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Heft 2

B-Z! Das ist nett! (Teil 1)

In diesem Arbeitsheft werden alle Konsonanten eingeführt, die sich beim Sprechen gut dehnen lassen. Dazu kommen noch einige Vokale (Zwie- und Umlaute).

Robert Blum

Robert Blum

Andreas Schneider

Im Paulskirchen-Parlament und als dessen Abgesandter in Wien

Blums wirkliche Bühne wurde nun das Parlament. Als Theaterfachmann kannte er sich aus mit beabsichtigter Theatralik. Schon als Leipziger Stadtverordneter hatte er oft die Positionen mit markigen Worten auf den Punkt gebracht. Auf der außerordentlichen Sitzung der Stadtverordneten vom 5. März 1848 zitierte zum Beispiel deren Vorsteher August Franz Werner zum Schluss Robert Blum: „[...] die Ruhe der Stadt beruhe nicht auf Bajonetten, sondern auf der Gesinnung und der Denkweise ihrer Bürger."

Abgeordneter im Vorparlament und in der Nationalversammlung

Lesen Sie hier drei Teile zu Robert Blum:

 Abgeordnete der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche
Abgeordnete der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche

Am 12. März 1848 wählten ihn die Teilnehmer einer Volksversammlung, zahlreiche Landtagsabgeordnete und Vertreter sächsischer Städte, für die Demokraten ins Vorparlament nach Frankfurt am Main, ebenso Karl Biedermann für die Liberalen. Doch Robert Blum lehnte ab, „damit nicht zwei aus Leipzig entsendet würden“. Er nahm aber am 19. März 1848 das Mandat der Zwickauer Region an und wurde vom 31. März bis 4. April 1848 im Vorparlament einer der eifrigsten Linken und auch Vizepräsident. Danach war er bis zum 18. Mai 1848 im Fünfziger-Ausschuss aktiv, der die Arbeiten einer Nationalversammlung und ihr zu beschließendes Verfassungswerk vorbereiten sollte; auch hier wurde er Vizepräsident. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 6./7. Mai 1848 im Wahlbezirk 6, Leipzig, siegte er mit 42 Wahlmänner-Stimmen gegen den Mannheimer Altliberalen Friedrich Daniel Bassermann mit 22 Stimmen und wurde als Leipziger Vertreter ins erste frei gewählte deutsche Parlament entsandt, das ab 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche tagte. Bassermann wurde dann von einem Wahlkreis in Unterfranken gewählt, dessen Mandat er annahm. Blum hatte am 24. April 1848 sogar die Kandidatur von den zwei bedeutendsten Vereinen (Parteien) Leipzigs erhalten: vom Deutschen Verein der Liberalen und natürlich von „seinem“ Vaterlandsverein der Demokraten. Sein Gegenspieler Biedermann wurde im Wahlbezirk Zwickau gewählt.

Mit Vehemenz und Eifer stürzte sich Blum fortan in die dreifache Arbeit: in der Frankfurter Nationalversammlung, in seiner Partei Sachsen und in der Publizistik (sowohl in Leipzig als auch in Frankfurt, wo er schon am 21. Mai 1848 die „Reichstagszeitung“ gründete). Sein Arbeitspensum war enorm. Schnell führte und organisierte er die gemäßigte Linke, nach den Tagungsgaststätten Klub „Holländischer Hof“, dann „Deutscher Hof“ genannt. In seiner Bereitschaft zum Kompromiss suchte Blum immer auch den Kontakt zur Mitte und versuchte zu vermitteln, was ihm in seinem Lager auch Kritik und Skepsis bezüglich seiner Rolle eintrug. Im Parlament brillierte er mit flammenden Reden, so zur Polenfrage und zur Provisorischen Zentralgewalt eines künftigen Deutschland, die er republikanisch dachte, nicht wie dann beschlossen monarchisch (gewählt wurde schließlich mit Mehrheit ein Habsburger, ein Fürst, kein Bürgerlicher: der sicher liberal eingestellte Erzherzog Johann; sein Amt als Oberhaupt Deutschlands wurde als „Reichsverweser“ installiert, von Blum spöttisch „Reichsvermoderer“ genannt). Nach zeitgenössischen Zeugnissen vermochte Blum auch hier im Frankfurter „Professorenparlament“ seine Zuhörer zu beeindrucken, aber ebenso nicht selten am Abend die Damen in den Salons. Die parlamentarische Arbeit ließ ihn aufblühen und zermürbte ihn zugleich; zu oft musste die Linke, Radikale oder Demokraten genannt, Abstimmungsniederlagen hinnehmen. Sie wurde bis Ende 1848 nicht mehrheitsfähig und verharrte bei etwa einem Drittel der Mandate, die Gegenseite – Zentrum, Gemäßigte oder Liberale genannt – bei etwa zwei Drittel, wenngleich sich beide Flügel im Verlaufe der Zeit in eine Vielzahl von Fraktionen auf- und abspalteten oder umgruppierten. Die Briefe Blums an seine Ehefrau in Leipzig schwanken in dieser Zeit deshalb auch zwischen energischer Zuversicht und tiefer Niedergeschlagenheit, mitunter auch Bitterkeit. Blums Traum einer Republik ging nicht auf. Ein Besuch vom 14. bis. 18. August 1848 bei seinen Wählern in Leipzig geriet noch einmal zum Triumph; ihm wurde von über 10.000 Fackelträgern „ein so glänzender Fackelzug, wie Leipzig noch nicht gesehen“ bereitet, mehrere Versammlungen und Festbanketts ehrten ihn, Tausende nahmen teil. Heinrich Brockhaus notierte dazu am 22. August 1848 die Sicht der Gegenseite: „In Leipzig hat man wieder einmal großen Unfug mit Blum getrieben […]. Wie ein solcher Phrasenmacher zu Ansehen und Bedeutung kommen kann!“

Das Ende in Wien

Mitte Oktober 1848 verschärfte sich die Situation in Österreich. In Wien brach die zweite Stadtrevolution aus und die Aufständischen übernahmen die Macht; der Kaiser floh mit seinem Hofstaat nach Olmütz. „Völlig abgerungen in dieser Sisyphusarbeit“, wie er Anfang des Monats an seine Frau geschrieben hatte, hielt es Blum nun nicht länger in Frankfurt. Er ließ sich von der Linken in der Nationalversammlung als einer von vier Deputierten zur Übergabe einer Adresse nach Wien entsenden; mit ihm reisten Julius Fröbel, Moritz Hartmann und Albert Trampusch. Am 17. Oktober trafen sie in der von Kämpfen und Barrikaden geprägten Kaiserstadt ein, die Robert Blum trotzdem als die „liebenswürdigste Stadt“ erschien, die er „je gesehen“ hatte. Unterstützung der demokratischen Kampfgefährten war das Ziel der Mission – und Blum nahm es voll an. Zunächst hielt er Reden, dort, wo nun die Macht war, und begeisterte die Wiener wie zuvor die Frankfurter und davor die Leipziger. Dann war die Stadt von kaiserlichen Truppen umzingelt; er bekam keine Passpapiere zur Rückreise. Der kaiserliche Besatzer Wiens, Fürst Windischgrätz, forderte in scharfen Proklamationen die Unterwerfung der Stadt. Ab dem 23. Oktober 1848 stieg Robert Blum mit radikalen Reden und Pamphleten in damit provozierten Kampf ein. Und es geschah das Sonderbare: Er, der Mann des Ausgleichs, der bisher immer so auf Gewaltfreiheit und den „Boden des Gesetzes“ geachtet hatte, nahm am 25. Oktober selbst den Säbel und das Gewehr in die Hand! Der Mann des Parlaments bestieg die Barrikade: Als Hauptmann einer Einheit der Revolutionäre kämpfte er entschlossen und voller Aufopferung mit Auftsändischen, zur Verteidigung der Revolution. Am 28. Oktober war die Schlacht verloren, am Tag darauf wurde die Übergabe der Stadt beschlossen – die Kapitulation war unausweichlich geworden. Am 31. Oktober zog Windischgrätz als Sieger in Wien ein; am 4. November wurden Blum und Fröbel verhaftet. Dann ging alles sehr schnell: Prozess vor dem Standgericht am 8. November, Hinrichtung am Morgen des nächsten Tages. Die Revolution gebar ihren namhaftesten Freiheitshelden.

Der deutschlandweit verehrte Märtyrer der Freiheit

Die Wiener Hinrichtung Robert Blums wurde in weiten Teilen Deutschlands mit Empörung aufgenommen. Auch viele Liberale und monarchisch Denkende verurteilten die Bluttat; selbst unter den Gegnern Robert Blums herrschte mindestens Irritation. Die Linke verlor ihren prominenstesten Führer; Arbeiter, Studenten und kleinbürgerliche Demokraten trauerten am stärksten um ihn. In vielen Orten Deutschlands sorgte sein Tod wochenlang für Aufregung. Seine letzten Worte wurden legendär; bevor er sich selbst die Binde anlegte, soll er gerufen haben: „Ich sterbe für die Freiheit!“ Bald wurde er in ganz Deutschland als der Märtyrer der Revolution kultisch verehrt.

Zwangsläufig musste sich die Stimmung revolutionärer Erregung in Leipzig besonders konzentriert bemerkbar machen. Gerade hier in Leipzig, der Stadt seiner politischen Sozialisation und seines Aufstiegs zum Wortführer der radikalen Demokraten, galt Blum als das „inkarnierte Volk“ (Zitat von seinem radikaldemokratischen Weggefährten Arnold Ruge); gerade hier war er seit seinem Auftreten im August 1845 sowie im März 1848 in nahezu allen Schichten populär und wurde sogar von einigen bedeutenden Vertretern des Bildungs-, Handels- und Wirtschaftsbürgertums zeitweise als Garant für ein gesetzliches Vorgehen angesehen. Am Abend des 13. November 1848, als die Hinrichtung auch in Leipzig bekannt geworden war, riefen nach den Erinnerungen des Sohnes Hans Blum, wie er in der Biografie des Vaters schreibt, die durch die Straßen ziehenden Männer „in allen Tönen des Schmerzes und der Rache“ immer wieder: „Blum ist todt! Blum ist todt!“ In vielen Städten Deutschlands fanden Trauerfeiern statt, die größte in Leipzig mit etwa 12.000 Teilnehmern, darunter die gesamte Stadtspitze, Vertreter der Behörden, der Universität, der Innungen und viele Arbeiter, Turner und Studenten. In langen Reihen zog der Trauermarsch durch die Stadt, um sich dann zu teilen zu den Gottesdiensten in den beiden Hauptkirchen Sankt Nikolai und Sankt Thomas – eine Kirche allein hätte nicht ausgreicht. In Dresden wagten die Minister der Märzregierung nicht, der Trauerfeier fern zu bleiben. Groß war auch die Anteilnahme in seiner Vaterstadt Köln.

In einem Brief an seine Stiefschwester Elisa Schilder vom 13. Juli 1842, der heute ebenfalls wie das erwähnte Schreiben der Schwester an seinen Sohn im Bundesarchiv verwahrt ist, hatte Robert Blum bekannt, sein „Leben einer großen Sache oder meinem Vaterlande zu weihen“, selbst wenn „die Meinen betteln müssen“. Dieser Brief könnte im Rückblick, wenn er nicht bloß Phrase in der Sprache der Zeit ist, als ein Schlüsseldokument interpretiert werden. So als hätte Blum bewusst auf sein Ende hin gelebt – dies aber lässt sich nirgendwo belegen. Aber wenn er sich für etwas einsetzte, so tat er es ganz. Der Schriftsteller Moritz Hartmann, der Blum als Abgesandter der Paulskirche nach Wien begleitet hatte, schrieb im Rückblick: „Ich erkannte einen Menschen, der seit Jahren mit unendlicher Energie Einen Gedanken hegte, Einen Zweck verfolgte und sich nur mit den Mitteln und Wegen zur Erreichung dieses Zweckes beschäftigte.“Dieser Zweck ist genau zu benennen: Freiheit und Republik, für ein einiges Deutschland.

Erschießung Robert Blums
Erschießung Robert Blums

Betteln mussten die Seinen nach seinem Tod übrigens nicht. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Zeit, dass durch Geldsammlungen in ganz Deutschland sowie Spenden aus dem Verkauf zahlreicher Devotionalien des bald wie ein heutiger Popstar Verehrten, die dann in eine Blum-Stiftung zur Unterstützung der hinterbliebenen vier Kinder und seiner Ehefrau eingingen, die Familie regelrecht reich wurde. Zu den Devotionalien gehörten auch gerahmte Porträts, Bildnisse auf Tassen, auf Pfeifenköpfen oder Bilderbögen; Blum-Biografien, Blum-Würfelspiele und vieles andere mehr überschwemmte den Markt. Als Teil des Blum-Kults berühmt wurde vor allem der ergreifende Abschiedsbrief an seine Ehefrau in Leipzig[1] , der vielfach nachgedruckt und faksimiliert überliefert ist und selbst bis in die USA Verbreitung fand. Im Mai 1849, auf den Barrikaden in Dresden und anderswo, tauchten sie nicht zufällig wieder auf: die Blum-Porträts, die Blum-Abzeichen und die Blum-Gedichte. Aber auch diese Auftsände für die Reichsverfassung scheiterten.

„Blum hat es verdient zu bleiben – bei uns, seinen geistigen Enkeln“, schreibt Ralf Zerback im „Er und wir“ genannten Vorwort seiner Biografie von 2007. Gerade 2018, wo an einem 9. November sein 170. Todestag und der 100. Jahrestag der Ausrufung der Republik in Deutschland zusammenfielen, wurde die innere Verwandtschaft dieser besonderen Daten der deutschen Geschichte offenbar, gekrönt von einem anderen Ereignis an einem 9. November: dem Mauerfall 1989, der die Grundlagen für ein neues einiges und demokratisches Deutschland legte – ganz im Sinne der Visionen von Robert Blum, für die er sein Leben lassen musste.

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Bildquellen:

Vorschaubild, Robert Blum, Robert Blum und Gedicht, datiert Pirmasens 15. November 1848, gemeinfrei

Abgeordnete der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche Von Gerhard Delius - Deutsches Historisches Museum Berlin, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22...

Erschießung Robert Blums Von Carl Steffeck zugeschrieben - Deutsches Historisches Museum, Berlin, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39...

Literatur:

-Ralf Zerback, Robert Blum. Eine Biografie, Leipzig 2007

-Peter Reichel, Robert Blum. Ein deutscher Revolutionär 1807–1848, Göttingen 2007

-Hans Blum, Robert Blum. Ein Zeit- und Charakterbild für das deutsche Volk, Leipzig 1878 (Biografie des Sohnes mit noch immer wichtigen Details)

-Bundesarchiv (Hrsg.), „Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin“. Robert Blum (1807-1848): Visionär, Demokrat, Revolutionär [Begleitbuch zur Ausstellung des Bundesarchivs], bearb. von Martina Jesse, Berlin 2006

-Eduard Sparfeld, Das Buch von Robert Blum. Ein Denkmal seines Lebens und Wirkens, Leipzig 1849 (eine der viele zeigenössischen Biografien)

-Siegfried Schmidt (Hg.), Robert Blum, Briefe und Dokumente, Leipzig 1981

- Andreas Schneider, Leipzig im März 1848 und der Beginn der Revolution in Sachsen, in: Leipziger Stadtgeschichte, Jahrbuch 2017, Beucha 2018, S. 121-167 (betont Blums Anteil am gewaltfreien Start der Revolution in Leipzig und Sachsen)

- Andreas Schneider, „Opfer, Taten, Kampf“ – Leipziger Reaktionen auf den Tod Robert Blums im November 1848, in: Oberbürgermeister der Stadt Leipzig – Stadtarchiv Leipzig (Hrsg.), Leipziger Almanach 2017/18.

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