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B-Z! Das ist nett! (Teil 2)

Dresdner Schrift-Sprach-Erwerb - 3. Heft

Anne Volkmann und Annett Zilger

Arbeitsheft zum Schreibenlernen

Das Arbeitsheft beinhaltet die Erarbeitung und Positionsanalyse aller noch fehlenden Konsonanten. Diese werden in Silben, Wörtern und Texten gelesen und geschrieben

Rübezahl

Rübezahl

Die ältesten Zeugnisse zur Gestalt des Rübezahls stammen bereits aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Legende über den Berggeist wurde von einer Vielzahl von Autoren, darunter Johannes Praetorius, veröffentlicht. Allerdings erlangte die Sage des Berggeistes erst mit der Publikation Volksmärchen der Deutschen von Johann Karl August Musäus überregionale Bekanntheit. In dem Kapitel Legenden von Rübezahl wird er als "Herr der Gnomen" und "Berggeist" weniger dämonisch und brutal dargestellt als bei Praetorius. Die Herkunft des Namens "Rübezahl" ist nicht eindeutig geklärt. Allerdings kann die folgende Geschichte einen Teil dazu beitragen, die Namensherkunft zu klären. In allen Geschichten über den Herr der Berge wird dieser als launischer Riese oder Berggeist dargestellt. Laut Praetorius ist Rübezahl ein charakterlich sehr ambivalenter „Widerspruchsgeist“, in einem Moment gerecht und hilfsbereit, im nächsten schon arglistig und launenhaft. Musäus charakterisierte ihn als „geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmüthig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten guthmüthig, edel, und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch; albern und weise, oft weich und hart in zween Augenblicken, wie ein Ei, das in siedend Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam; nach der Stimmung, wie ihn Humor und innrer Drang beim ersten Anblick jedes Ding ergreifen läßt." (Musäus, Volksmärchen der Deutsche, Zweiter Theil: Legenden vom Rübezahl, 1783)

Carolin Eberhardt

Wie Rübezahl zu seinem Namen kam

Der gestiefelte Katerinst wagte der Berggeist Rübezahl die Rückkehr auf das überirdische Land. Obwohl er mit der Menschheit schon viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte, war er neugierig geworden, wie sich die Erde entwickelt hatte. Und so schlich er unsichtbar in das Tal herab und lauschte zwischen Busch und Hecken. Plötzlich entdeckte er ein wunderschönes Mädchen, lieblich anzuschauen, gleich der Venus, welche umringt von ihren Gespielinnen am Fuße eines Wasserfalls badete und mit diesen in unschuldiger Fröhlichkeit scherzte. Der Berggeist wollte das Bild der Schönen noch lange behalten. Er gestaltete sich als einen blühenden Jüngling, um sich an ihren Anblick besser erinnern zu können. Bald schon erwachten Gefühle in seiner Brust, die er Zeit seines Lebens noch nie gehabt hatte. Das schöne Mädchen, welche die Tochter des schlesischen Königs war, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte, hatte den Berggeist mit ihrer Anmut verzaubert, so dass dieser wie gebannt an gleicher Stelle stehen blieb. Bevor die Königstochter, welche Emma gerufen wurde, erneut an den Wasserfall wiederkehrte, gestaltete Rübezahl die rohen Felsen mit Marmor und Alabaster und bändigte den Wasserfall in gemäßigten, friedvollen Bahnen. Auch ließ er an dem Ufer des Gewässers das romantische Vergissmeinnicht wachsen, ebenso Rosenhecken mit wildem Jasmin und Silberblüten. Die Prinzessin war begeistert von diesem Zauberwerk und starre lange auf die schönen Blumen. Doch schon bald konnte sie den Versuchungen nicht widerstehen, begann alles genauer zu beschauen und von den herrlichen Früchten zu kosten, bevor sie in dem schönen Becken baden ging. Sobald sie aber über den glatten Rand des Marmorbeckens gestiegen war, sank sie in eine endlose Tiefe, obwohl der Grund des Beckens keine Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herbeieilenden Freundinnen das goldgelbe Haar der blonden Emma zu fassen bekamen, hatte sie schon die gefräßige Flut verschlungen. Die Gespielinnen der Prinzessin eilten in ihrer Verzweiflung zum König, um ihm von der Tragödie zu berichten. Dieser verzweifelte über seinen Verlust, riss sich die Krone vom Kopfe und trauerte. Doch bald schon überkam ihn die Wut und er wollte sich den Ort selbst ansehen, an dem seine Tochter verschwunden war. Als sie an den Wasserfall kamen, stand da die Natur in ihrer vorherigen Wildheit: Kein Marmorbad, keine Rosenghecke, keine Jasminlaube. So war für den König klar, dass Thor oder Woddan Schuld an dem Verschwinden seiner Tochter waren.

Unterdessen ging es der liebreizenden Emma bei ihrem Verehrer alles andere als schlecht. Nachdem sie in den Fluten versunken war, wurde sie von Rübezahl durch einen unterirdischen Gang in einen prächtigen Palast gebracht, welcher weit prunkvoller war als das väterliche Schloss. Als die Prinzessin ihr Bewusstsein wieder erlangt hatte, fand sie sich auf einem gemütlichen Sofa, bekleidet mit einem Gewand von rosenfarbenem Satin und einem Gürtel von himmelblauer Seide. Ein junger, gutaussehender Mann lag ihr zu Füßen und gestand ihr seine Liebe. Emmas Wangen erröteten, doch nahm sie sein Geständnis an. Der Berggeist unterrichtete sie daraufhin von seinem Stand und seiner Herkunft, von der Größe seines unterirdischen Reiches und führte sie anschließend durch die Zimmer und Säle des Schlosses. Er zeigte ihr alle Pracht und allen Reichtum. Ein herrlicher Garten umgab das Schloss von drei Seiten, welcher das Fräulein mit seinen Blumenbeeten und Rasenplätzen sehr entzückte. Alle Obstbäume trugen purpurrote, goldgesprengte oder zur Hälfte vergoldete Äpfel, wie sie zuvor nie ähnliche gesehen hatte. Die Sträucher waren von Singvögeln bewohnt, die ihre hundertstimmigen Lieder zwitscherten. Oft ging das Paar unter den traulichen Bogengängen spazieren und beobachte gemeinsam den Mond. Rübezahl konnte seinen Blick nicht von Emmas Lippen abwenden, jeder Ton aus ihrem Mund war für sein Ohr wie der süßeste Saft. Noch nie zuvor in seinem langen, langen Leben hatte er solche glücklichen Stunden erlebt.

Doch Emmas Herz sehnte sich bald schon nach ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem Zuhause. Traurigkeit überkam sie mehr und mehr. Rübezahl bemerkte ihre Trauer und versuchte, mit tausenden Liebkosungen diese Gedanken zu zerstreuen und die Schöne aufzuheitern, doch vergebens. Da er bald merkte, dass der Prinzessin ihre Gesellschafterinnen fehlten, ging er hinaus auf das Feld, zog dort ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der schönen Emma. Traurig und einsam saß sie im Schatten der Laube und entblätterte eine Rose. »Schönste aller Erdentöchter«, redete er sie an, »vertreibe allen Trübsinn aus deinem Herzen und mach ihm Platz für die Freuden des Lebens; du sollst nicht mehr länger einsam sein. In diesem Korb ist alles, was du brauchst, um dich in meinem Palast wohl zu fühlen. Nimm diesen kleinen Stab, berühre damit die Rüben und denke dabei an die Gestalt, in welche sich die Rübe verwandeln soll.«

Mit diesen Worten ließ er die Prinzessin zurück. Emma überlegte einen Moment, bevor sie mit dem Zauberstab die erste Rübe vorsichtig berührte. »Brunhild«, rief sie, »liebe Brunhild, erscheine!« Und Brunhild erschien sofort vor ihr auf dem Boden, umarmte die Beine ihrer Gebieterin, weinte Freudentränen in ihren Schoß und streichelte sie freundlich, wie sie es immer getan hatte. Der Zauber war so erfolgreich, dass Emma nicht unterscheiden konnte, ob sie die echte Brunhild herbeigezaubert hatte. Es machte sie sehr glücklich, ihre Freundin bei sich zu haben, spazierte mit ihr durch den Garten, pflückte ihr goldgelbe Äpfel von den Bäumen und zeigte ihr den ganzen Palast.

Rübezahl freute sich sehr, die schöne Emma endlich wieder lachen zu sehen. Sie erschien ihm sogar jetzt noch schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals zuvor. Nach und nach wurde nun der gesamte Rübenvorrat  durch die Prinzessin zum Leben erweckt, bis sich am Ende ihr gesamtes Gefolge im Palast befand. Jeder der Freundinnen übertrug Emma eine Aufgabe, so wie es auch im väterlichen Schloss üblich war. Und keine Dienerschaft hatte wohl je besser seine Aufgaben erfüllt: Sie erkannten Emmas Wünsche schon, bevor sie diese gedacht hatte, sie gehorchten auf einen Wink und führten ihre Befehle ohne Widerspruch aus. Einige Wochen lang genoss die Prinzessin diese Gesellschaft, doch bald merkte sie, dass die Gesichter ihrer Freundinnen immer blasser wurden. Sie selbst erschien sich bei einem Blick in den Spiegel des Marmorsaales zwischen ihren Freundinnen wie eine frisch erblühte Rose, da die anderen Frauen immer mehr welkenden Blumen glichen. Obwohl die Gespielinnen Emma versicherten, dass es ihnen nichts fehlte, entwichen ihnen von Tag zu Tag das Leben und ihr Fleiß.

Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen ausgeruht, gestärkt und guter Laune in das Gesellschaftszimmer trat, wie schrak sie zurück, als sie dort ihre Freundinnen als uralte Frauen an Stöcken und Krücken gehen sah. Bestürzt rannte die Prinzessin aus dem Zimmer und rief laut nach Rübezahl, welcher ihr auch sofort entgegen eilte. »Boshafter Geist!«, redete sie in zornig an. »Warum gönnst du mir nicht die einzige Freude meines traurigen Lebens? Ist diese Einöde nicht genug, mich zu quälen? Willst du daraus noch ein Krankenhaus machen? Gib augenblicklich meinen Freundinnen ihre Jugend und Schönheit zurück oder ich werde dich ewig hassen und verachten.« - »Schönste der Erdentöchter«, entgegnete der Berggeist, »bitte sei nicht über die Maße wütend auf mich. Alles was in meiner Macht steht, kannst du von mir haben. Aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch kann auch ich nicht ihre Gesetze ändern. So lange die Rüben frisch waren, konnte der magische Stab sie nach deinen Wünschen umwandeln. Aber nun sind sie vertrocknet und müssen vergehen. Es soll dich aber nicht verärgern, Geliebte, denn ich werde dir einen frischen Korb mit Rüben holen. Du wirst daraus alle Freundinnen wieder zaubern, die du möchtest. Gib jetzt Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so sehr erfreut haben. Lege sie auf den großen Rasen im Garten und warte, bis ich dir dort neue Rüben hinlege.« Rübezahl ging von dannen. Emma nahm ihren Zauberstab zur Hand, berührte damit die alten Frauen, nahm die vertrockneten Rüben und behandelte diese, wie ein Kind ein ungeliebtes Spielzeug behandeln würde: sie warf sie in den Dreck und dachte nicht mehr über sie nach.

Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Rasenflächen dahin und erwartete schon sehnsüchtig den frisch gefüllten Korb, den ihr Rübezahl versprochen hatte. Doch zu ihrer Verwunderung konnte sie keine frischen Rüben erblicken und so ging sie ungeduldig im Garten auf und ab. Am Traubengeländer kam ihr Rübezahl schließlich entgegen, verlegen blickte er auf den Boden. »Du hast mich getäuscht«, sprach sie, »wo ist der versprochene Korb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.« - »Holde Gebieterin meines Herzens«, antwortete der Geist, »wirst du mir meinen Fehler verzeihen? Ich versprach mehr als ich geben kann. Ich habe das ganze Land durchwandert, um Rüben für dich zu finden. Aber sie sind längst geerntet und lagern in dunklen Kellern. Die Natur trauert, unten im Tale ist es bereits Winter. Nur weil du hier bist, ist auch der Frühling an diesen Felsen geblieben. Unter deinen Füßen blühen die Blumen weiter. Warte nur drei Monde geduldig ab, dann soll es dir nicht an Gelegenheiten fehlen, mit deinen Puppen zu spielen.« Bevor der Berggeist seinen Satz beendet hatte, drehte ihm Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihm eine Antwort zu geben. Er aber machte sich auf den Weg zur nächsten Marktstadt in seinem Reich, kaufte in der Gestalt eines Pächters einen Esel, den er mit schweren Samensäcken belud und besäte damit den ganzen Morgen das Land. Einer seiner Geister bewachte nun die Saat und schürte auch sogleich ein unterirdisches Feuer, damit die Saat von unten mit Wärme versorgt war.

Schon kurz darauf schoss die Rübensaat lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte. Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, um nach den Rüben zu sehen. Trotzdem konnte Rübezahl die Verzweiflung in ihren kornblumenfarbenen Augen erkennen.  Am liebsten weilte sie in einem düsteren Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ und warf Blumen hinein. Der Berggeist sah, dass seine vielen kleinen Geschenke und Komplimente das Herz der schönen Emma nicht erobern konnten und sie keine Liebe für ihn empfand. Dennoch gab er nicht auf. Doch wusste er nicht, dass Emmas Abneigung ihm gegenüber daher rührte, dass sie ihr Herz bereits vor ihrem Verschwinden an einen anderen Mann vergeben hatte. Der junge Grenznachbar, Fürst Ratibor, hatte bereits schon um ihre Hand angehalten. Viele Nächte lag die Prinzessin wach und ersann einen Plan, wie sie aus ihrem unterirdischen Gefängnis entkommen könnte.

Als nun der Frühling in die Täler des Gebirges zurückkehrte, ließ Rübezahl das unterirdische Feuer seines Treibhauses erlöschen. Die Rüben, die durch den Frost des Winters keinen Schaden genommen hatten, wurden reif. Die schlaue Emma zog täglich einige davon heraus und gab ihnen alle möglichen Gestalten. Dem Berggeist aber machte sie vor, dass diese Zauberei sie erfreute. Eines Tages ließ sie eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie als Botin zu ihrem Geliebten zu schicken: »Flieg, liebes Bienchen, zum Ausgang«, sprach sie, »zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, dass Emma noch für ihn lebt, aber eine Gefangene des Fürsten der Gnomen ist, der das Gebirge bewohnt. Verlier kein Wort von diesem Gruße und bring mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog sogleich von dem Finger ihrer Gebieterin und begab sich auf den Weg zu Ratibor. Aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stürzte eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang sie. Daraufhin formte Emma mit Hilfe des Wunderstabes eine Grille und gab ihr denselben Auftrag: »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge, zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, dass seine treue Emma darauf wartet, von seinen starken Armen aus der Gefangenschaft gerettet zu werden.« Die Grille flog und hüpfte so schnell sie konnte, um auszurichten, was ihr befohlen wurde. Aber ein langbeiniger Storch kreuzte ihren Weg am Berg, erfasste die Grille mit seinem langen Schnabel und fraß sie auf.

Doch Emma gab nicht auf und wagte einen neuen Versuch. Die Dritte Rübe bekam die Gestalt einer Elster. Das Fräulein sprach zu dieser: »Fliege hin, gesprächiger Vogel, von Baum zu Baum, bis du zu Ratibor gelangst. Erzähle ihm von meiner Gefangenschaft und sag ihm, dass er auf mich mit Ross und Mann in drei Tagen an der Grenze des Gebirges im Maiental warten soll, um mir bei meiner Flucht zu helfen.« Die Elster gehorchte und flog sofort los, während Emma ihren Flug beobachtete, soweit ihr Auge reichte. Zur selben Zeit irrte Fürst Ratibor kummervoll auf der Suche nach seiner Verlobten durch die Wälder. Während er in dem Schatten einer großen Eiche saß und an seine Prinzessin dachte, seufzte er laut: »Emma!«  Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, kam er als sein eigenes Echo wieder zu ihm zurück. Doch gleichzeitig hörte er auch eine unbekannte Stimme ihren Namen rufen. Er lauschte in die Ferne, sah jedoch niemanden und war sich sicher, dass er sich getäuscht hatte. Schon im nächsten Moment vernahm er erneut den Ruf und erblickte eine Elster, die auf den Zweigen hin und her flog. Nun rief der schlaue Vogel den Namen Ratibors aus. »Armer Schwätzer«, sprach da Ratibor, »wer hat dir diesen Namen beigebracht? Er gehört einem Unglücklichen, der sich wünscht, für immer von der Erde zu verschwinden.« Wütend griff er nach einem Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als die Elster Emmas Namen erneut aussprach und ihm die Botschaft der Prinzessin überbrachte. Fürst Ratibor war nun hellwach, wie aus einem langen Alptraum erwacht. Eine überirdische Freude erfüllte sein Herz, als er die Worte des Vogels gehört hatte. Übermütig fragte er die Elster, was Emma zugestoßen war. Doch der Vogel konnte ihm nichts weiter sagen als die gelernte Botschaft. Eilig und leichtfüßig machte sich der Fürst zu seinem Hoflager auf, sattelte sein Pferd und begab sich mit seinem Gefolge auf den Weg zum Vorgebirge.

Unterdessen hatte Fräulein Emma im Stillen alles heimlich vorbereit: so spielte sie dem Berggeist vor, dass sie sich nun besser fühle. Durch ihren freundlichen Blick und ein bedeutsames Lächeln wurden die Flammen seines Herzens noch stärker geschürt. So trug er ihr bald schon erneut seine Liebesbekundungen vor, und freute sich darüber, dass Emma ihn nicht abwies. Jedoch bat sie ihn um eine kurze Bedenkzeit, welche Rübezahl ihr gern gewährte. Eines Morgens erschien Emma in ihrem schönsten Kleid mit prachtvoll gesteckten Haaren und ihrem schönsten Schmuck im Garten, wo sie Rübezahl entgegentrat und zu ihm sprach: »Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat gesiegt. Doch bedenke, dass ich nicht für immer die Reize meiner Jugend behalten werden. Du alterst nie, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, dass du der zärtliche, liebevolle, gefällige, duldsame Gemahl sein wirst, der du als Liebhaber warst? Ich verlange einen Beweis deiner Liebe. Gehe und zähle alle Rüben auf dem Acker. Mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein. Ich will sie beleben, damit sie meine Kränzeljungfrauen werden. Aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, an der ich deine Treue erkennen will.«

Gehorsam schritt der Berggeist eilig zum Acker und machte sich daran, die Rüben zu zählen. Bald hatte er alle durchgezählt. Er begann dann jedoch von vorn, um sein Ergebnis zu prüfen. Zu seinem Ärger stellte er eine Abweichung in seiner Rechnung fest und musste zum dritten Mal mit dem Rechnen beginnen. Sobald Rübezahl aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, bereitete die schlaue Emma ihre Flucht vor. Eine saftige, wohlgenährte Rübe verwandelte sie zügig in ein mutiges Ross mit Sattel und Zaumzeug. Gleich darauf schwang sie sich in den Sattel und flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin. Das brave Pferd brachte Emma sicher ins Maiental. Dort wartete bereits ihr geliebter Ratibor, welcher Emma sogleich freudig in die Arme schloss, und mit ihr gemeinsam eilig die weitere Flucht antrat.

Nachdem der Berggeist das Rübenzählen beendet hatte, wollte er stolz und selbstzufrieden darüber, die Prüfung in so kurzer Zeit bestanden zu haben, zu seiner Angebeteten zurückkehren. Als er jedoch den Palast betrat, war die schöne Emma nirgends anzutreffen, gleichwohl er sie überall suchte. Wütend und rasend über den Verrat schwang er sich in seiner geisterhaften Gestalt in die Lüfte, flog über die Berge und Bäume dahin und konnte gerade noch erkennen, wie die Prinzessin mit einem anderen Mann über die Grenze ritt. Daraufhin ballte Rübezahl zwei große Wolken zusammen und schoss einen riesigen Blitz hinter den Fliehenden her, wodurch eine große tausendjährige Eiche zerstört wurde. Das eigentliche Ziel allerdings wurde von dem Blitz verfehlt. Erzürnt über seinen Verlust wütete er weiter durch den Himmel und klagte den vier Winden sein Leid, bis er trauernd und enttäuscht in seinen Palast zurückkehrte. Dort angekommen, stapfte er dreimal mit dem Fuß auf, woraufhin der gesamte Palast und alles in seinem unterirdischen Reich mit ihm ins Nichts zurück versanken. Ein großes Loch, bis zum Mittelpunkt der Erde, hatte sich an selber Stelle geöffnet. Durch dieses verschwand der Berggeist mit einem unsäglichen Hass auf die Menschen.

Ratibor brachte die Prinzessin an den Hof ihres Vaters zurück und wurde nun als Held gefeiert. Ein paar Tage später fand die Hochzeit des Paares statt. Das Brauchtum, einen unwillkommenen Verehrer Rübenzählen zu schicken, hatte sich auf Grund der Geschehnisse bald durchgesetzt. Seit jeher wurde durch die Einwohner der umliegenden Gegenden der Berggeist mit dem Spottnamen „Rübenzähler“ oder „Rübezahl“ bedacht.


*****

Textquelle:

Märchen entnommen aus: Musäus, Johann Karl August: Volksmärchen der Deutschen, Zweiter Teil: Die Legenden von Rübezahl: Die Erste, 1909, S. 1-41; überarbeitet von Carolin Eberhardt.


Bildquellen:

Vorschaubild: Titelbild: Reichhardt, Rudulf; Siegert, Eugen: Rübezahl: Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges.

Illustration aus Lee, James; Carey, James T.: Silesian Folk Tales (The Book of Rubezahl, American Book Company, New York, 1915.

Rübezahl, 1845, Urheber: Moritz von Schwind via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Rübezahl, 1829-84, Urheber: Ludwig Richter via Wikimedia Commons CC0.

Rübezahl: Motiv Familie im Wald, entnommen aus: Rübezahl: Deutsche Volksmärchen vom Berggeist des Riesengebirges.

Rübezahl, 1842, Urheber: Ludwig Richter via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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