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Der Tod Friedrichs des Großen

Der Tod Friedrichs des Großen

Christoph Werner

„Der Berg ist überschritten“

Flagge USA

 

Vor dreihundert Jahren, am 24. Januar 1712, wurde Friedrich II. von Preußen geboren. Man kann das Gedenkjahr 2012 gut zum Anlass nehmen, auch über das Verhältnis dieses herausragenden Königs zu seinem Ende, seinem Tod nachzudenken.  

Es gehörte zu den wichtigsten Pflichten eines Monarchen in der Zeit des Absolutismus, um der Kontinuität und Stabilität seines Staates willen für seine Nachfolge zu sorgen. Damit war er notwendigerweise gezwungen, sich mit seinem eigenen Ende zu befassen und gleichzeitig über seinen Tod hinaus zu denken. Diese Aufgabe wurde ihm gleichsam durch die Bedingungen aufgezwungen, die sich nach den unsicheren politischen und verfassungsrechtlichen Verhältnissen des Ständestaates des 16. und 17. Jahrhunderts herausgebildet hatten. Das Einzige, worüber der Monarch trotz seiner absoluten Machtfülle nicht nach Gutdünken verfügen konnte, war die Erbfolge. In der dänischen Lex regia von 1665, die man als Grundgesetz des europäischen Absolutismus betrachten könnte, wird nur die Regelung der Thronfolge im Sinne des dynastischen Erbrechts auf den Staat vom Gutdünken des absoluten Herrschers ausgenommen, wenn es heißt: „Es soll daher auch der König allein die höchste Macht und Gewalt haben, Gesetze und Verordnungen zu machen nach seinem guten Willen und Wohlgefallen, sie zu erklären, verändern, vermehren, vermindern, ja früher von ihm selbst oder von seinen Vorfahren gegebene Gesetze auch aufzuheben - dieses Königsgesetz (d.i. die dynastische Erbfolge) allein ausgenommen, welches als der rechte Grund und das Grundgesetz des Königreiches durchaus unveränderlich und unerschütterlich bleiben muss."
Zu der Pflicht, sich mit seiner Nachfolge und seinem Ende zu beschäftigen, kam bei Friedrich dem Großen noch eine zynische Lust, sich verächtlich über die Todesangst der Menschen zu äußern. Als ein Teilnehmer an der königlichen Tafelrunde äußerte, dass er den Zeitpunkt seiner Todes lieber nicht wissen möchte, um der damit verbundenen Todesangst nicht noch mehr Raum zu geben, goss der König in bitterster Weise Hohn und Spott über den unglücklichen Mann aus und bezichtigte ihn einer feigen, einer Hundegesinnung. Der so Angesprochene konnte sich auf Grund der hierarchischen Verhältnisse natürlich nicht angemessen zur Wehr setzen.
Friedrichs letzte Jahre, eigentlich bereits die gesamte Zeit seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763, waren gekennzeichnet durch Krankheiten und körperlichen Verfall, allerdings bei ungetrübtem Verstand, wie man den Äußerungen des Grafen Mirabeau noch vom April 1786 entnehmen kann: „Man kann sich keinen frischeren Geist, keine liebenswürdigere Unterhaltung denken."
Vor allem plagte ihn die mit malmenden Schmerzen und andauernden Lähmungen verbundene Gicht, ein bei den Hohenzollern verbreitetes Leiden, dem Friedrichs unmäßige Lust am Essen nicht abhalf. Dazu kamen in den letzten Lebensjahren Asthma und Wassersucht, die zu Atemnot und Schwellungen an den Beinen führte.
Der König, der sich in den meisten Dingen für kompetenter als die Fachleute hielt, glaubte auch, sich als sein eigener Arzt selbst kurieren zu können. Das führte zu geradezu kindischen Auseinandersetzungen mit seinen Ärzten, wovon die Erinnerungen des Johann Georg Ritter von Zimmermann, einer der berühmtesten Ärzte seiner Zeit, zeugen, der den König am 24. Juni 1786 zum ersten Mal besuchte. Er war entsetzt, unter welchen Verhältnissen der König lebte. In seinen letzten Wochen wollte er keinen seiner Angehörigen, nicht einmal seinen Bruder Heinrich oder seinen Neffen, den Kronprinzen sehen. Er lebte ohne Wache, ohne Hofstaat, ohne Adjutanten, nur mit dem Beistand seines Kammerhusaren. Er konnte wegen seiner Atemnot nicht mehr im Bett liegen, sondern verbrachte Tag und Nacht sitzend in einem Lehnstuhl.
Über eine Mahlzeit in den letzten Lebenswochen des Königs berichtet Zimmermann:
„ Um zwei Uhr des Nachmittags (d. i. der 30. Juni 1786) besuchte mich in Potsdam ein Herr von der Tischgesellschaft des Königs, der eben von Sanssouci kam und mir üble Nachricht brachte. Bei der Mittagsgesellschaft hatte der König die Diätregeln sehr übel befolgt, die er mir selbst an diesem Morgen so meisterhaft angab. Er hatte, wie immer, sehr viel Suppe zu sich genommen, und diese bestand, wie gewöhnlich, in der allerstärksten und aus den heißesten Dingen ausgepreßten Bouillon; aber zu der Portion Suppe, die der König allein aß, nahm er dann noch immer einen großen Eßlöffel voll gestoßner Muskatblüten und gestoßnen Ingwers. Er aß sodann ein gutes Stück von nach russischer Art zubereitetem, das ist mit einem halben Quart Branntwein abgekochtem Rindfleisch. Hierauf folgte eine große Menge von einem italienischen Gerichte, das zur Hälfte aus türkischem Weizen (d.h. Mais) und zur Hälfte aus Parmesankäse besteht; dazu tut man den Saft von ausgepreßtem Knoblauch, und dieses alles wird in Butter solange gebacken, bis eine harte und fingerdicke Rinde umher entsteht; über alles gießt man endlich eine ganz aus den heißesten Gewürzen bestehende Brühe, und diese von dem Lord Marischall (Lord Marschall Keith, Vertrauter des Königs) in Sanssouci zuerst angegebne, aber von dem König emendierte (d.h. veränderte) und korrigierte Lieblingsschüssel heißt Polenta. Endlich beschloß der König, indem er den herrlichen Appetit lobte, den ihm der Löwenzahn machte (den ihm Zimmermann als Linderungsmittel empfohlen hatte), die Szene mit einem ganzen Teller Aalpastete, die so heiß und so stark gewürzt war, da&szliszlig; sie in der Hölle gebacken schien, wie der Tischgenosse des Königs mir und meiner Frau versicherte ...". Selbst bei einem hartnäckigen Anhänger des Preußenkönigs hält sich bei soviel gefräßiger Unvernunft, die grotesk-schauerliche Züge trägt, das Mitgefühl mit dem kranken König in Grenzen.
Am 10. August 1786 schrieb der König an seine Schwester Philippine Charlotte, Herzogin von Braunschweig: „Meine angebetete Schwester, der hannöversche Arzt hat Ihnen nur sagen wollen, er habe das Äußerste getan, was er konnte, liebe Schwester; die Wahrheit ist aber, daß er mir nicht helfen konnte. Die Alten müssen den jungen Leuten Raum machen, damit jedes Menschenalter seinen Platz finde; und wenn man recht überlegt, was das Leben ist, so ist es nichts, als daß man seine Mitbürger sterben und geboren werden sieht ..." Das ist eine recht melancholische und pessimistische Bilanz des Lebens und wohl mehr das Ergebnis einer durch Krankheit und Schmerzen geprägten augenblicklichen Stimmung als die Quintessenz von Friedrichs aufgeklärter Philosophie.
Das Ende des Königs war angesichts eines durch seine Kriege, seine Arbeitslast, der Vernachlässigung seiner Gesundheit und nicht zuletzt durch seine Eßgewohnheiten geschwächten Körpers vorauszusehen. In der Nacht vom 16. auf den 17. August 1786 verstarb er in den Armen seines Kammerhusaren, der immer wieder versucht hatte, ihn im Sessel aufzurichten, um ihm das Atmen zu erleichtern. Augenzeugen haben üuuml;berliefert, dass der Sterbende am Ende geseufzt habe: „La montagne est passée, nous irons mieux. (Der Berg ist überschritten, jetzt wird's leichter gehen)
Es herrschte nach seinem Tode eine merkwürdige Stimmung, als würde sein Ende von vielen als Erleichterung empfunden. Mirabeau schrieb: „Alles ist düster, niemand ist traurig, alles ist geschäftig, niemand betrübt. Kein Gesicht, das nicht Aufatmen und Hoffnung verrät, kein Bedauern, kein Seufzer, kein Wort des Lobes. Damit also enden so viele gewonnene Schlachten, so viel Ruhm, eine Regierung von fast einem halben Jahrhundert, erfüllt von so vielen Großtaten. Jedermann wünschte ihr Ende herbei, jedermann ist froh darüber."
Entgegen seinen ausdrücklichen Festlegungen wurde Friedrich nicht auf der Terrasse von Sanssouci neben seinen Hunden beigesetzt, sondern auf Befehl seines Neffen und Nachfolgers, Friedrich Wilhelm II. in der Gruft der Garnisonskirche in Potsdam neben seinem Vater, was er wohl am wenigsten gewünscht hätte. Immerhin überführte man seine Überreste, die in der Zwischenzeit einen Irrweg über die Burg Hohenzollern genommen hatten, schließlich am 17. August 1991 doch noch an den Ort, wo er begraben werden wollte.

 

 

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Bildquelle: Anton Graff "Friedrich II. (der Große), König von Preußen, im Alter von 68 Jahren"; gemeinfrei, wikipedia

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