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Anne Volkmann und Annett Zilger

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NATURALISMUS oder MODERNE (1880-1900)

NATURALISMUS oder MODERNE (1880-1900)

Georg Bürke

Heinrich Hart
Heinrich Hart

Zeitliche Abgrenzung:

Der Beginn des Naturalismus wird allgemein angesetzt mit den ''Kritischen Waffengängen”, 1882, der Brüder Heinrich (1855-1906) und Julius Hart (1859-1930). Seine konsequente Form wurde bald abgelöst, nachdem sich schon bei seinem Beginn Strömungen bemerkbar gemacht hätten, die nicht nur gegen ihn, sondern gegen die gesamte realistische Richtung des 19.Jahrhunderts, wandten. Um 1900 war seine revolutionäre Stoßkraft erschöpft. Als Gestaltungsform trat er weiterhin auf.

Benennung:

In Frankreich gab man zuerst dem neuen unromantischen Sachstil den Namen “Naturalismus”, Naturalismus im Sinne der Natürlichkeit war schon eine Forderung, die von der Aufklärung bis zum Impressionismus erhoben wurde (ca.1750-1910). (Dem Natura­lismus in diesem Sinn gehört sogar die idealistische Kunst an, da durch sie erst die eigentliche Natur als das Wahre und Gute und Schöne hergestellt wird.) Die Vertreter des “Naturalismus” aber als Epochenbegriff zu Ende des 19. Jahrhunderts empfanden ihre Kunst als etwas Neues, als “Revolution der Literatur”’ und proklamierten den Naturalismus wesentlich als Angriff gegen die idealistische Kunst - vor allem der nachklassischen Zeit, obgleich deren realistische Tendenzen doch zu ihm hingeführt hatten. Die neue Form der Aggression wird nun als literarhistorische Epoche mit “Naturalismus“ in engeren Sinn bezeichnet. Von seinen Vertretern wurde auch das Wort “modern“ in Anspruch ge­nommen, wie es schon andere Richtungen, etwa das Junge Deutschland, für sich gebraucht hatten. Demnach bildete man auch das Substantiv die „Moderne“.

Édouard Manet: Émile Zola (1868)
Édouard Manet: Émile Zola (1868)

Begründer:

Der Naturalismus wurde vor allen in Frankreich, Skandinavien und Russland entwickelt (siehe unten!) und griff von dort auf Deutschland über. Der wichtigste theoretische und praktische Weg­weiser des europäischen Naturalismus ist Emilie Zola (1840-1902), In Deutschland wurden die eigentlichen Begründer des konsequenten Nat., die beiden Freunde, der Ostpreuße Arno Holz (1863-1929) und der Thüringer Johannes Schlaf (1862-1940). Vor allen Holz wurde der eigentliche Opitz und Herder der neuen Bewegung in Deutschland, der den deutschen Naturalismus kunstwissenschaftlich untermauerte und die naturalistische Sprachform schuf (in seinem Werk “Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze“,1891). Holz wiederum ging vor allem auf Emilie Zola zurück.

Arno Holz (1863-1929)
Arno Holz (1863-1929)

Naturalistische Kunsttheorie


Wesen und Aufgabe der Kunst
:

Die nat. Kunsttheorie wurde grün­det auf der These, dass alles, was ist und lebt, auch schon wahr und gut und schön sei. Dement­sprechend war das Wesenund die Aufgabe der Kunst; eine Art Photographie der Wirklichkeit zu sein: ungeschminkte Wirklichkeitsnachbildung, lückenloser, spiegelgetreuer Abklatsch der Natur unter Verzicht auf alle geistigen Zusammenhänge, protokollarische Nachzeichnung der Wirklichkeit.

Emile Zola prägte in seinen Schriften (“Le roman expérimental“, „Les romanciers naturalistes“, "Le naturalisme au théatre“) die naturalistische Definition des Kunstwerkes: “Das Kunstwerk ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament.“ Der Mensch als ein Stück Natur wird erklärt aus Vererbung und Milieu. ("Ich glaube nicht, dass der Gedanke etwas anderes ist als eine Funktion der Materia.“) Aufgabe des Dichters war es also, den Menschen mit photographischer Genauigkeit aus den Gesetzen der Vererbung und des Milieus zu erklären. Diese Theorie in die Praxis umsetzend, schuf er den “experimentellen Roman“, der mit naturwissenschaftliche Methoden den ganzen Menschen darstellen will». Dabei erreicht er aber das Ziel seiner Dichtung gerade nicht, denn seine Theorie beruht auf einem Denkfehler: Er ließ den Unterschied außer Acht zwischen einem chemischen oder physikalischen Experiment, das sich kontrollieren lässt, und den Bedingungen der Dichtung, die sich nicht kontrollieren lassen. Weiterhin hat er nicht beachtet, dass diese Art von Darstellung überhaupt nicht Kunst ist. Kunst ist Sinngebung des Lebens und ein Gestalten seelischer Vorgänge durch eigenwillige Persönlichkeit. Zola lehrt uns in seinen Schritten nicht nur nichts über die Gesetze der Vererbung, sondern erreicht nicht einmal den Eindruck der Lebensechtheit.

Auf Zola aufbauend formulierte Arno Holz weiter: "Die Kunst hat die Tendenz, wider die Natur zu sein. Sie wird sie nach Maß­gabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren Hand­habung", oder kürzer: “Kunst = Natur - x", wobei “x“ die Unzuläng­lichkeit der Sprache und des Dichters vertritt. Um die Größe “x" möglichst klein zu halten, sollte die Natur lückenlos ausgebrei­tet und auf eine Auswahltätigkeit des Geistes verzichtet werden. Die Wirklichkeit des Lebens und seine Umwelt sollten also frei von allem geistigen Zusammenhang gezeigt werden. Dass der sich­tende und schauende Geist auch zur Naturwirklichkeit gehört, übersah er. Der Dichter sollte sich wie ein getreuer Spiegel der Außenwelt gegenüber verhalten.- Daraus folgen alle weiteren Wesensmerkmale der Kunst.

Technik des ‘‘Sekundenstils“:

Peinlich genaue Kleinmalerei, zeitlupenmäßige Betrachtung der Dinge, Mikroskopie. Die eigentliche Errungenschaft des Naturalismus war eine neue Methode des Sehens.Um ein getreues Spiegelbild der Wirklichkeit zu geben, musste der Dichter jede Einzelheit der Dinge im Augenblick des Geschehens mit geradezu wissenschaftlicher Genauigkeit studieren und festhalfen. Von Arno Holz stammt die Kennzeichnung des Unterschiedes zwischen alter und neuer Kunst am Beispiel eines vom Baum fallenden Blattes: „Die alte Kunst hat von dem fallenden Blatt weiter nichts zu melden gewusst, als dass es im Wirbel sich drehend zu Boden sinkt. Die neue Kunst schildert diesen Vorgang von Sekunde zu Sekunde, sie schildert, wie das Blatt, jetzt auf dieser Seite vom Licht beglänzt, rötlich aufleuchtet, auf der anderen schattengrau er­scheint; in der nächsten Sekunde ist die Sache umgekehrt, sie schildert, wie das Blatt erst senkrecht fällt, dann zur Seite getrieben wird, dann wieder lotrecht sinkt.... Eine Kette von einzelnen ausgeführten, minutiösen Zustandsschilderungen (oder Augenblickszuständen), geschildert in einer Prosasprache, die unter Verzicht auf jedwede rhythmische oder stilistische Wirkung der Wirklichkeit sich fest anzuschmiegen sucht, in treuer Wieder­gabe jeden Lauts, jeden Hauchs, jeder Pause - das war es, worauf die neue Technik abzielte, und die neue Technik war zugleich die neue Kunst.“ So hatte also die Kunst die Tendenz, “wieder die Natur zu sein.“

Nur der sei zum Schriftsteller tauglich, der diese Gabe des tech­nischen Sehens und die Kraft besitze, mechanische Dinge plastisch zu schildern. Diese Gabe werde ihn dann auch befähigen, die see­lischen Vorgänge in ihren intimsten Verschlingungen von Ursache und Wirkung mit dem Mikroskop psychologischer Forschung zu ver­folgen und (wie ein beliebiges mechanisches Geschehnis der Außenwelt) mit sinnlich greifbarer Gestalt zu fotografieren.

Für eine solche Kunstlehre bekam die Reportage dichterischen Rang, Je mehr der Dichter zum Reporter wurde, je mehr er sich der Deu­tung enthielt und mit seinen Geschöpfen in ihrem Milieu zu ste­hen suchte, desto mehr wurde seine Leistung zur wissenschaftlichen Beobachtung und damit auch zur Dichtung. (Ibsen suchte die Zei­tungen regelmäßig nach Stoff ab und legte sich eine Sammlung von Tatsachenmaterial an. Zola notierte seine Beobachtungen in sein Notizbuch, fragte jeden Verkäufer, jede Verkäuferin, wie sie leben, arbeiten, sich vergnügen, kletterte durch alle Keller und Böden, strich monatelang durch Paris. Alles, was er sah, hörte empfand, notierte er gewissenhaft wie eine photographische Platte,) Intuition und Inspiration wurden einer solchen Schriftsteller­generation verdächtig, ebenso der Begriff Genie, (Die methodisch festgelegte Arbeitsweise ermöglichte die Zusammenarbeit zweier Autoren wie Holz und Schlaf.)

Verfeinerung und Natürlichkeit der Darstellungsmittel:

Höchstes Kriterium künstlerischer Wahrheit war, die Natur mit den Mitteln der Mimik, Gestik, Sprache nach Möglichkeit zu reproduzieren, was wiederum genaueste Beobachtung voraussetzte. Die Wirklichkeit musste also in all ihren Klängen, Geräuschen, Farben, Lichtern, Pausen, Unterbrechungen, Bewegungen wort-, bild- und tongetreu zu Wort kommen. So wuchs das Streben nach verfeinerten, nuancierten Darstellungsmitteln, Erhöhte Sensivität schuf den "Nervenkünstler", Gestik, Mimik und Sprache wurden differenziert und "natura­lisiert". Bühnenanweisungen beanspruchten breiten Raum und sind streng verpflichtend. Der Monolog und das Bei-Seite-Sprechen im Drama wurde als „unnatürlich“ abgelehnt. Vers, Reim, Strophe ebenso. Und wo der Vers, wie in der Lyrik, noch auftrat, war er kaum mehr als solcher zu erkennen. Selbst freie Rhythmen mussten weichen. Richtschnur war die Alltagssprache: Dialekt, abgebro­chene Sätze, stoßweise stockende, sprunghafte und rohe, ja gröhlende und lallende Redeweise, ja selbst grammatische Fehler schienen die Natürlichkeit zu erhöhen. Maßlos wurden Punkte, Ge­dankenstriche und Apostrophe verschwendet.

Mit der neuen Technik wurde auch gefordert eine:

Gerhart Hauptmann
Gerhart Hauptmann

Neue Stoffwelt:

  • Der Durchschnittsmensch, und zwar mit Vorliebe der proletarische Durchschnittsmensch: da dieser in der "Natur" am häufigsten" anzutreffen und daher am „natürlichsten“ war; am ehesten als Produkt des Milieus erkennbar war; bisher "tabu" gewesen war; da es einen "Helden" nicht mehr geben konnte, wenn der Mensch ganz von seiner Umwelt abhängig war. Moderner Nachfolger des traditionellen "Helden" war der passive Held, der "halbe Held", der unentschlossene und schwankende Charakter.
  • Einseitige Bevorzugung des Elends der Großstadt(Elendsmalerei, Armeleutedichtung): Aus Opposition gegen alles Bisherige (bürgerliche Moral und Kunst), gegen alles, was bisher "tabu" war, gegen alle Schönfärberei, Weltfremdheit und Verlogen­heit, verstand man das "Milieu" im Wesentlichen als das Milieu des Proletariats oder dessen Ausbeuter, suchte mit Vorliebe die Unterdrückten, Ausgebeuteten, die Opfer einer miserablen Gesell­schaftsordnung, die Schattenseiten der Gesellschaft und der Men­schen, das Arbeiterelend und die Unterwelt der Großstadt, Laster und Verbrechen, Psychopathie und Minderwertigkeit, verkehrte Ge­schlechtlichkeit und Alkoholismus, überhaupt das Hässliche, Kranke, Niedere, Abstoßende. Das Milieu wurde umso interessanter, je mehr es am Rande oder außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft lag. (Als man die Liebesszene in G. Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" zu poetisch fand, antwortete der Dichter bezeichnenderweise: „Was kann ich dafür, dass die Natur auch schön ist?")
  • Bevorzugung sozialer, wirtschaftlicher und tech­nischer Probleme: Die kapitalistische Gesellschaftsordnung wurde für das Arbeiterelend verantwortlich gemacht, die Schlechtigkeit der Reichen, die Fäulnis in Stadt und Gesellschaft bloßgestellt; man trat für die Gleichheit der Rassen und Klassen, für die Lö­sung der Judenfrage, für Völkerversöhnung, für das Frauenrecht ein. Mitleid und Wahrhaftigkeit wurden als soziale Tugenden ver­herrlicht, doch ohne christliche Begründung.


Dichtung steht im Dienst der Aufkläru
ng, der Erziehung, der ändernden Gestaltung der Zukunft:
(revolutionäre Tendenz - vgl. Junges Deutschland.). Als objektiver Darsteller der Wirklichkeit hat der Künstler sich fortschrittlich an die Spitze seiner Zeit zu stellen.

Themen:
Zeit- und Gesellschaftskritik

Literarische Gattungen


Roman:

Der Durchbruch des Naturalismus erfolgte zunächst auf dem Gebiet des Romans. Von entscheidendem Einfluss war Zolas Theorie des „roman expérimental“, die im Dichter einen wissenschaftlichen Experimen­tator sieht. Seine Aufgabe sei, "alle Ereignisse auf den erfah­rungsgemäß richtigen Beweggrund zurückzuführen", wie Zola selbst in den "Rougon-Macquart", durch fünf Generationen die Eigenschaf­ten der Personen, aus denen der Vorfahren ableitete, und durch Umwelteinflüsse modifizierte. An 1. Stelle stand der psychologi­sche Roman. Daneben sind auch alle Formen einer Stimmung und Mi­lieu einfangenden Erzählkunst vertreten; Erzählung, Skizzen, Stu­dien, Naturschilderungen. Das Versepos verschwand völlig.

Drama:

Hier hatte bereits Anzengruber mit der Tradition des französischen Gesellschaftsstückes und der üblichen Lustspiele gebrochen. Der endgültige Durchbruch des konsequenten Naturalismus im Drama durch Holz, Schlaf und Hauptmann ist verknüpft mit der Gründung der "Freien Bühne" 1889 (literarischer Verein nach dem Muster des Pa­riser "Theatre libre"). "Das Drama hat vor allem Charaktere zu zeichnen, die Handlung ist nur Mittel". (Arno Holz). Niederschlag dieser Tendenz wurden die ausführlichen szenischen Bemerkungen, die verpflichtend waren. Nach dem Vorbild der psychologischen Dramen Ibsens bevorzugte man die analytische Technik, die vor­sichtige Aufdeckung eines zurückliegenden Verbrechens, die unab­wendbare Annäherung der Katastrophe, geringe Personenzahl (meist fünf), die "natürliche" Einheit von Ort und Zeit.

Lyrik:

Die naturalistische Lyrik erfasste als Themen Technik, Großstadt und Großstadtmenschen zum ersten Mal. In der Dar­stellung wurden Pathos, Schönheitsdrang, Mystik ausgeschlossen. Man verbannte Vers, Reim, Strophen, selbst freie Rhythmen, sondern forderte notwendige Rhythmen, die vom Stoff her sich der Prosa nähern mussten. Musterbeispiel konsequenter naturalistischer Lyrik war Arno Holz' Gedichtfolge „Phantasus" 1898: Die Wirklichkeit sollte festgehalten werden in all ihren Klängen, Geräuschen, Farben, Lichtern, Pausen und Unterbrechungen.

Zentren und Zeitschriften:

Zentren des Naturalismus in Deutschland waren vor allem München und Berlin, wo sich viele kleine Literatengruppen bildeten.

München:
Die Münchener Gruppe entstand 1882 unter Führung von Michael Georg Conrad, Karl Bleibtreu. Zeitschrift "Die Gesellschaft" (seit 1885). In "Revolution der Literatur.", 1885, rechnete Bleibtreu mit der gesamten Literatur des 19. Jahrhunderts ab (auch mit Goethe, Grillparzer, Hebbel)

Berlin:
Hier beginnt die Bewegung mit den "Kritischen Waffen­gängen", 1882, der Brüder Heinrich und Julius Hart. Um diese beiden Brüder bildete sich 1883 ein Kreis von etwa 20 Per­sonen, vielfach Studenten, darunter; Arno Holz u. Joh. Schlaf (die die eigentlichen Begründer des dt. Nat. wurden), G. Hauptmann u.a. (Von den Harts erschien außerdem "Kritisches Jahrbuch", 1889-90; von Heinrich Hart "Berliner Monatshefte für Literatur, Kritik und Theater", 1885).

Eine zweite Berliner Gruppe war der 1886 von Konrad Küster, Leo Berg u. Eugen Wolff gegründete "Verein 'Durch’", dessen Mitglieder sich auch das "Jüngste Deutschland" nannten. Zeitschrift: "Akademische Zeitschrift", außerdem der literarische Verein "Freie Bühne" und das dazugehörige Theater, gegründet 1889 (nach dem Muster des Parisers „Theatre libre").

Dieser Verein wurde entscheidend für den Durchbruch des konsequenten Naturalismus. Die Aufführungen wurden geleitet von Otto Brahm (1856-1912) und waren wegen der Zensur nicht öffentlich. Die Aufführungen wur­den eröffnet mit Ibsens "Gespenster”, es folgte G. Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang". Zeitschrift: "Freie Bühne für modernes Leben" (seit 1890, hgg. von Otto Brahm, Red. Arno Holz), dann als "Neue Dt. Rundschau", 1894-1904.

Bald nach Gründung der "Freien Bühne“ standen die konsequenten Naturalisten im Gegensatz zu den Münchner Frühnaturalisten, Konrad Alberti und Karl Bleibtreu gründeten in Berlin die „Deutsche Bühne".


Hauptvertreter


Drama:

Gerhard Hauptmann:

„Vor Sonnenaufgang“ 1889
„Die Weber“ 1892 (Höhepunkt des nat. Dramas.)
„Das Friedensfest“ 1890
„Einsame Menschen“ 1891
„Kollege Crampton“ 1892
„Der Biberpelz“ 1893
„Florian Geyer“ 1896
„Fuhrmann Henschel“ 1898
„Michael Kramer“ 1900
„Rose Bernd“ 1903
„Gabriel Schillings Flucht“ 1912
„Hanneles Himmelfahrt“ 1894 (symboIst. Drama mit natur. Rahmen).

Arno Holz:

„Familie Selicke“ 1890

Hermann Sudermann:

„Die Ehre“
„Sodoms Ende“
„Johannisfeuer“
„Die Heimat“
„Schmetterlingsschlacht“
„Das Glück im Winkel“
„Das hohe Lied“
Max Halbe: „Jugend“
„Mutter Erde“
„Der Strom“

Ludwig Thoma:

„Magdalena” u. a

Karl Schönherr:

„Erde“
„Glaibe und Heimat“
„Volk in Not“


Roman:

Theodor Fontane:

(Vorläufer siehe oben!)

G. Hauptmann:

„Bahnwärter Thiel“ 1887 (Novelle)

Karl Bleibtreu:

„Schlechte Gesellschaft“

Max Kretzer:

„Die Verkommenen“
„Meister Timpe“

Hermann Sudermann:

„Frau Sorge“
„Der Katzensteg“

Arno Holz u. Joh, Schlaf:

„Papa Hamlet“ 1889 (3 Skizzen, Muster­stück des Sekundenstils).

Max Halbe:

„Frau Mesek“ (Novelle)
„Der Ring des Lebens“ (Novelle)

Ludwig Thoma:

„Andreas Voest“
„Der Wittiber“
„Der Ruepp“


Lyrik:

Arno Holz:

"Phantasus" 1898 (Gedichtsammlung)

Porträt von Ludwig Thoma
Porträt von Ludwig Thoma

Wirkung und Wertung des Naturalismus


Im Naturalismus erreichte die bereits in der Epoche des poetischen Rea­lismus deutlich spürbare materialistische Lebensauffassung ihren Höhepunkt. Der größte Teil der naturalistischen Schriftsteller bekannte sich zum Sozialismus und stand im Gegensatz zur bestehenden Ge­sellschaftsordnung und dem Bürgertum und seiner Kunst. Während der Schriftsteller des Realismus noch eine bürgerliche Existenz geführt hatte, betonte der des Naturalismus die Unsicherheit und Unbürgerlichkeit seiner Lebensform, wurde zum Außenseiter der Gesell­schaft und fühlte sich darin dem Proletarier verwandt.

In seiner Opposition und Aggression gegen die bürgerliche Lebens­sphäre, die als weltfremd, unfruchtbar, dekadent und verlogen empfunden wurde, ist die geistige Haltung des Naturalismus gekenn­zeichnet durch:

Kampf gegen Herkommen und Überlieferung, Skepsis gegen die Bildungs­werte der Vergangenheit, die ihre Kraft verloren; Sturz der Groß­macht der Antike, der Verlust des von Klassik und Realismus ge­schaffenen Ausgleichs von Verstand und Gefühl, Individuum und Gemeinschaftswille, Bestreben neu, originell und individuell zu sein; revolu­tionäre Art zu denken und das Leben zu gestalten; Verachtung alles Typischen, aller allgemein gültigen Formen und Normen; Preisgabe aller allgemein verbindlichen Normen des Glaubens, der Weltan­schauung, einer umfassenden Idee, ja des Verstandes.

Dies alles übte noch seine Wirkung aus, als der Naturalismus selbst schon überholt und abgetan war.

Das Hauptanliegen des Naturalismus war das Nein zur Lebenslüge und seine Demaskierung, um einer reineren Wahrheit eine neue Welt auf­zubauen.

Der konsequente Naturalismus blieb eine Episode und musste es blei­ben und ist heute endgültig überholt, da - wie die stärkeren Ta­lente auch bald erkannten - ein lückenloser Abklatsch der Natur war. Es wurde erkannt, dass ein photographisches Nachzeichnen der Natur überhaupt nicht Kunst, ja nicht einmal durchführbar ist, (Dichtung kann die Wirklichkeit nur vortäuschen, nicht wiederholen). Die großen Dich­ter konnten sich praktisch dem Einfluss der überlieferten Kunstauf­fassung seit Homers Zeiten nicht entziehen, noch weniger der Ein­sicht, dass Kunst Sinngebung des Lebens ist und dass zur Kunstgestaltung der Geist des Menschen über der Materie, über dem Stoff schwe­ben muss, dass der sichtende und schauende Geist auch zur Naturwirk­lichkeit gehört, dass erst die Verbindung von Idee und Natur Kunst erzeugt.

Keiner der deutschen naturalistischen Dichter ist ganz auf ein Programm oder be­stimmte Grundsätze festzulegen; sie wechseln bald die Stellung und nehmen impressionistische, symbolistische, neuromantische, neu­klassische und expressionistische Tendenzen auf. In ihnen jagten sich schnelllebig neue Moden und Richtungen, alle lo-2o Jahre wurde das Vorausgegangene abgelehnt, immer gewagtere Experimente angestellt.

Weltanschaulicher und sozialer Hintergrund: Materialismus und Sozialismus


Materialistische Wissenschaft und Lebensauffassung:

Auf Grund ihrer überwältigenden Fortschritte ging weltanschaulich die Führung an die Naturwissenschaften über; diese beeinflussten die Lebensanschauung und drängten die Geisteswissenschaften zurück.


In dem von der Biologie gefundenen Entwicklungsbegriff fand man den scheinbar alles erklärenden Schlüssel zu einer naturwissenschaftlichen–materialistischen-mechanistischen Erklärung der Welt. Auch der Mensch erschien wie Pflanze und Tier bloß ein naturhaft-stoffliches Produkt aus Vererbung (Sinne, Triebe) und Umwelteinflüssen. (Allenfalls ließ man noch den Intellekt gelten, der aus Nützlichkeitserwägungen handeln kann.)

Er ist damit eingespannt in einen naturgesetzlichen, "determi­nierten“ Ablauf der Dinge; es gibt daher keine freie Selbstbe­stimmung, keine Willensfreiheit. Das bedeutete Leugnung aller Transzendenz (alles was über das sinnlich Erfassbare hinausging), Abfall von Geist und Metaphysik, antimetaphysische Sicht der Welt, Primat des Stofflichen, Sinnhaften; alleinige Anerkennung des Diesseits, der Erde und des kur­zen Lebens auf ihr. Der Mensch ist daher selbstherrlich, keinem überweltlichen Wesen verantwortlich, ist Mitte allen Seins. Die Transzendenz war freilich schon dem deutschen Idealismus (Sturm und Drang, Klassik, Romantik) weitgehend verlorengegangen, soweit nicht der Offenbarungsglaube neue Zugänge erschloss. Sein Pantheismus ver­mochte trotz aller Geistigkeit sich nicht zu befreien vom reinen Diesseits des Ichs und der Welt. Das Wort von der "Immanenz" Gottes tarnte nur notdürftig einen Atheismus, Im poetischen Realismus wurde dann die materialistische Lebensauffassung schon deutlich spürbar, wenn auch der Vorrang des Geistes noch in Geltung blieb. Der reine Materialismus ist daher nicht bloß Gegenströmung, sondern auch konsequente Weiterbildung der bisherigen Weltanschauung, die den Menschen zur Mitte des Seins machte.

Die Biologie erklärte alles mit Entwicklung, zeigte die organische Welt in aufsteigender Linie von der Zelle bis zum Säugetier, er­klärte in der Abstammungslehre die biologischen Arten durch natür­liche Auslese der anpassungsfähigeren Kreatur im Daseinskampf, leugnete die Ausnahmestellung des Menschen und erwies ihn wie die Pflanze und das Tier als bloßes Produkt von Erbmasse und Umwelt. (Charles Robert Darwin, 1809-92), „Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“, 1859). Die Psychologie beschrieb das Seelenleben des Menschen als eine nach ”mechanischen, kausalen Gesetzen sich abwickelnde Punktion, (Ernst Haeckel, 1834-1919, Darwins bedeutender Schüler in Deutschland ("Natürliche Schöpfungsgeschichte", 1868.)

Die Philosophie betrachtete die Erfahrung, das Experiment, Zahl und Erfahrungsgesetz als alleinige Basis menschlichen Wissens, die geistige Welt sei nur eine Funktion des körperlichen Mechanismus und funktioniere wie die natürliche nach Kausalgesetzen (Empiris­mus, Positivismus). (Auguste Comte» 1798-1857). Auch die morali­schen Vorstellungen gründen sich auf ererbte Erfahrungen, und zwar des Nützlichen. Gut sei, was der Selbsterhaltung des einzelnen und der Gruppe diene, schlecht, was sie schädige. (Herbert Spencer, 1820-1903) Wert oder Unwert der Handlungen hängt von den Folgen ab, die sie für die Gesellschaft haben, Ziel müsse sein; das größte Glück für die größte Zahl zu schaffen. Ein steigendes Übergewicht der altruistischen gegenüber den egoistischen Motiven sei für die Zukunft zu erhoffen - da man ja, nach Darwins Lehre, auf eine Aufwärtsentwicklung des Menschen hoffen dürfe. (Herbert Spen­cer; John Stuart Mill, 1806-73«) Aus all dem folgt materialistischer Atheismus, Leugnung der Offenbarung usw. (Ludwig Feuerbach,1804-72, "Das Wesen des Christentums", 1841, "Kirchenvater" des dt. atheistischen Materialismus; Ludwig Büchner, “Kraft und Stoff", 1855; David Friedrich Strauß, 1808-74).

In der Erziehung wurde an Stelle der humanistischen Bildung mit dem Ziel einer einheitlichen geistigen Lebenshaltung einer realistischen Fach- und Berufsausbildung.

In der Kunstanschauung erklärte man den Menschen aus Umwelt, ge­schichtlicher Zeit und Rasse (Erbmasse) und forderte daher un­mittelbare Wirklichkeitsschilderung, (Hippolyte Taine,1828-93, "Philosophie de l'art", 1865 ff.)

In der Wirtschaft herrschte der Liberalismus mit dem Glauben, dass Wirtschaft eigengesetzlich, unabhängig von sittlichen Forderungen sei. Freihandel, Gewerbefreiheit, freie Konkurrenz, freie Arbeiter­verträge, freie Preise, Freizügigkeit, (Höhepunkt um 1870.)

In der Politik herrschte der Machiavellismus; Staatsvergötterung; Der Staat ist der höchste Wert und sittliche Zweck des Menschen; alles hat dem Nutzen des Staates zu dienen.

Sozialismus, soziale Umschichtung:

Der Naturalismus fiel in die Zeit des politischen und wirtschaftli­chen Imperialismus, eines gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwunges (in Deutschland vor allem nach dem Sieg über Frankreich 1870/71) und des An­wachsens ungeheuren Kapitals in den Händen der Unternehmer und in weiten Kreisen des Bürgertums, Der erbarmungslose Konkurrenzkampf beschleunigte auf der anderen Seite die Verarmung weiter Schichten, die sozialen Gegensätze verschärften sich. Die soziale Frage wurde zum Hauptproblem der Innenpolitik. In den Großstädten strömten die Arbeitermassen zusammen. Die Städte mit ihren Wohnkasernen und In­dustriewerkstätten wuchsen ins Ungeheure. Die wirtschaftlich-indu­strielle Entwicklung hatte einen neuen Stand geschaffen, die Masse der Arbeiter, den 4. Stand, der das Bürgertum zuerst der Zahl nach, dann auch dem Einfluss nach zurückdrängte. Das Bürgertum ergab sich einem satten Genießen und kultureller Sorglosigkeit, das schöpferi­sche Leben schrumpfte in erschreckendem Masse zusammen, (Warnend erhoben Jakob Burckhardt und Friedrich Nietzsche ihre Stimmen). Die Arbeitermassen waren zum größten Teil vom kulturellen Leben ausgeschlossen. Das Leben klaffte in stärksten Gegensätzen ausein­ander.

Die elenden, erst allmählich verbesserten Lebensbedingungen der Arbeiter, der "Proletarier", rückten die Sorge um Brot und Kleidung und die soziale Frage in den Vordergrund, die Fragen der Bildung, das Interesse am harmonisch gebildeten Menschen, das Humanitätsideal in den Hintergrund. Die Humanität des 3. Standes (Bürger) wich dem Sozialismus des 4. Standes. Die von Karl Marx (1818-83) begründete Gesellschafts- und Geschichtslehre (Hauptwerk; "Das Kapital", 1. Band 1867) formte das allgemeine Denken.

Der Staat erschien als Unterdrücker des Individuums, vor allem der unteren Klassen. Nur im Zusammenschluss konnte man sich seiner und der Unternehmer erwehren. Das Proletariat wird zusammengeschweißt durch leidenschaftliches Standesbewusstsein, bittere Not, Hass gegen die Besitzenden, gegen die Gesellschaftsordnung, die solche Zustände herbeigeführt. Das "Manifest der kommunistischen Partei" 184-7, das den Sozialismus und Klassenkampf grundlegte, forderte Übernahme der Staatsgewalt durch das Proletariat, Verstaatlichung der Be­triebe und Produktionsmittel, Man forderte höhere Löhne, Herab­setzung der Arbeitszeit, Ausschaltung der schlechtbezahlten Kinder- und Frauenarbeit. Von Wilhelm Liebknecht und August Bebel, Anhän­gern Marx1, wurden nach dem Vorbild der englischen Trade Union 1869 die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei" gegründet und die deutsche Arbeiterschaft in Gewerkschaften organisiert (1, Kongress 1868).

Eine umfangreiche soziale Gesetzgebung des Staates setzte ein. Das Proletariat wurde in seiner Großstadtexistenz zuerst Gegenstand, dann teilweise auch Träger der neuen Dichtung. Neuer Lebensstil rief aber auch einen neuen Kunststil hervor. Der Realismus hatte die Poesie der bürgerlichen Berufe entdeckt, der Naturalismus erschloss der Dichtung die Welt der Proletarier mit Fabrik und Großstadt. Der Held der Dichtung ist nicht mehr der einzelne, sondern die Klasse. Die Anteilnahme an dem Leben des 4. Standes, seinen Lebensformen, Nöten, Hoffnungen traten nun zum 1. Mal in voller Breite in den Be­reich der Kunst.

Honoré de Balzac (1799-1850)
Honoré de Balzac (1799-1850)

Einfluss der ausländischen Literatur


Der deutsche Naturalismus entwickelte sich im engen Anschluss an den gemein­europäischen Naturalismus, zumal das politische, soziale und allgemeine kultu­relle Leben Europas immer mehr parallel lief. Frankreich, Skandina­vien und Russlandgingen im dichterischen Naturalismus führend voran, während Deutschland und Österreich auf dem Gebiet der Musik maßgebend blieben und im wissenschaftlichen Materialismus und Sozialismus Europa und die Welt in Gärung brachten.

Frankreich:

Honoré de Balzac (1799-1850): mit seinen Zeitgemälden wirkte auch jetzt noch.

Gustave Flaubert (1821-80): desgleichen.

Guy de Maupassant
(1850-93): zeichnet den Menschen vor allem als reines Triebwesen, in seiner Hässlichkeit und Mittelmäßig­keit, brutal in seinen Begierden, abstoßend in seiner Selbstsucht, auf der Jagd nach dem Vergnügen oder dem Glück, das er fast immer in ma­teriellen Gütern sucht. Primitive Psychologie, Strenge Einfachheit des Stils. (Novellen; "Bel Ami", "Stark wie der Tod" u.a.).
Die Brüder Edmond (1822-96) und Jules Concourt
(1830-70): Behandlung sozialer Probleme.

Emile Zola
(1840-1902): Er ist der wichtigste theoretische und prak­tische Wegweiser des europäischen Naturalismus mit seinem "roman experimental" (experimenteller Roman) "Des Rougon-Macquarta“ (20 Bände), 1871/93. Er prägte die naturalistische Definition des Kunstwerkes als eines "Stückes Natur, gesehen durch ein Temperament". Aufgabe des Dichters war (die er auch selbst durchführte): den Men­schen aus den Gesetzen der Vererbung und der mit photographischer Genauigkeit wie der gegebenen Umwelt (Milieu) zu erklären. Diese Theorie in die Praxis umsetzend, schuf er den "roman experimental", den Ver­such einer mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitenden Darstellung (exakt bis ins Detail) der Zeit und des Lebens. Überzeugt davon, im klinischen Befund den ganzen Menschen zu erfassen, erklärte er das ganze menschliche Leben durch Neurose und Ernährung und wandte dem Niedrigen und Krankhaften im Menschen seine besondere Aufmerksamkeit zu (Breite Bilder körperlichen und seelischen Elends, eingehende Darstellung von Lastern aller Art.). Dabei erreichte er aber gerade das Ziel seiner Dichtung nicht. Denn seine Theorie des "experimen­tellen Romans" beruht von vorneherein auf einem Denkfehler: Er hat den Unterschied außer Acht gelassen zwischen einem chemischen oder physi­kalischen Experiment, das sich kontrollieren lässt, und den Bedingun­gen der Dichtung, die sich nicht kontrollieren lassen. So lehrt uns die ganze Romanreihe der "Les Rougon-Macquarts" (Geschichte einer Familie unter dem 2. Kaiserreich) nicht nur nichts über die Gesetze der Vererbung, sondern erreicht nicht einmal den Eindruck der Lebensechtheit. Sogar das Individuum, das der Hauptgegenstand der wissen­schaftlichen Darstellung sein sollte (indem an ihm die Gesetze der Vererbung und der Einfluss des Milieus sichtbar werden sollten), wird lebendig vor uns hingestellt, im Gegenteil; die Dürftigkeit der Charaktere in Zolas Romanen ist unbestreitbar.- Wenn er auch in der Darstellung des Individuums versagt, so ist er doch ein Meister in der Darstellung der Masse, besonders großartig in "Germinal", wo er in erschütternden Elendsbildern die Bergarbeiterschaft zeichnet, wie sie durch Streik und Aufruhr vergeblich nach einem menschenwürdigen Dasein ringt. Aber indem er hier wie anderswo die Wirklichkeit zur Erzielung symbolischer Wirkung verzerrt und übersteigert, erweist er sich im Grunde als Romantiker einer schweren und düsteren, aber doch nur geträumten Welt.

Skandinavien:

Der starke Einfluss der skandinavischen Literatur ist vor allem auf den dänischen Literaturhistoriker Georg Brandes (1842-92) zurückzuführen, der die sozialkritische Literatur der nordischen Länder nach Deutschland vermittelte (seit 1871 in seinen Kopenhagener Vorträgen),

Die wichtigsten nordischen Vertreter (daneben viele andere):

Jens Peter Jacobsen (1847-85) (Dänemark): dessen "Niels Lyhne" (188o) prägt den Typ des "halben Helden“. Entwicklung der Charaktere aus Ver­erbung und Umwelt, Romane.

August Strindberg (1849-1912): Damals waren nur sein Journalistenroman „Das rote Zimmer1” (rücksichtlose Kritik an der bürgerlichen Gesell­schaft) und die Dramen "Der Vater" (1887) und "Fräulein Julie" (1888) von Bedeutung. Seine große Wirkung setzte erst mit dem Symbolismus ein, - Schwede.

Björnstjerne Björnsons (1852-1910) (Norwegen): Dramen über Fragen der Gesellschaftsmoral „Ein Handschuh”, “Wenn der junge Wein blüht”). (Daneben Erzählungen aus dem norwegischen Bauernleben.)

Henrik Ibsen (1828-1906) (Norwegen): Maßgebend vor allem für das naturalistische Drama in Deutschland. (Lebte lange in München und ließ gleichzeitig seine Werke norwegisch und deutsch erscheinen.) Begann als Romantiker, wandte sich aber später schroff gegen Romantik und Idealismus.

Romantische Dramen:
Die Kronprätendenten“ (aus dem norwegischen MA).
„Nordische Heerfahrt“ (Völsunga-Saga)
„Peer Gynt“ (der nordische "Faust", ein großes Gedankendrama): Peer Gynt ist der Mensch, der auf der Jagd nach dem Glück die ganze Welt durchstürmt, als gescheitert heimkehrt und erkennt, dass er das Glück zu Hause versäumt hat,- (Überlastung mit Symbolen).

Übergangswerk:
“Kaiser und Galiläer": der romantische Versuch des römischen Kaisers Julian, das bereits erstarkte Christentum wie­der durch die heidnische Götterwelt zu verdrängen. Die Tragik Julians liegt darin, dass er nicht begreift, dass sich eine abgestorbene Welt nicht künstlich wieder beleben lässt und das Zeitalter der Schönheit von dem der Wahrheit abgelöst wird,

Naturalistische Dramen:
Seine Gesellschaftsdramen demaskieren schonungslos die Schwächen der bürgerlichen Gesellschaft, ihre Lebenslüge, die Fragwürdigkeit oder Wertlosigkeit ihrer überlieferten Werte, reißen die Schleier herunter von allem Schein, entlarven hinter hohlen Phrasen die Lieblosigkeit und Erbärmlichkeit der Menschen und beweisen, dass die morbide Gesellschaft unerbittlich dem Verfall preis­gegeben und das Schicksal sich an ihnen für ihre Unwahrhaftigkeit gegen sich selbst rächt. Da der Dichter jedoch keinen Ersatz anbieten kann, mündet seine Gesellschaftskritik in tiefem Pessimismus. Schließlich endet er mit der Aberkennung der "Lebenslüge" als einzigem inneren Halt für den Durchschnittsbürger ("Wildente"). Neben der Gesellschafts­kritik beschäftigt sich Ibsen mit Fragen der Frauenemanzipation und der Vererbung. Indem er anstelle des Fatums die Vererbung setzt, schuf er die moderne Schicksalstragödie.

Dramatische Technik:
Ibsens Probleme sind heute fast durchwegs über­holt, aber mustergültig ist auch heute noch seine dramatische Technik: Verwendung der analytischen 'Technik (bekannt aus Sophokles* "Ödipus"): Die Handlung auf der Bühne dient nur der Ent­hüllung des jeweiligen "Falles” aus seiner Vorgeschichte. Unübertroffen meisterhafte Führung des Dialogs, der scheinbar absichtslos über die Dinge des Alltags dahingleitet, aber in Wirklichkeit genau durchdacht ist und zielbewusst auf das Thema hinsteuert und in dem kein Wort zu­fällig oder überflüssig ist. Zu den Problemen gibt er keine Lösungen, sondern setzte an den Schluss das für den Naturalismus typisch gewor­dene Fragezeichen.

“Nora“ (1879» über Ehe und Frauenemanzipation; die Frau in ihrer Gegenwehr gegen die Auffassung, dass sie nur Spielzeug des Mannes sei) “Stützen der Gesellschaft1'' (die Morschheit der bürgerlichen Gesell­schaft), “Gespenster“ (1881, Vererbung, Heimsuchung der Kinder durch die Sünden der Väter), “Rosmersholm", "Die Frau vom Meer”, "Wildente“, „Ein Volksfeind“,

Russland:

Im Zarenreich war es bezeichnend für seine führenden Gesellschaftsschichten, Adel und Großbürgertum, dass unter dem dünnen Firnis west­europäischer Zivilisation ein eigentümlich barbarisches Denken und Fühlen wirksam blieb, Die Neigung zur Trunksucht mit allen ihren mo­ralischen und wirtschaftlichen Folgen war das einzige Band zwischen jenen und dem eigentlichen Volke, das, leibeigen auf dem Lande, wur­zellos in den Städten, in tiefstem geistigen und materiellen Elend dahinvegetierte. Das Mitleid mit diesen Enterbten des Schicksals trieb die russischen Dichter dazu, in erschütternden Bildern dieses Elend zu schildern, um dadurch zu seiner Beseitigung aufzurufen.

Damit verbindet sich häufig ein aus der östlichen (passiven) Religio­sität fließender mystischer Zug. - Mitleidsdichtung.

Nikolai Gogol (1809-1852): Begründer des russischen Realismus bzw. Naturalismus mit seinen realistischen Romanen und Novellen, “Die toten Seelen"* (soziale Satire); "Der Mantel“ (Tragödie eines Schnei­dermeisters; die erste Erzählung der russischen Literatur, die um Mitleid mit dem unbedeutenden und unterdrückten Menschen wirbt); die Komödie “Der Revisor“ (grimmige Satire auf die Beschränktheit und Bestech­lichkeit des zaristischen Beamtentums; diese Komödie auch heute noch sehr wirksam.)

Fedor Dostojewski (1821-81): Sohn eines Arztes und Gutsbesitzers, aufgewachsen in Moskau und Petersburg, wegen Teilnahme an einer Verschwörung vier Jahre in Sibirien, dann in einem sibirischen Regiment; Reisen nach Deutschland und in die Schweiz, Nach jahrelan­ger Epilepsie an einem Blutsturz gestorben. Er war Mystiker und Gottsucher, Künder sozialen Empfindens, psychologischer Realist.
Er nennt sich selbst einen “Proletarier-Literaten“. Thema seines ge­samten Schaffens ist das Leben der Erniedrigten und die verzweifelte Menschenseele, die aber trotz aller Verirrungen sich immer wieder er­hebt, getrieben von Liebe und Sehnsucht nach dem Guten. Er ist ein unübertrefflicher Seelenschilderer und ihrer feinsten Regungen in allen ihren Höhen und Tiefen, er sucht die höchsten und tiefsten Ge­heimnisse der menschlichen Seele, die letzten Geheimnisse des Lebens und Sterbens und der Sehnsucht nach Erlösung zu enträtseln und dar­zustellen mit einer unerhörten Leidenschaft und Dämonie und einer geschliffenen Dialektik. Seine Gestalten sind entweder von einem bösen Dämon gerittene Wesen, andere wieder von einer fast überirdischen Reinheit und Weichheit. Immer ist er von tiefstem Mitleid und Ver­stehen der gequälten Menschheit besessen. Seine Romane spielen fast ausnahmslos in der Großstadt, besonders in Petersburg, dessen Elends­viertel er mit ungeheurer Kraft und Anschaulichkeit schildert und ins Unheimliche und Gespensterhafte steigert. Doch lehnt er alle Versuche ab, die sozialen Probleme durch äußere Mittel zu lösen. Vielmehr er­sehnt er die Erlösung allein von der erbarmenden Liebe Gottes, der sich dem Demütigen und Liebenden offenbart, selbstherrliches Über­menschentum aber an der eigenen Überheblichkeit scheitern lässt. Er ist einer der größten Seelenschilderer der Weltliteratur; aber immer sind es nur passive, leiderfüllte, von Leidenschaften durchtobte und kranke Seelen. Seine Werke übten einen starken geistigen Einfluss auf die Mit- und Nachwelt aus, mehr noch im Ausland als in Russland selbst.
"Die Erniedrigten und Gekränkten.“ * ''Memoiren aus dem Totenhaus" (unerhört realistische Schilderung der Erlebnisse unter Sträflingen in der Hölle Sibiriens), "Der Spieler" (die Raserei der Leidenschaft). "Die Dämonen", "Schuld und Sühne" (die seelischen Reuequalen des aus Nächstenliebe und Mitleid zum Mörder werdenden Raskolnikow). "Der Idiot" (in den Tiefen der Seele treffen sich die Extreme der Güte und des Sadismus). "Die Brüder Karamasow" (die geradezu tierische Leidenschaft Dmitris, die bis zum Wahnsinn übersteigerte Intelligenz Iwans, die religiöse Verzücktheit des Mönches Aljjoscha).

Leo Tolstoi (1828-1910): Krasser Naturalist und zugleich idealistischer Prophet, zu seinen Lebzeiten von seinem Volke wie ein Heiliger verehrt. Früh Waise; Jurastudium, dass er aber nicht abschloss, dann Offizier, nahm am Krimkrieg teil und an der Verteidigung von Sebastopol. Dann zwei Jahre in Deutschland, Frankreich und der Schweiz Von der Naturferne und materialistischen Einstellung der westlichen Zivilisation enttäuscht, kehrte er auf sein Familiengut zurück, wo er eine Schule für Bauernkinder gründete und sich mit deren Erziehung abgab. Verzichtete auf sein Gut, verließ im Konflikt mit seiner Familie sein Heim und starb auf der Flucht vor seiner Familie im Warte­saal des Bahnhofs Astapowo bei Kaluga.
In seinen frühen Werken ist er ein lebendiger Schilderer der russi­schen Gesellschaft und des Bauerntums, voll sozialer Anklage und Besserungswillen. Im Mittelpunkt seiner großen Romane stehen nicht Einzelpersonen, sondern das Schicksal einer ganzen Schicht oder Klasse. Unbarmherzig mahnt er die Gesellschaft: sich zu besinnen, dass der Mensch nur durch Selbstüberwindung seines Egoismus zur Ein­heit mit sich selbst und mit Gott kommen könne.
Seine ersten Meisterromane: "Krieg und Frieden" (1864-69, feiert die Einfalt der russischen Seele und ihre Sehnsucht nach Selbsterlösung); "Anna Karenina" (1873-76), ein realistisches Bild aus dem adeligen und großbürgerlichen Leben von Petersburg, Anklage gegen die russi­sche Gesellschaft).
Nach schweren seelischen Krisen wächst Tolstoi immer mehr zu einem fanatischen Wahrheitssucher, Prediger und Propheten heran. Er fängt an, ein ganz asketisches Leben zu führen und will zum Urchristentum zurückkehren, das sich nur vom Licht der Nächstenliebe leiten lasse. Auf vermeintlich "urchristlicher" Grundlage wandte er sich gegen jede Zivilisation, einschließlich Staat und Kirche, Eigentumsrecht, auf Sinnlichkeit gegründete Ehe, Kunst usw. Er selbst zog die Folgerungen aus seinen Lehren, verzichtete auf sein Gut, lebte ganz bedürfnislos wie einer der ärmsten Bauern. Wegen seiner religiösen, lebensphilosophischen Ansichten wurde er aus der orthodoxen Kirche exkommuniziert, aber sein Ansehen im In- und Ausland stieg. Infolge seiner neuen Geisteshaltung wird er in seinen Werken ganz und gar zum moralischen und sozialen Prediger: Immer wiederholt er die Lehre, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, warnt vor Heuchelei, vor Gleichgültigkeit, vor stumpfer Selbstsucht, die vor den Nöten und Qualen der Nebenmenschen die Augen verschließt. Die Lehren des Urchristentums werden einem entarteten Europa entgegengehalten.

Romane:
„Krieg und Frieden“
"Die Kreutzersonate"
"Auferstehung".

Dramen:
"Der lebende Leichnam" (packende Darstellung eines gutherzi­gen, aber haltlosen Mannes);
"Macht der Finsternis" (Zusammenstoß des Christen, der mit den Lehren des Evangeliums Ernst macht, mit der bürgerlichen Gesellschaft und der Staatsgewalt. Starke Wirkung auf das naturalistische Drama.)

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Bildquellen:

Heinrich Hart Von Scan: Goerdten - Aus Spemanns goldenes Buch des Theaters (1902), Scan --Goerdten 09:19, 28. Feb. 2007 (CET), PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2308648

Édouard Manet: Émile Zola (1868) Von Unbekannt - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15...

Arno Holz (1863-1929) Von Erich Büttner, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20...

Gerhart Hauptmann, Fotografie von Nicola Perscheid (1914), gemeinfrei

Theodor Fontane (1883) Von Carl Breitbach (1833–1904) - zeno.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31...

Porträt von Ludwig Thoma von Karl Klimsch, vermutlich 1909, gemeinfrei

Honoré de Balzac (1799-1850) Von Louis-Auguste Bisson - http://images.nzz.ch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53...