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Emilie Fontane - Szenen einer Ehe

Emilie Fontane - Szenen einer Ehe

Klaus-Werner Haupt

Am 14. November 1824 wird in Dresden Georgine Emilie Caroline Rouanet geboren. Ihr Familiennname geht zurück auf ihren Großvater, der einst in Diensten Friedrichs II. stand. Die unehelich geborene Emilie wird 1827 „für die Zusicherung einer namhaften Summe“ von dem Berliner Globus- und Reliefkartenhersteller Karl Wilhelm Kummer und seiner Frau Marie adoptiert.

1835 begegnet Emilie Rouanet-Kummer erstmals Theodor Fontane. Neun Jahre später treffen sich beide wieder. Theo arbeitet inzwischen als zweiter Rezeptar in der Ecke Friedrichstraße/Mittelstraße gelegenen Polnischen Apotheke. Emilie wird als eher südländischer Typ beschrieben, Theo als blond gelockt und von ansehnlicher Größe. Am 8. Dezember 1845 begleitet er die selbstbewusste junge Frau nach Hause. Auf der Weidendammer Brücke macht er Emilie einen Heiratsantrag. Nicht erhalten ist die folgende, als leidenschaftlich bezeichnete „Verlobungskorrespondenz“. Zum Weihnachtsfest 1849 erhält sie das folgende Gedicht:

An Emilie
Liebe dacht´es, Liebe schrieb es.
Und wie viel ihm immer fehle,
Auch mit seinen Fehlern lieb´ es,
Als den Spiegel meiner Seele!

Es ist die Widmung zu Theos erstem Romanzyklus Von der schönen Rosamunde, den Emilie vier Monate später in Händen hält. Am 30. Juli 1850 erreicht sie aus Schleswig-Holstein die Nachricht „Wenn´s dir paßt, im Oktober Hochzeit.“ Es passt, am 16. Oktober findet in der Klosterkirche (Mitte) die Trauung statt. Seine erste Wohnung bezieht das Ehepaar Fontane in der Puttkamerstraße 6 (Kreuzberg).

Theodor Fontane vergleicht ihre Ehe später mit dem Igel und seiner Frau aus dem Märchen De has un de Swinegel. Es wird ein gegenseitiges Sichhelfen bei dem Emilie Außergewöhnliches zu leisten hat: Sie bringt sieben Kinder zur Welt, verwendet sich für ihren Mann bei der „Obrigkeit“.
Sprichwörtlich sind ihre Sparsamkeit und uneigennützige Hilfsbereitschaft.

Im Dezember 1850 wird das Literarische Kabinett aufgelöst, sein Lektor Theodor Fontane erhält die Kündigung. Das Ehepaar macht aus der Not eine Tugend und eröffnet eine Schülerpension. Emilie rechnet Einnahmen gegen Ausgaben und versucht gute Laune zu verbreiten. Bereits im Herbst 1851 wird das wenig lukrative Geschäft aufgegeben. Als der erste Sohn George geboren wird, zieht die Familie in die Luisenstraße 35 (Mitte) um.

Wirtschaftliche Gründe zwingen den Familienvater ins konservative Lager zurück. Für monatlich 30 Taler verdingt er sich bei der preußischen Centralstelle für Preßangelegenheiten, einer Nachfolgeeinrichtung des Literarischen Kabinetts. Dort verfasst er Korrespondenzen für die Preußische (Adler-)Zeitung. 1852 steht seine zweite Englandreise bevor. Als auswärtiger Korrespondent soll Fontane dazu beitragen, die Englandbegeisterung des deutschen Publikums zu dämpfen. Emilie will kein Risiko eingehen und bleibt auf dem Kontinent. Am 2. September schenkt sie ihrem zweiten Kind das Leben. Bereits am 15. des Monats verstirbt Rudolf. Zur gleichen Zeit sitzt ihr „Herzensmann“ im Seebad Brighton und betreibt Konversation. Erst am 21. September ist er zurück in London, findet Emilies Nachricht und tritt via Hastings die Heimreise an.

Im Februar 1853 übernimmt Fontane in Berlin die Revision der Preußischen (Adler-)Zeitung. Er holt auch „den Poeten wieder aus dem Koffer“. Geschichtsstunden bessern das Familienbudget auf und öffnen die Türen zu „Politik, Adel, Gesellschaft, Kirche“. Am 14. Oktober bringt Emilie den Sohn Peter Paul zur Welt, der sechs Monate später verstirbt.

Fontane ist inzwischen zur Centralstelle für Preßangelegenheiten zurückgekehrt. Für ein Jahresgehalt von 420 Talern rezensiert er Beiträge der englischen Presse. Als England und Frankreich versuchen, den russischen Siegeszug gegen das Osmanische Reich zu stoppen, entwickelt sich daraus der Krimkrieg (1852 bis 1856) – der erste moderne Krieg der Weltgeschichte. Im August 1855 sieht Fontane seiner dritten Englandreise entgegen, diesmal in offiziellem Auftrag der Regierung. Seine Deutsch-Englische Correspondenz soll die preußische Neutralitätspolitik medienwirksam unterstützen.

Am 7. September verabschiedet sich der Familienvater von Emilie und George und lässt die häuslichen Sorgen hinter sich. Das Siebenmonatskind Hans Ulrich ist im Juni 1855 ebenfalls verstorben. Emilie sucht Trost bei ihrer Freundin Johanna Treutler auf dem schlesischen Gut Neuhof. Per Post wird sie von ihrem „Zeitungsmenschen“ auf dem Laufenden gehalten. Am 1. Oktober gibt sie die Wohnung in der Luisenstraße auf. Bei ihrer Schwiegermutter in Neuruppin wartet sie auf das Okay für den Umzug nach London. Wochen und Monate vergehen.

Mit zahlreichen Instruktionen versehen verlassen Emilie, der vierjährige George, Theos 18-jährige Schwester Elise und das Dienstmädchen Luise am 23. Januar 1856 den Kontinent. Theo hat inzwischen fünf Zimmer in 38 Berners Street (Soho) gemietet: zwei für sich und seine Familie, zwei als Büro und seinen Assistenten Rudolph Wentzel, ein Zimmer für Elise und das Dienstmädchen. Obwohl der Krimkrieg inzwischen beendet ist, bleiben die Fontanes in London und ziehen um nach 23 Chepstow Place (Bayswater). Emilie kann die Freude über den verlängerten Aufenthalt im „Riesen-London“ nicht teilen. Sie erwartet das nächste Kind. Um ihrem Mann nicht zur Last zu fallen, kehrt sie am 18. Mai nach Berlin zurück.

Emilie mietet ein Zimmer in der Puttkamerstraße 4 (Kreuzberg), bald darauf findet sich eine Wohnung in der Bellevuestraße 16 (Tiergarten), in unmittelbarer Nachbarschaft der befreundeten Familie des Kammergerichtsrats Wilhelm von Merckel.

Am 30. August trifft Theo zu einem mehrwöchigen Heimaturlaub ein, bereits am 4. Oktober reist er via München nach Paris. Er besucht mehrere Ausstellungen und kehrt nach London zurück, um sich fortan als Kunstkritiker zu versuchen. Am 3. November 1856 wird in der Bellevuestraße 16 der kleine Theodor Heinrich (Theo) geboren. „Also doch wieder ein Junge!“, schreibt der Vater. „Eine Schönheit scheint es wieder nicht zu sein, wenigstens kann ich mir nicht denken, daß Schönheit und Ähnlichkeit mit Wentzel neben einander bestehen können.“ Emilie ist froh, der Todesgefahr wieder einmal entronnen zu sein und weist jede Ähnlichkeit des „kleinen Engländers“ mit Theos Assistenten zurück.

1857 wird Fontane für weitere drei Jahre als Presseagent bestätigt, sein Gehalt soll auf 1.500 Taler jährlich erhöht werden. Der Familiennachzug erfolgt schneller. Am 27. Juli wird Emilie mit beiden Söhnen und dem Hausmädchen Rosalie Hertwich in London erwartet. Das erste Dinner hat der Familienvater in der East Compton Street (Soho) vorbereitet. Nachdem man sich eingelebt hat, erfolgt am 10. August der Umzug nach 6 St. Augustine´s Road (Camden). Fontane schwärmt:

Über Land und Meer,
immer hin und immer her,
Glück und Unglück up und down,
endlich Ruh in Camden Town.

Die Familie trifft man nun in Einrichtungs- und Konfektionsgeschäften, Restaurants und Konditoreien. Am 14. November wird Emilies 36. Geburtstag gefeiert. Aus Deutschland treffen Pakete und Weihnachtsgrüße ein, ansonsten bleiben die Fontanes unter sich.

Am 7. Oktober 1858 kommt aus dem Telegrafen die Nachricht, Prinz Wilhelm Friedrich habe nun offiziell die Regentschaft übernommen. Das verhasste Manteuffel- Ministerium wird entlassen. Fontane ahnt, was ihm in der „Neuen Ära“ bevorsteht und will „mit Manier“ nach Berlin zurückkehren. Emilie eilt voraus und findet eine bezahlbare „Sommerwohnung“ in der Potsdamer Straße 33 (Tiergarten). Ab Oktober 1859 heißt die neue Adresse Tempelhofer Straße 51 (Schöneberg). In dem ungesunden, noch feuchten Neubau wird 1860 die einzige Tochter Martha (Mete) geboren. Die nächste Wohnung, die Alte Jakobstraße 171 (Kreuzberg), kann auch nur eine Übergangslösung sein. 1863 werden erneut die Umzugskartons gepackt, die Geburt des kleinen Friedrich steht bevor. Die Hirschelstraße 25 (die nachmalige Königgrätzer Straße) bleibt bis 1872 das Zuhause der Fontanes.

Am 1. Juni 1860 übernimmt Theodor Fontane den englischen Artikel der Kreuz-Zeitung. Als „unechter Korrespondent“ berichtet er vom Schreibtisch „aus London“. Emilie steht ihm zur Seite. Sie schreibt seine vielfach korrigierten, oft unleserlichen Manuskripte ins Reine und erledigt die umfangreiche Korrespondenz. Die Ehebriefe zeichnen das Bild einer starken Frau.

1870 erhält Theodor Fontane von der Vossischen Zeitung ein festes Engagement als Theaterkritiker, zwei Jahre später erfolgt der Umzug in die Potsdamer Straße 134 c. Im Mai 1876 wird Theo zum Sekretär der Königlichen Akademie der Künste ernannt. Emilies Hoffnungen auf eine solide bürgerliche Existenz erfüllen sich nicht. Als ihr Mann beide Ämter aufgibt, kommt es zu einer schweren Ehekrise.

Mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862 bis 1889) erreicht Theodor Fontane den Durchbruch als freier Schriftsteller. Seine nachfolgenden Romane bringen relativen Wohlstand. Die Eisenbahn, nach Fontane „die großartigste Erfindung unsrer Tage“, ermöglicht Reisen nach Wien und Italien, zu Kuren und in die Sommerfrische, zu Mathilde von Rohr nach Dobbertin … Eine Gedenktafel am Potsdamer Platz zitiert aus Fontanes Gedicht Meine Reiselust. Seine Frau kommt
darin nicht vor.

1898 stirbt der berühmte Schriftsteller und wird in der Liesenstraße, auf dem Friedhof der Französischen Evangelischen Gemeinde, beigesetzt. An seinem Sarg resümiert Emilie: „Es war doch ein schönes Leben mit ihm, und ich würde gleich noch einmal beginnen.“ Kaum vier Jahre später findet sie ihren Platz an der Seite ihres Mannes. Die Grabstätte auf dem Kirchhof II, Liesenstraße 7, erinnert an

Theodor Fontane Geb. 30. December 1819, Gest. 20. September 1898
und
Emilie Fontane Geb. Rouanet-Kummer, Geb. 14. November 1824, Gest. 18. Februar 1902.

 

*****

Textquellen:

Pusch, Luise F.; Emilie Fontane abgerufen von >https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/emiliefontane/< am 25.09.2023.

Seiler, Bernd W.: Fontanes Berlin, Verlag für Berlin-Brandenburg, 3. Auflage, 2012.

Haupt, Klaus-Werner: London kommt! Weimar: Bertuch Verlag, 2019.

 

Bildquellen:

Vorschaubild: Emilie Fontane (1889), Theodor-Fontane-Archiv, Potsdam, Signatur AI 245

Grabstätte von Theodor und Emilie Fontane. Foto: Haupt 2018.

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