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Friedrich Albrecht
Kennst du Anna Seghers?

Von den Träumen, den Werken und dem Leben der Anna Seghers, das man kurz als aher abenteuerlich bezeichnen kann, erzählt dieses Buch. 

Erlebnispädagogik

Erlebnispädagogik

Carolin Eberhardt

Wer den Begriff Erlebnispädagogik (Abk. EP oder EPäd) als Nichtpädagoge irgendwo schon einmal aufgeschnappt hat, könnte annehmen, dass es sich dabei um eine moderne und neue Erziehungsmethode handelt. Doch dem ist keineswegs so. Denn bereits 1958 entwickelte Kurt Hahn sein pädagogisches Modell „Erlebnistherapie“, welches heute als der Ursprung der Erlebnispädagogik angesehen wird. Die ersten Ideenfunken des Konzeptes entstanden allerdings weit früher, als dem ein oder anderen bewusst ist.

Natürlich kamen seit 1958 sehr viele Weiterentwicklungen dieser Richtung hinzu, ihre Anwendung deckt weitere Bereiche ab. Der Vertreter der Reformpädagogik stellte die Erfahrung bzw. das Erleben in der Erziehung über das Belehren. Das heißt, die aktive Auseinandersetzung mit einer Problematik, das Experimentieren hat für ihn alternativ zum Belehren einen höheren Stellenwert. Ebenso wichtig war ihm, dass die Erziehung in der Gemeinschaft erfolgen sollte. Soziale Kompetenz kann nur erlangt werden durch das soziale Lernen. Werte und andere Orientierungen, die zur Ausbildung sozialer Kompetenz führen, müssen in konkreten Handlungen erlebbar sein, um sie verinnerlichen zu können. 

Hahns Konzept basiert des Weiteren auf vier methodischen Grundelementen. Das ist einmal das körperliche Training, am besten in der Natur, um die Fitness zu verbessern. Weiterhin nennt er das Projekt, bei dem ein bestimmtes Produkt als Ergebnis entwickelt wird, um das genaue Durchführen von Aufgaben zu fördern. Das Grundelement Expedition stützt sich auf die Planung und Durchführung mehrtägiger Touren in Naturlandschaften zur Ausbildung von Initiative und Ausdauer. Der letzte Faktor ist der Rettungsdienst, also der Dienst am Nächsten, wobei es hier um gemeinnützige Tätigkeiten geht, um die Anteilnahme gegenüber anderen zu stärken.

Bereits in den 1940er Jahren gründete Hahn für die Umsetzung seines Konzeptes die Outward-Bound-Schule“, in der die Schüler vierwöchige Kurse zum Thema „Erlebnistherapie“ und dem Leitziel „Erziehung zur Verantwortung durch Verantwortung“ belegen konnten.

Die Ansätze der Erlebnispädagogik reichen noch weiter in der Vergangenheit zurück. Ihre Geschichte beginnt bereits bei Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert, der mit seinem Buch „Emile oder über die Erziehung“ als wesentlicher Vordenker des Konzeptes gilt. In der Publikation sagte er:

„Die Natur oder die Menschen oder die Dinge erziehen uns. Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte; die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte. Die Dinge aber erziehen durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen. Und durch die Anschauung.“

 

Im Mittelpunkt seiner Theorien steht das Erlebnis und die Unmittelbarkeit. Das heißt, in seinem Konzept gibt es eine Erziehung ohne Erzieher, gelernt wird durch die Natur. Durch eigenes Erfahren und Erleben mit den Sinnen sollen Lernprozesse erfolgen. Negative Erfahrungen durch unpassendes Handeln sind dabei förderlich, um sich als freier Mensch zu entwickeln.

Im 19. Jahrhundert entwickelte Henry David Thoreau diesen Ansatz des frühen handlungsorientierten Unterrichts weiter. Seiner Ansicht nach sind Luxus, Bequemlichkeit, Mode, Zivilisation und Technik als Zeitgeist seiner Epoche der Grund für den Verlust der Unmittelbarkeit. Das Erlebnis selbst kann am besten erfahren werden in einer Auszeit aus dem vertrauten sozialen Umfeld und entfernt von den alltagsbedingten Verpflichtungen. Thoreau war auf der Suche nach den eigentlichen Lebensbedürfnissen des Menschen, der wirklichen Freiheit, und führte in seiner selbstgebauten Blockhütte in der Nähe von Concord zweieinhalb Jahre zu experimentellen Zwecken ein bedürfnisloses Leben. Aufbauend auf seinen Erfahrungen kam er zu dem Fazit, dass die Gründung von Volkshochschulen die Menschen einen Schritt weiter in Richtung ihrer tatsächlichen Bedürfnisse führen kann.

Weitere Wegbereiter waren John Dewey, bei dem der Begriff Erfahrung in den Mittelpunkt rückt, Lord Baden-Powell, der 1907 die erste Pfadfindergruppe Englands gründete sowie Martin Luserke, der 1925 die Schule am Meer eröffnete und sich auf eine naturnahe Erziehung berief.

Tatsächlich gibt es auf Grund ihrer verschiedenen Richtungen nicht die eine Definition des Begriffes Erlebnispädagogik. Der eigentliche Begriff basiert auf den Theorien des Erziehungswissenschaftler Jörg W. Ziegenspeck, der als „Vater der modernen Erlebnispädagogik“ bezeichnet wird. Er etablierte das Konzept als Teil-Disziplin der Erziehungswissenschaft in Deutschland. Für ihn ist die Erlebnispädagogik eine „Alternative Ergänzung tradierter und etablierter Erziehungs- und Bildungseinrichtungen“.  Dabei geht es Ziegenspeck vorrangig um den ganzheitlichen Ansatz. Das unmittelbare Lernen mit Herz, Hand und Verstand in Ernstsituationen und kreativen Problemlösungsansätzen und sozialem Aufforderungscharakter stehen im Mittelpunkt.

Erlebnispädagogik heute lebt, trotz der vielen dazu existierenden theoretischen Ansätze, insbesondere in der Praxis. Gemeinschaftlich die Natur erleben, sich bewegen, naturnahe Erfahrungen sammeln und sich der eigenen möglichen Freiheit bewusstwerden. Es basiert auf einem handlungs- und erfahrungsorientiertes Erziehungs- und Bildungskonzept, welches unter anderem in verschiedenen praxisbezogenen Seminaren und Weiterbildungen vermittelt wird.

 

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Textquellen:

Raithel, Jürgen; Dollinger, Bernd; Hörmann, Georg: Einführung Pädagogik: Begriffe, Strömungen, Klassiker, Fachrichtungen, 3. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, 2009, S. 209 ff.

Fischer Torsten; Ziegenspeck, Jörg W.: Handbuch Erlebnispädagogik, Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 2000, S.27.

Baig-Schneider, Rainald: Die moderne Erlebnispädagogik: Geschichte, Merkmale und Methodik eines pädagogischen Gegenkonzepts, Augsburg: ZIEL- Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH, 1. Auflage, 2012.

Eisinger, Thomas: Erlebnispädagogik kompakt, Augsburg: ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH, 2. überarbeitete Auflage, 2016.

 

Bildquellen: 

Vorschaubild: At work at the Forest School, 2016, Urheber: RMSC rochester via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

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