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Krabat

Florian Russi | Andreas Werner

Krabat ist die bekannteste Sagenfigur aus der Oberlausitz. Das Müllerhandwerk und das Zaubern hatte er vom "schwarzen Müller" erlernt, von dem man gemunkelte, dass er mit dem Teufel im Pakt stand. Irgendwann musste es zum Machtkampf zwischen Meisetr und Schüler kommen.

Die Hauptwirkungsstätte Krabats war die Mühle in Schwarzkollm, einem Dorf, das heute zu Hoyerswerda gehört. Die Mühle besteht noch und hat nach umfänglicher Restaurierung nichts von ihrer Romantik und Magie verloren. Seit 2012 finden hier die Krabat-Festspiele statt.

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Krabat und die Mühle

Krabat und die Mühle

Alfred Meiche

In den düsteren Jahrhunderten des Mittelalters, als der Rübezahl noch unartige Kinder heimsuchte und die Menschen an Hexen, Geister und Nixen glaubten, lebte im Dorf Eutrich bei Königswartha ein armer wendischer Viehhirte. Seine Hütte war die kleinste und schäbigste im ganzen Ort. Eine spartanische und einfache Ausstattung erwartete den seltenen Besucher: Die Möbel waren abgenutzt, aus einfachem Holz ohne Polsterung oder etwaigem Schmuck. Die Betten konnten schon bald die Last der Schlafenden nicht mehr tragen. Auch schlief, aß und kochte die Familie in nur einem Zimmer, denn mehr Platz war nicht vorhanden. Im Winter wärmte ein Feuer im löchrigen Kamin die Stube. Es war ein täglicher Kampf ums Überleben. Es half nicht viel, dass der Stiefsohn des Hirten, welcher Krabat gerufen wurde und noch recht jung war, sich als Gänsehüter verdingte, um die Situation der Familie zu verbessern. Es reichte bei Weitem nicht aus, um genügend Brot zu kaufen und satt zu werden. Es verwundert nicht, das Krabat oft dabei gesehen wurde, wie er von Haus zu Haus zog, um sich bei fremden Leuten Almosen zu erbitten. Damit nicht genug: Seine Bettlerzüge dauerten nicht selten wochen- sogar monatelang an. All das Elend und die Pein taten Krabats jugendlicher Schönheit jedoch keinen Abbruch. Auch erfreute er sich, trotz der schlechten oder mangelnden Ernährung, bester Gesundheit.

Eines Tages war der Hirtenjunge wieder einmal auf einer solchen Wanderung unterwegs, als ihn sein Weg in das Dorf Schwarzkollm bei Hoyerswerda führte. Wie er so von Haus zu Haus lief, warnten ihn die Bewohner mehrmals vor dem Müller, der in der sogenannten Schwarze Mühle wohnte. »Bei dem geht es nicht mit rechten Dingen zu, mein Sohn. Der Teufel geht dort täglich ein und aus. Und des nachts hört man dort zuweilen die Hexen kreischen und die Dämonen lachen.« Verwundert ging Krabat weiter. An solchen Hokuspokus glaubte er nicht und so schritt er mutig voran und näherte sich immer weiter der verfluchten Mühle. Von weitem erkannte er nur die schemenhaften Umrisse, denn das Gebäude stand auf einer Anhöhe und war von Nebel umhüllt. Ein Schwarm rastloser Raben umkreiste das Dach und Krabat vernahm das laute Krächzen der vielen Vögel. Kurz zögerte der Junge vor der Tür, bevor er anklopfte, denn ein Schauer lief ihm über den Rücken.

Nach dem ersten zaghaften Klopfen, erfolgte von drinnen keine Reaktion, so dass er nun etwas nachdrücklicher mit der Faust an das große schwarz schimmernde Tor schlug. »Wer da?«, fragte daraufhin eine tiefe, kratzige Stimme, ohne dass Krabat den Besitzer dieser auszumachen vermochte. Mit etwas zittriger Stimme erwiderte Krabat: »W-werter Herr, mein Name ist Krabat. Meine Familie ist von großer Not geplagt und so bin ich von weit her gereist, um ein Almosen von Euch zu erbitten.« Kurz war völlige Stille, auch die Raben hatten sich auf der Dachspitze niedergelassen und gaben keinen Laut mehr von sich. Als die große Tür mit einem lauten gedehnten Quietschen aufsprang, schwangen sich die Vögel mit einem markerschütternden Kreischen zunächst in die Luft, um dann im Sturzflug nur um Haaresbreite an Krabat vorbei zu fliegen. Krabat, der durch das Verhalten der Tiere verängstigt war und sie zu seiner Sicherheit nicht mehr aus den Augen lassen wollte, erschrak sehr, als er sich wieder der Tür zuwandte und vor ihm ein großer Mann in schwarzen, langen Gewändern stand und ihn wohl bereits seit geraumer Zeit von oben bis unten musterte. »Tritt näher, Junge. Lass dich mal anschauen.« Krabat trat widerwillig einen Schritt auf den Mann zu. Wieder wurde er durch die Blicke des Fremden genauestens gemustert, bis dieser dann sagte: »Wie wäre es? Tritt in meine Dienste und dir wird es an nichts fehlen. Ich könnte dir einiges beibringen. Du wirst es nicht bereuen.« Der Junge war sich zwar nicht sicher, ob er das wirklich wollte, doch sein Magen überzeugte ihn energisch mit einem lauten Knurren. So betrat Krabat das erste Mal die sogenannte Schwarzen Mühle und nahm bei dem Müller seine Dienste auf.

Nachdem sein Lehrmeister ihm eine Suppe, einen Kanten Brot und etwas Bier reichte, was Krabat eilig verschlang und hinunter spülte, zeigte der Müller ihm die Mühle. Sofort bemerkte der Lehrling, dass er hier nicht der einzige Knappe war. Neben ihm waren es noch 11 weitere, die ihn neugierig beäugten, während sie lieblos weiterhin ihre Arbeit verrichteten. Die ersten Wochen vergingen ohne merkwürdige Zwischenfälle. Die Arbeit des Mühlenknappen war hart, aber zum ersten Mal in seinem Leben hatte Krabat so viel zum Essen, um davon satt zu werden. Doch mit Schrecken stellte der junge Mann bald schon fest, dass die Einwohner des Dorfes Schwarzkollm nicht etwa dem Aberglauben verfallen waren, sondern der Müller tatsächlich ein Hexenmeister war und seine 12 Knappen, zu denen er nun gehörte, Studierende des bösen Handwerks waren. Nach jedem Lehr- und Prüfungsjahr, so erzählten ihm seine Kameraden, verschwand einer der Schüler spurlos. Wohin derjenige so plötzlich verschwand, konnten oder wollten sie ihm aber nicht sagen. Ein großes Rad vor der Mühle wurde kurz zuvor angedreht und legte durch seine Umdrehung fest, wen von den Hexenschülern es diesmal treffen sollte. Da nun kurz zuvor eine Prüfung abgeschlossen war, füllte Krabat die Lücke des notwendigen zwölften Schülers wieder aus. Denn der Müller musste stets zwölf Knappen verfügbar haben.

Krabat war, auf Grund seiner geistigen Konstitution, ein sehr gelehriger und fähiger Schüler, so dass er sich bereits nach kurzer Zeit das unheimliche Wissen seines Meisters aneignen konnte. Voraussetzung für das Erlernen der schwarzen Magie war allerdings ein Vertrag mit dem leibhaftigen Herrn der Unterwelt selbst. Obwohl er wohl wusste, welcher Gefahr er sich durch diese teuer erkaufte Lehrzeit aussetzte, versuchte er das Beste daraus zu machen. Dennoch beunruhigte ihn allein schon die Abhängigkeit von seinem Meister, dessen magischer Kraft er sich nicht so einfach zu widersetzen in der Lage war.

Die Tage waren lang, die Arbeit hart und der Lernstoff schwer. Schon bald stand der Jahresabschluss wieder kurz bevor. Verängstigt harrten die Jungen dessen, was sich nun unausweichlich wiederholen sollte. Doch Krabat ersann eine List: Er beantragte beim Müller förmlich einige Tage Urlaub, um seine Eltern zu besuchen. Sein Anliegen wurde ihm auch gewährt.

Als er nun so unverhofft und unerwartet in die elterliche Stube eintrat, war die Wiedersehensfreude umso größer. Er erzählte ihnen alles, was er in seiner Abwesenheit erlebt hatte und ließ auch nicht aus, bei wem er vor einem Jahr in die Lehre gegangen war. Darüber war die Mutter entsetzt und traurig zugleich. Gemeinsam saßen sie in der Stube und weinten bitterlich über das bevorstehende Schicksal des verlorenen Sohnes. Als sich Krabat wieder gefangen hatte, verkündete er seinen Eltern: »Mutter, nur ihr könnt mich retten. Wenn ihr es wollt, so kommt nach Schwarzkollm zu der Schwarzen Mühle und verlangt von meinem Meister, dass er mich freilassen soll. Der Müller wird sich darauf einlassen, aber nur unter der Bedingung, dass ihr mich unter den übrigen elf Gefährten heraussuchen könnt. Dies wird aber nicht so einfach sein, wie ihr es euch vorstellt, denn wir werden alle in schwarze Raben verwandelt und gemeinsam in eine Kammer gesetzt. Alle Lehrlinge werden ihren Kopf zur linken Seite wenden, ich aber werde mich als einziger von ihnen unter dem rechten Flügel zupfen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie ihr mich erkennen könnt. Wenn ihr das Zeichen erkannt habt, sagt bestimmt und ohne zu zögern ›Das ist mein Sohn‹ und der Müller muss mich aus seinen teuflischen Diensten entlassen. Denn der Liebe einer Mutter ist auch die Magie des Teufels nicht gewachsen.«

Da der Plan die einzige Hoffnung darstellte, den geliebten Sohn zu retten, willigte Krabats Mutter in das Vorhaben ein. Seine baldige Rettung schon greifbar vor Augen kehrte der Lehrling zurück in die Schwarze Mühle und nur wenige Tage später erreichte seine Mutter Schwarzkollm. Wie ihr Sohn ihr vorausgesagt hatte, reagierte der Müller auf ihre Bitte, ihren Sohn freizugeben damit, dass sie in ein düsteres Kämmerlein geführt wurde, in welchem zwölf Raben auf einer Stange saßen. Kurz nach Betreten des Raumes, forderte der Müller sie auf, ihren Sohn aus den Raben zu wählen. Sie betrachtete die Vögel aufmerksam, bemerke einen Vogel, welcher das verabredete Verhalten an den Tag legte und erwählte diesen zielstrebig und bestimmt. Da die Mutter ihren Sohn richtig erkannt hatte, blieb dem Hexenmeister nichts anderes übrig, als Krabat mit seinem Zauberstab in seine menschliche Gestalt zurück zu verwandeln und beide, Mutter und Sohn, gehen zu lassen. Doch damit war das Ungeschick noch nicht abgewendet. Denn der Müller war über die List des Knaben so erbost und wütend, dass er sich schwor, Krabat mit allen ihm möglichen Mitteln zu verfolgen und zu bekämpfen. Doch das ist eine andere Geschichte...


*****

Textquelle:

In Anlehnung an: Meiche, Alfred: Die Krabat-Sage, in: ders., Sagenbuch des Königreichs Sachsen, Leipzig 1903, S. 538-545; nacherzählt von Carolin Eberhardt.

Bildquelle:

Krabat als Ton-Rabe auf einer Mauer in Schwarzkollm, 2015, Urheber: Dr. Bernd Gross via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Krabatstatue in Schwarzkollm, 2008, Urheber: René Mettke via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Haus des Müllers im Erlebnishof Krabatmühle in Schwarzkollm, Ortsteil von Hoyerswerda, 2012, Urheber: SeptemberWoman via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Rabe, 2016, Urheber: skeeze via Pixabay CCO.

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