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Johann Joachim Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

1. Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer – ein talentierter Maler und herausragender Illustrator des 19. Jahrhunderts

2. Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek – eine szenische Darstellung zu Theobald von Oers Historiengemälde

3. Johann Joachim Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik

ISBN: 978-3-86397-096-3

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Theobald Reinhold Freiherr von Oer

Theobald Reinhold Freiherr von Oer

Klaus-Werner Haupt

Ein talentierter Maler und herausragender Illustrator des 19. Jahrhunderts

Theobald von Oer entstammt einem westfälischen Adelsgeschlecht. Am 9. Oktober 1807 wurde er auf dem Rittergut Nottbeck bei Stromberg (heute OT der Stadt Oelde) geboren. Im Alter von zwölf Jahren erkrankte der Junge an Scharlach, nachfolgend verlor er sein Gehör und teilweise sogar die Sprache. Mit Hilfe eines Hauslehrers konnte er 1826 in Münster das Abitur ablegen, sein Berufswunsch stand von Kindheit an fest: Er wollte Maler werden. Im gleichen Jahr wurde das verschuldete Rittergut verkauft. Die Familie von Oer zog in die thüringische Stadt Erfurt um. Verwandte ermöglichten dem 19-jährigen Theobald ein Studium an der Königlichen Kunstakademie Dresden. Privaten Unterricht erteilte Johann Friedrich Matthäi (1771-1845), Professor für Historienmalerei und Direktor der Dresdner Gemäldegalerie. Theobald von Oer wurde sein Meisterschüler.

Der klassizistische Maler Johann Friedrich Matthäi war der Sohn des namhaften Porzellanmodelleurs und Bildhauers Johann Gottlob Matthäi (1753-1832). Nach seiner Ausbildung arbeitete Johann Gottlob Matthäi an der Königlich Sächsischen Porzellanmanufaktur Meißen als Modellmeister. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts der wirtschaftliche Niedergang begann, ging Matthäi für mehrere Monate nach Kopenhagen. Graf Camillo Marcolini (1739-1814), einstiger Silberpage des Kurprinzen Friedrich Christian (1722-1763) und nach dem Tod Christian Ludwig von Hagedorns (1712-1780) Direktor der Dresdner Kunstakademie, rief Matthäi zurück: 1782 war in Rom die Abguss-Sammlung des sächsischen Oberhofmalers und Winckelmann-Freundes Anton Raphael Mengs (1728-1779) erworben worden. Miniaturen antiker Kunstwerke zählten zu den modischen Accessoires. Matthäi sollte die Mengs'sche Sammlung studieren. Nach seinen Vorlagen entstanden in Meißen Büsten und Reliefs – teils in Biskuit, teils in glasiertem Porzellan. Als man die Abguss-Sammlung 1794 im ehemaligen Stallgebäude am Dresdner Neumarkt unterbrachte, wurde Johann Gottlob Matthäi deren Inspektor. 1804 übernahm der aus Weimar kommende Karl August Böttiger (1760-1835) die Leitung.

Theobald von Oer begab sich Ende März 1832 zu Fuß von Erfurt nach Weimar. Am 26. des Monats wurden dort die sterblichen Überreste des verehrten Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in die Fürstengruft überführt. Zu diesem Anlass soll Oer ein Gedicht verfasst haben. Nachfolgend wechselte er mit dem livländischen Studenten Alexander Heubel (1813-1847) an die Kunstakademie Düsseldorf, um die Ausbildung zum Porträt- und Historienmaler fortzusetzen. Friedrich Wilhelm von Schadow (1788-1862), einer der Begründer der sogenannten Düsseldorfer Malerschule, wurde sein Förderer.

Bereits im Jahre 1831 entstand Oers allegorisches Gemälde „Selbstbildnis mit Hermann Matthäi“. Mit Hermann Matthäi, dem Sohn seines Dresdner Professors, reiste Oer 1736 über Belgien nach Frankreich. Nach einem Studienaufenthalt in Paris erkundeten die Freunde sechs Monate lang den Süden des Landes, von wo sie per Schiff nach Algerien weiterreisten. Der Rückweg führte über Nizza, Genua, Florenz und Siena. Zu Ostern 1837 erreichte der 30-jährige Oer die Ewige Stadt Rom, wo er sich für zweieinhalb Jahre niederließ. Rom war ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge an den Golf von nach Neapel. Im Fokus standen aber nicht allein die bekannten klassischen Stätten, sondern auch das vom Touristenstrom noch unberührte Landleben. Die farbenfrohe Kleidung und die kostbaren Festtagstrachten der Einheimischen boten einen reichen Fundus, auf den Oer später zurückgreifen konnte. Das „Bildnis einer Italienerin“ (1837) entspricht der damaligen Vorstellung von einer tugendhaften Schönheit des Südens. Mit Zeichnungen und Gemälden bediente der Künstler die Italiensehnsucht seiner Zeitgenossen.

Ende 1839 kehrte Theobald von Oer nach Dresden zurück. Ungeachtet seines fehlenden Gehörs und sprachlichen Probleme wurde er zum Professor und Ehrenmitglied der Dresdner Akademie ernannt. Am 12. Oktober 1840 heiratete er Marie Ernestine Schumann (1816–1878), die Tochter des Präsidenten des Oberappellationsgerichts.

Aus der Ehe gingen sechs Söhne und zwei Töchter hervor. Alexander wurde Professor an der Königlich Sächsischen Polytechnischen Schule zu Dresden, Ernst zunächst als Prinzenerzieher, später Geistlicher und Schriftsteller. Franz wurde Dompropst und Generalvikar in Graz, Theobald brachte es zum Generalmajor und Kommandanten der Festung Königstein. Clemens machte Karriere als Oberstleutnant in Fulda, Max als Geheimer Regierungsgrat in Leipzig. Die Tochter Elisabeth heiratete einen Freiherrn von Hausen, die Tochter Anna Maria (1846-1929) trat in die Fußstapfen ihres Vaters und wurde Malerin. Als Vertreterin der Nazarener Schule widmete sie sich vorwiegend religiösen Sujets.

Historienbilder erfreuten sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. Sie illustrieren sowohl geschichtliche Ereignisse als auch private Momente. Zu Schillers 100. Geburtstag schuf Theobald von Oer den Zyklus „Aus Schiller’s Leben“ (ab 1754) der auf sechs Postkarten abgebildet (Kunstverlag F. A. Ackermann, München) schnelle Verbreitung fand. 1860 entstand das 132 x 170 cm große Gemälde „Der Weimarer Musenhof. Schiller in Tiefurt dem Hof vorlesend“. Es zeigt eine höfische Gesellschaft zur Blütezeit der Weimarer Klassik, die sich am Musentempel des Tiefurter Parks versammelt hat, um Friedrich Schiller (1759-1805) deklamieren zu hören. Im Publikum befinden sich so namhafte Persönlichkeiten wie Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland, die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, die Hofdame Charlotte von Stein, die Herzoginmutter Anna Amalia, der regierende Herzog Carl August und Johann Wolfgang von Goethe.

Von Dresden reiste die Familie von Oer immer wieder ins Münsterland, wonach weitere Historiengemälde entstanden. Aus dem Jahre 1864 stammt das 126 x 171 cm große Werk „Der Kreis von Münster - Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde“. Es zeigt die dem „romantischen Katholizismus“ zugerechnete Salonière Amalie von Gallitzin (1748-1806) im Kreise der geistigen Elite um 1800. Der „Kreis von Münster“ (die familia sacra) prägte das literarische Klima von Stadt und Umgebung. Als Zeichen der Unzufriedenheit mit den preußischen Machthabern galt der Übertritt zum Katholizismus. 1785 – ein Jahr vor ihrer Konversion – besuchte die Fürstin die Dichter Herder und Goethe in Weimar. Im Dezember 1792, auf seiner Rückreise vom Schlachtfeld Valmy (Frankreich), machte Goethe einen mehrtägigen Gegenbesuch im Haus Angelmodde.

Das Kulturgut Haus Nottbeck, Oelde (OT Stromberg) bietet eine Zeitreise durch die westfälische Literatur bis 1900, darunter auch durch das „Westfälische Weimar“:

Amalie von Gallitzin war die Schwester des preußischen Generalleutnants Friedrich Wilhelm Carl von Schmettau (1743-1806), der in der Schlacht bei Auerstedt von feindlichen Kugeln getroffen wurde und am 18. Oktober 1806 seinen Verwundungen erlag. Seine Begräbnisstätte befindet sich auf dem Jacobsfriedhof von Weimar.

Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek (1874). SLUB Dresden
Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek (1874). SLUB Dresden

Oers Historienbilder entstanden anhand historischer Quellen und Abbildungen. Unter den Auftraggebern befand sich Rudolf Carl Freiherr von Finck (1837-1901). Im Jahre 1870 hatte er Rittergut und Schloss Nöthnitz erworben. Wie sein Vorgänger, der Gelehrte und Büchersammler Heinrich Reichsgraf von Bünau (1697-1762), wollte auch der Freiherr von Finck im Schloss eine Bibliothek einrichten. Unter den 10.000 Bänden befanden sich Winckelmanns Briefe an seine Freunde (Hrsg. Karl Wilhelm Daßdorf 1777/80).

Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), der als Bibliothekar auf Schloss Nöthnitz begonnen und den Zeitgenossen die Schönheit antiker Kunst nahegebracht hatte, galt als nationale Größe. Ihm und dem legendären „Nöthnitzer Kreis“ wollte der Freiherr von Finck ein Denkmal setzen. In diesem Sinne gab er 1874 bei dem Maler Theobald von Oer das Gemälde „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek in Auftrag. Das 105 x 140 cm große Werk ermöglicht einen Blick in Bünaus Bibliothek: Die Regale sind angefüllt mit den Statussymbolen barocker Gelehrsamkeit: Tierpräparate rechts, Büsten links, unzählige Bücher und diverse Instrumente. Im Hintergrund erkennt man das Porträt Bünaus, geschaffen 1742 von dem sächsischen Oberhofmaler Louis de Silvestre (1675-1760). Im Salon hat sich ein Kreis von zwölf Gelehrten versammelt, die an ihren porträthaften Zügen zu erkennen sind. Zumindest Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist Winckelmann nie begegnet. Er selbst steht in der Mitte, die Büste des Apoll vom Belvedere erläuternd. Das aus der rechten Rocktasche hängende farbige Taschentuch ist ein Hinweis auf Winckelmanns homosexuelle Veranlagung.

Theobald Reinhold Freiherr von Oer
Theobald Reinhold Freiherr von Oer

Das fiktive Historiengemälde „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek“ befindet sich heute in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden, seit 2017 hängt eine Kopie in der Winckelmannstube des Bürgerhauses Bannewitz:

http://www.bannewitz.de/bannewitz/idx.asp

Im fortgeschrittenen Alter befand sich der talentierte Maler und herausragende Illustrator von Oer in geistiger Umnachtung. Seine letzten Jahre verbrachte er in der Nervenklinik Lindenhof, einem ehemaligen Vorwerk des Rittergutes Naunhof nahe Coswig. Dort verstarb er am 30. Januar 1885. Seine letzte Ruhestätte fand Theobald von Oer auf dem Alten Katholischen Friedhof von Dresden.

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Quellen:

Sudhof, Siegfried: Theobald von Oer. Eine autobiographische Skizze. In: Westfalen. Band 36, Heft 1/2, 1958, S. 110–112

Folkerts, Lieselotte: Theobald Reinhold Freiherr von Oer. Einem großen westfälischen Künstler zum 100. Geburtstag [irrtümlicher Titel, gemeint ist der 100. Todestag]. Monatsblätter für Landeskunde und Volkstum Westfalens, Nummer 263 (1985)

Abbildungsnachweis:

( 1 ) Heubel, Alexander: Theobald von Oer (1844). In: Folkerts, Lieselotte: Theobald Reinhold Freiherr von Oer (sh. oben)

( 2 ) Oer, Theobald: Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek (1874). SLUB

Dresden

( 3 ) Oer, Theobald von: Selbstbildnis. Quelle: Ebenda