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Robert Blum

Robert Blum

Andreas Schneider

Robert Blums Tod und seine Bedeutung

Hinrichtung Robert Blum
Hinrichtung Robert Blum

„Erschossen wie Robert Blum“ – das galt einmal von Mitte des 19. bis ins frühe 20. Jahrundert als ein geflügeltes Wort für ein besonders großes, ja brutales Mißgeschick (auch wenn es Georg Büchmann in seiner namengebenden Sammlung „Geflügelter Worte“ nicht verzeichnet hat).

Vor 170 Jahren, am frühen Morgen des 9. November 1848, gegen 7:30 Uhr, starb Robert Blum in aller Heimlichkeit und Einsamkeit in der Kirmeswiese Brigittenau im Norden von Wien in den Kugeln eines Erschießungskommandos. Erst am Tag danach bekannten sich die österreichischen Behörden per Plakat und Zeitungsmeldung zu der Tat. Es waren de facto drei Schüsse in Brust und Gesicht der Märzrevolution – denn als ihr bekanntester Vertreter in den deutschen Ländern konnte Robert Blum schon damals mit Recht gelten. Sein Tod hatte politische Hintergründe und Folgen. Er erschütterte mit einer Wucht ganz Deutschland, wie es niemand für möglich gehalten hatte – und der Erschossene selbst blieb noch über Jahrzehnte das bekannteste Opfer der schwarz-rot-goldenen Revolution von 1848/49. Zwar wurden auch die Toten vom März 1848 in Berlin, die „Märzgefallenen“, die teilweise ebenfalls namentlich bekannt waren, kollektiv betrauert, ebenso wie die Gefallenen der Barrikadenkämpfe von Wien im Oktober 1848 und deutschlandweit die Opfer der Kämpfe um die Annahme der Reichsverfassung im Mai/Juni 1849. Aber keiner hatte schon im Vormärz und während des Jahres 1848 in deutschen Staaten schichtenübergreifend so viel Popularität erlangt wie Robert Blum und niemand musste ein ähnlich drastisches Schicksal erleiden wie er. Doch was noch bedeutsamer werden sollte: Keiner eignete sich auch so zur späteren Verklärung, zum „einzigen echten schwarz-rot-goldenen Mythos“ der deutschen Geschichte wie er (so sein Biograf Ralf Zerback). Doch warum musste er überhaupt sterben?

Die Hinrichtung entgegen aller Abgeordneten-Immunität – Willkürakt und Symbol

 Frankfurter Nationalversammlung 1848
Frankfurter Nationalversammlung 1848

Mit Robert Blum wurde am 9. November 1848 bei Wien ein Abgeordneter des ersten deutschen Parlaments, der Frankfurter Nationalversammlung, unter „Pulver und Blei“ hingerichtet – stellvertretend für die ganze Demokratie. So sahen es schon seine Zeitgenossen. Sein Tod „morgens um halb acht Uhr in der Brigittenau“, im heutigen 20. Gemeindebezirk, wurde zwar laut Urteil mit „aufrührerischen Reden und bewaffneten Widerstande gegen die kaiserlichen Truppen“ begründet, also mit Hochverrat. Aber im Grunde sollte die Hinrichtung ein Zeichen setzen im Zurückdrängen der Revolutionsergebnisse: Die von den beiden deutschen Hauptmächten Preußen und Österreich geführte Gegenrevolution bewies ihre Stärke, indem sie die Nationalversammlung als machtlos bloß stellen und damit insgesamt alle Demokraten treffen konnte. So klagten Liberale und Demokraten in ganz Deutschland den Willkürakt auch umgehend als die „schreiendste Verletzung“ der „Souveränität“ der Nationalversammlung an. Deutschlandweit begriffen sie den Tod Blums sofort als Symbol: als das Ende der Märzrevolution und die Hinrichtung des Parlamentarismus, als „letzte gräßliche Förderung“ der Gegenrevolution, „deren Werk wir in scheußlicher Vollendung vor uns sehen“, wie es in einem besonders kritischen Flugblatt aus Leipzig hieß.

In der Tat: Blum hätte als Abgesandter des Frankfurter Parlaments in Wien Immunität, also Unverletzlichkeit, besessen und nicht vor Gericht gestellt geschweige denn verurteilt und hingerichtet werden dürfen. Vergeblich hatte Blum am Vortag seiner Hinrichtung noch um 16 Uhr

gemeinsam mit seinem Mitgefangenen Julius Fröbel Protest gegen seine Verhaftung als

Abgeordneter eingelegt und dabei prononciert auf das diesbezügliche Reichsgesetz vom 30. September 1848 zu seiner Immunität verwiesen. Die österreichischen Sieger, Oberbefehlshaber Feldmarschall Alfred Fürst zu Windischgrätz und Minister Felix Fürst von Schwarzenberg, kümmerte dies jedoch wenig. Der jüdische Hisoriker Veit Valentin urteilte schon 1931 in seinem noch heute wichtigen Werk „Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849“ pointiert: „Blums Hinrichtung ist ein politischer Akt gewesen, erwachsen nach altösterreichischer Manier aus einer Verbindung von Menschenverachtung, Staatsräson, Intrige und Schlamperei.“ Doch mit Erstaunen mussten die Behörden und auch so manche skeptischen Zeitgenossen feststellen, dass ihnen der tote Revolutionär und Demokrat noch gefährlicher werden sollte als der lebende Volkstribun, als der Blum so gern und erfolgreich auftrat. So notierte der großbürgerliche und vermutlich schon damals reichste Leipziger Verleger Heinrich Brockhaus, der Sohn des Verlagsgründers, in sein Tagebuch: „Der abgenutzte Demokrat und Volksredner hätte bald seine Bedeutung verloren; der todte Kämpfer für die Freiheit wird noch gefährlich werden!“ Ohnehin hielt er Robert Blum für einen Demagogen und „Mann von wenig politischen Gewissen“. Mit seiner Empörung stand das aufgewühlte und zugleich tief gespaltene Leipzig in Sachsen nicht allein: Im Brief vom 16. November 1848 berichtete der sächsische Kultus- und Innenminister Ludwig Freiherr von der Pfordten dem sächsischen Gesandten in Wien, Rudolf Graf von Könneritz: „Das standrechtliche Verfahren gegen Robert Blum hat in ganz Sachsen eine Aufregung hervorgebracht, wie kein anderes Ereignis seit den Märztagen. Seine zahlreichen politischen Freunde und vor allem die arbeitenden Klassen feiern in ihm den Märtyrer der Freiheit, den Kämpfer für das Volk.“

Viel betrauert, kultisch verehrt – und dann vergessen

Wer also war dieser Mann, dessen Name und Tod Ende 1848 deutschlandweit tagelang fast alle Gespräche beherrschte und vielerorts massenhafte Empörung auslöste, dieser Blutzeuge aus der „Pubertätsphase der deutschen Demokratie“ (Ralf Zerback)? Wer war dieser Politiker, der im 19. Jahrhundert vor Otto Fürst von Bismarck der bekannteste deutsche Politiker war, ein nahezu kultisch vereherter Held des demokratischen, einigen und freien Deutschlands, das viele im 19. Jahrhundert erträumten? Und warum geriet Blum dann, nach der preußisch dominierten Reichseinigung von oben 1871 durch eben jenen Kanzler Otto von Bismarck, so schnell und gründlich in Vergessenheit?

Sicher: Über Robert Blum ist seit seinem Tod sehr viel publiziert worden; gerade die Arbeiterbewegung, die Sozialdemokratie und linke Kräfte wehrten sich gegen die offizielle Geschichtsdarstellung nach 1871 und bewahrten immer auch sein Andenken. Trotzdem erschien er, gewissermaßen einer der „Gründerväter“ der deutschen Demokratiebewegung, in unserer heutigen Demokratie über historische Fachkreise hinweg nie wirklich angekommen und auch eher wenig präsent. Erst um 2007, seinen 200. Geburtstag, erlebte der lange Vergessene eine neue öffentliche Würdigung: Das Bundesarchiv Berlin widmete ihm eine vielbeachtete Wander-Ausstellung in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt, die dann auch in Berlin im Deutschen Bundestag sowie in Leipzig und Heidelberg gezeigt wurde; ihr Titel ist ein Zitat von Robert Blum und kann als ein Leitspruch seines Lebens gelten: „'Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin'. Robert Blum (1807-1848): Visionär, Demokrat, Revolutionär“. Und er verkörperte diese Dreiheit wie kein anderer seiner Zeitgenossen.

Lesen Sie hier drei Teile zu Robert Blum:

Robert Blum
Robert Blum
von Andreas Schneider
Robert Blums Tod und seine Bedeutung (Teil 1)
MEHR
Robert Blum
Robert Blum
von Andreas Schneider
Weg vom einfachen Mann aus dem Volk zum geachteten Politiker (Teil 2)
MEHR
Robert Blum
Robert Blum
von Andreas Schneider
Im Paulskirchen-Parlament und als dessen Abgesandter in Wien (Teil 3)
MEHR


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Bildquellen:

Vorschaubild, Robert Blum Von August Hunger - http://www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de/site_deutsch/sammlungen/objektdatenbank/framesetting.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39...

Hinrichtungsszene aus "Illustrirten Zeitung" vom 18.11.1848, S. 325. Gemeinfrei. gescannt von Andreas Schneider