weiter und gelangten nach einiger Zeit tatsächlich in ein Gebiet, in dem es zwar nicht von Eicheln und Bucheckern wimmelte, wo sie jedoch ausreichend Nahrung fanden.

Stolz trat der Keiler nun vor die Bache und sagte: „Nun musst du Wort halten und mir das Kommando über dich und die jungen Schweine überlassen.“

Da antwortete die Bache: „Als ich dir die Führung über meine Rotte anvertraut habe, bin ich davon ausgegangen, dass du den einzuschlagenden Weg und die dort drohenden Gefahren kennst und uns um sie herumleitest. Es war nicht nötig, dass einige von uns gegen den Elektrozaun gestoßen sind. Du hättest sie warnen und zurückhalten können. Außerdem ist kein Felsen so groß, dass man ihn nicht hätte umgehen können und auch in reißenden Flüssen gibt es Furten, die man unbeschadet überqueren kann. Es ging nicht ums Rechthaben, sondern darum, uns vor Gefahren zu bewahren und einen sicheren Weg zu führen. Zu dir habe ich kein Vertrauen mehr und werde dir niemals die Verantwortung über mich und die Rotte übertragen. Einige von uns sind inzwischen so gestärkt, dass sie sich gegen dich wehren können. Ziehe also besser freiwillig davon und gib deine Ratschläge anderswo ab.“

Fazit: Es ist wichtig, Gefahren zu erkennen,
aber noch wichtiger,  über sie Herr zu werden.

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Vorschaubild Wildschwein:Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay
Wildschweinrotte:Bild von Chris auf Pixabay
Wildschwein im Wasser:Bild von andreas N auf Pixabay

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