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Vor dir liegt der spannungsreiche Lebensweg eines jungen Mannes, der seine Zeit kritisch reflektierte und an Veränderungen mitwirkte. Er wurde steckbrieflich gesucht und musste emigrieren, begegnete seiner großen Liebe, verlobte sich heimlich und überwarf sich mit dem Vater.
Versuch einer Antwort auf zwei kritische Fragen zu Georg Büchner

Versuch einer Antwort auf zwei kritische Fragen zu Georg Büchner

Dr. Silvia Frank

Vielen Dank, Florian Russi, dass Sie sich auf „meinen Büchner" eingelassen und ihn hoffentlich mit Lust ein wenig näher kennengelernt haben. Gern versuche ich zu antworten.

Zunächst eine kleine Korrektur. Ich glaube, dass sich das Wort „immer" in Ihre Frage eingeschlichen hat, denn Georg Büchner floh nur ein einziges Mal im März 1835 von Darmstadt nach Straßburg. Mit dieser Entscheidung hat Georg Büchner wohl eine aus Selbsterkenntnis abgeleitete und der konkreten Situation entsprechende richtige Entscheidung getroffen. Vielleicht könnten auch Sie sich von den wenigen nachfolgend ausgewählten Quellen und dem Zitat überzeugen lassen.

Was hätte ihn im Darmstädter Arresthaus erwartet? Die Zustände werden in einem Untersuchungsbericht an die zuständige Staatsbehörde wie folgt beschrieben: 

A, die Reinlichkeit war überall zu vermissen. Zellen, Fenster, Wände, Gänge, Matratzen usw. durchaus voll Schmutz, die Stuben meist mit Strohresten und der Boden derselben mit einer Schmutzkruste bedeckt, woraus hervorging, dass seit langer Zeit nicht geputzt worden war. (...) Ungeziefer in allen Stuben in Folge der Unreinlichkeit... 

Der Urin floss teilweise in den Gängen. In einzelnen Zellen war der Gestank unerträglich.1 (Thomas Ludwig, Katalog 1987, 206) 

In diese Kloake wurden Georg Büchners Freunde und Kampfgefährten verschleppt und von einem Wachpersonal beaufsichtigt, das sich von folgendem Grundsatz leiten ließ:

[...] Es gab die Auffassung, durch sein Verbrechen habe sich der Gefangene das unveräußerliche Recht auf Bestrafung erworben. Das führte dazu, dass ihn der Staat aller anderen Rechte beraubte und nun die alleinige Verantwortung für seine Bestrafung und Besserung übernahm. (Ebd., 204f.) 

Wie diese Verantwortung von den Staatsbediensteten wahrgenommen wurde, geht aus dem Gutachten zur Untersuchung der Todesursache des Pfarrers Ludwig Weidig hervor. Sie erinnern sich. Ludwig Weidig hatte gemeinsam mit Georg Büchner die Flugschrift „Der Hessische Landbote" verfasst und verbreitet. Büchners Kampfgefährte stirbt an den unmenschlichen Haftbedingungen und den Schikanen im Gefängnis. Unabhängige Gutachter stellten fest: 

Die Schläge oder Stöße, müssen sehr heftig gewesen sein. Es ist also höchstwahrscheinlich, dass die mehrstündige gänzliche Vernachlässigung und Hilflosigkeit des verwundeten Gefangenen seinen Tod wenn nicht herbeigeführt, doch wesentlich befördert habe. (Ebd., 206) 

Wie groß daher die Angst des sensiblen jungen Mannes vor einer Inhaftierung war- kurz zuvor hatte er eine tiefe seelische Krise, eine Depression durchlebt - teilt uns sein Bruder Wilhelm mit:

Eine Vorladung in das Arresthaus in Darmstadt zur Vernehmung umging er damit, dass er mich an seiner Statt hinschickte;... Meinen Vorstellungen gegenüber, welchen Kummer er den Eltern bereiten würde, wenn er flüchte, erklärte er, es sei sein Tod, wenn er in Gefangenschaft geriete.2 (Briefe, Münchner Ausgabe: 2006,380.)

Auch nach der gelungenen Flucht verteidigt er seine Entscheidung.  

Ich danke dem Himmel, dass ich voraussah, was kommen würde, ich wäre in so einem Loch verrückt geworden. (Ebd., 307.) 

Ich denke, dass Georg Büchner äußerst realistisch sich selbst und seine Situation einzuschätzen vermochte. Flucht oder Tod - eine andere Perspektive sieht er in dieser bedrohlichen Lebenssituation nicht.

Ihre zweite kritische Frage bringt mich in Schwierigkeiten, da ich nicht wage, die Leidenschaft Georg Büchners in seiner Beziehung zu Wilhelmine, seiner Verlobten, zu beurteilen. Schließlich sind uns doch nur Bruchstücke über diese Liebesbeziehung bekannt. Daher gestatten Sie mir, weitere Fragen aufzuwerfen, die die scheinbare Leidenschaftslosigkeit erklären könnten. 

Spricht nicht Vertrautheit im Umgang miteinander aus diesen Zeilen des Briefes ? Denn jede seiner konkreten Lebenssituationen steht mit dem Gedanken an die Braut in Verbindung. Ein lockerer, humorvoller, geistvoller Vergleich, der vermutlich dieser jungen, intelligenten Frau ganz besonders gefällt? Versuchen wir nicht alle, beim Schreiben eines Briefes uns auf den Adressaten einzustellen? Daher denke ich, dass Ihre Frau vom Dichter Georg Büchner einen ganz anderen Brief erhalten hätte, der sie gleichfalls erfreuen könnte. Was meinen Sie? 

 

*****

Textquellen:

Thomas Ludwig: "...ich sehe unser Haus und den Garten und dann unwillkürlich das abscheuliche Arresthaus", in: Georg Büchner: 1813 - 1837, Revolutionär, Dichter, Wissenschaftler. (Katalog zur Ausstellung Mathildenhöhe, Darmstadt, 2. August - 27. September 1987). Verlag Stroemfeld/ Roter Stern. Basel, Frankfurt am Main 1987.

Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. Deutscher Taschenbuch Verlag, 12. Auflage, München 2006.

Bildquelle: entnommen S. Frank: Kennst du Georg Büchner?, Bertuch Verlag, Weimar 2011.

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