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Der Alte im Korn

Der Alte im Korn

Florian Russi

Vom Sinn des Lebens

Meine Frau hatte mich ermahnt, alle zwei Stunden eine Ruhepause einzulegen. Deshalb steuerte ich meinen Wagen irgendwo am Rande einer Landstraße in einen Feldweg, der durch ein Kornfeld führte, um dort zu parken. Es war sehr heiß, die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Nachdem ich aus dem Auto gestiegen war, kam ein alter Mann mit schlohweißen langen Haaren auf mich zu. In den Händen hielt er eine Ähre, deren Körner er zwischen seinen Fingern zerrieb.

„Schau dir das an“, sagte er und gebrauchte ungeniert das „du“. „Was ist das? Ein Wunder? Ein Zufall? Eine Bestimmung? Was hat das mit dem Urknall zu tun? Wie konnten aus explodierenden Gasen solche Körner entstehen? Und nicht nur das. Aus diesen Körnern wird Brot, das in einem spannenden Prozess ungezählte Wesen am Leben erhält. Steckt da eine Idee dahinter?

Der Urknall ist aus dem Nichts entstanden, sagen viele. Doch ‚das Nichts‘ gibt es nicht, es ist nur ein Wort. Genauso wie es ‚das Alles‘ nicht gibt. Irgendwas muss doch geknallt haben. Wer oder was aber steckte dahinter? Immer wieder werden wir zum Opfer unserer eigenen Worte. Wir müssen, mein Freund, nicht nur nach hinten, sondern auch nach vorne suchen. Beim Echo kämen wir auch nicht auf den Gedanken, den Verursacher unmittelbar in den Bergen zu vermuten. Schauen wir also nach vorne, wenn wir hinten nichts finden. Es geht darum, nicht immer nur linear zu denken. Wir kennen doch auch den Ring und die Kugel. Da suchen wir vergebens nach Anfang und Ende. Wir hören und lesen, dass sich unser Kosmos ständig ausdehnt. Wo aber findet er den Platz dafür?

Wir Menschen sind winzige Wesen in einem unvorstellbar großen All. Doch unsere Vernunft und unsere Fantasien können ihm bis ins Unendliche folgen. Glauben wir also an uns. Wie hätte ein alter Römer reagiert, wenn man ihm gesagt hätte, dass es einmal Fahrzeuge geben würde, die nicht gezogen oder geschoben werden müssen. Wie hätte die Inquisition auf unsere heutigen Netzwerke reagiert und hätte sich ein Mönch in seiner Schreibstube vorstellen können, dass in einem klitzekleinen Metallstück mehr Informationen enthalten sein könnten als in hunderttausenden Büchern?

Junger Mann, setze auf deine Fantasie. Alles, was wir uns vorstellen können, ist möglich, andernfalls könnten wir es uns nicht vorstellen.

Wir wissen nicht, was vor uns liegt, aber wir können es mitbestimmen. Schauen wir vor allem nach vorne. Vielleicht finden wir ja noch den lieben Gott. Wenn nicht, werden unsere Nachfahren oder andere Lebewesen irgendwann in der Lage sein, auch uns wiederzubeleben oder neu zu erschaffen. Dann können wir vieles aufklären und neu prüfen. Dann, so bin ich sicher, wird auch ein hohes Maß an Gerechtigkeit möglich sein. Dann wird einer wie Hitler nicht eher zur Ruhe kommen, bis auch der letzte, dem er geschadet, ihm freiwillig verziehen hat. Für uns Menschen bleibt, bis dahin besonnen, kritisch, neugierig und brüderlich unseren Weg zu gehen und weder Unmäßigkeit, Unfreiheit, Grausamkeit oder allzu große Dummheit zuzulassen.“

Der Alte sah mich mit klaren Augen an und nickte. Dann drehte er sich um und nahm den Weg in die entgegengesetzte Richtung. Ich blieb verdutzt zurück. Es war für mich zu viel, was er da gesagt hatte. Gerne hätte ich Näheres von ihm gewusst. Deshalb rief ich unhöflich „He, Sie ...“ hinter ihm her. Er aber drehte sich nicht mehr um und war kurz darauf meinen Blicken entschwunden.

*****

Bilder:
- Vorschaubild: Getreidefeld mit den Raben. Vincent van Gogh.. Öl auf Leinwand 1890. Heutiger Standort: Stedelijk Museum Amsterdam
- Weizenfeld mit Schnitter und Sonne. Vincent van Gogh. Öl auf Leinwand 1889. Heutiger Standort::Kröller-Müller Museum, Niederlande

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