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Gudrun Schulz
Kennst du Bertolt Brecht?

Und der Haifisch, der hat Zähne /Und die trägt er im Gesicht/ Und Macheath, der hat ein Messer /Doch das Messer sieht man nicht.

Dieser neue freche Ton des jungen Brecht revolutionierte das Theater. Seine Stücke sind aufrüttelnd, kritisch und richten sich gegen die bürgerliche Gesellschaft seiner Zeit. Er will dem Zuschauer die Augen öffnen und ihn zum eigenen Denken motivieren. „Ändere die Welt, sie braucht es!", so Brecht.

Ganz in diesem Sinne bietet dieses Buch keine vorgefertigten Antworten. Es versteht sich als Grundlage zu Reflexion und Diskussion und eignet sich auch als Unterrichtsmaterial. Neben biographischen Informationen enthält es Gedichte, Briefausschnitte, Zitate und Bilder sowie Ausschnitte aus Brechts Stücken.

ISBN: 978-3-86397-020-8
Preis: 19,80 €
Mit Audio CD für Leser ab 16 Jahre  

Bertolt Brecht

Bertolt Brecht

Prof. Dr. Gudrun Schulz

Bertolt Brecht - Weltliteratur aktuell

 

„Wie sagte doch schon der Brecht..."?

Das fragt der bekannte Karikaturist Klaus Stuttmann in seiner Zeichnung die Leser („Tagessspiegel" Berlin, 18. März 2013). In der zweiten Sprechblase antwortet er mit Brecht und fügt Aktuelles hinzu: „Was ist der Einbruch in eine Bank (so weit Brecht) gegen die Rettung einer Bank!" Auf diese Weise entdecken die Leser die doppelte Botschaft des Zeichners. Er verweist darauf, wie perfekt Brechts Aussage, die der dem Mackie Messer in den Mund legt („Die Dreigroschenoper"), in unsere Zeit passt, in der Banken Pleite gehen oder vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Und er zeigt damit auch, wie modern Brechts Texte sind.
Die ‘geflügelten Worte", die der Zeichner zitiert, stammen aus Brechts „Die Dreigroschenoper", uraufgeführt 1928 in Berlin.
Der „Dreigroschenoper" gingen in rasanter Folge Uraufführungen zu folgenden Stücken voraus:

1922: „Trommeln in der Nacht", München
1923: „Im Dickicht der Städte", München
1923: „Baal", Leipzig
1926: „Mann ist Mann", Darmstadt
1927: „Mahagonny", Baden-Baden
1927: „Hauspostille, Erstdruck der Gedichtsammlung 

„Die Dreigroschenoper"

brachte Brecht den Durchbruch in seinem Schaffen und revolutionierte das Theater in Richtung seiner epischen, erzählenden Stücke. Brecht wollte dem Zuschauer die Zuschaukunst beibringen (Zeigtafeln verweisen auf Kommendes hin, das Bühnenbild wird stark reduziert usw.). Seine Stücke sollten der Abschied vom Illusionstheater sein.
Das bezieht sich in der „Dreigroschenoper" und in anderen Brecht-Stücken auch auf die Wahl der Themen, der Stoffe und vor allem der Figuren. Letztere entstammen vornehmlich der Welt der „kleinen Leute", wie die Marketenderin Courage in „Mutter Courage und ihre Kinder" oder die Prostituierte Shen Te in „Der gute Mensch von Sezuan". Shen Te, der die Götter einen kleinen Laden schenkten, will zugleich ein guter Mensch und im Geschäft erfolgreich sein, was nach Brecht misslingen muss. Deshalb überlässt er die Lösung des Problems dem Zuschauer. Der soll den „guten Schluss" selbst finden.
Auch im Mittelpunkt der „Dreigroschenoper" steht kein edler Jüngling, sondern der Antiheld: Einer, der sein „Brautbett" im „Bordell" fand, der einer Bande von Dieben und Hehlern und Huren vorsteht und der cool in den Zuschauerraum hinein fragt:

„Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"  

Die „Dreigroschenoper" Brechts wird heute weltweit aufgeführt, was auch an der Verbindung von Brechts Text mit Kurt Weills jazziger Musik liegt.
Ein Moritatensänger singt im „Vorspiel" von dem Räuber Mackie Messer, Mackeath oder einfach Mac genannt und stellt dessen ‘Heldentaten‘ vor: 

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Mackeath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht. [...] (GBA 2,23) 

Im Internet auf YouTube hat der Song sechsstellige Aufrufe. Er wurde seit 1928 von vielen berühmten Sängern (Lotte Lenya, Gisela May*, Milva, Sting u.a.) bis hin zu aktuellen Rockgruppen interpretiert (Rockband „Slut"*). 

Bertolt Brecht,

Dichter, Stückeschreiber, Philosoph und Neuerfinder des Theaters, wollte, dass seine Texte, häufig mit Musik versehen u.a. von Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau, den Zuschauer anregen, mitzuhelfen, die Welt zu verändern, denn, so Brecht:
„Sie braucht es."
Diesen Furor im Anspruch seiner Stücke an das Publikum und an die Leser seiner Gedichte und Erzählungen, diesen Aufruf, die gesellschaftlichen Zustände zu ändern, das nahm und nimmt ihm bis heute das ‘Establishment‘ übel.
Aber seine 48 Stücke und die 2300 Gedichte, die 200 Erzählungen, die theoretischen und philosophischen Abhandlungen und seine Regiebeispiele am Berliner Ensemble werden von den „Nachgeborenen" „angenommen".
Sie gesellen sich um sein Werk und setzen sich kritisch damit auseinander: die Zuschauer im Theater, die Leser seiner Texte, Dichter und Schriftsteller, wie Volker Braun, Heinz Kunert, Ingo Schulze und davor Peter Hacks, Heiner Müller, George Tabori u.a. Dazu gehören auch
die Schüler, die mit Gedichten und Stücken Brechts im Unterricht konfrontiert werden und sich ein eigenes Bild vom Dichter machen können (vgl. Schulz: Kennst du Bertolt Brecht? Bertuch 2013).
Wie lebendig der Dichter mit seiner „Produktion" ist, das belegen im Jahr seines
115. Geburtstages, 2013, verschiedene Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt (vgl. Literaturangaben am Ende des Beitrags).
Und es feiern, die Tradition der Berliner „Brecht-Tage" aufgreifend, die Augsburger ihren weltberühmten Sohn einmal im Jahr mit einer Festwoche und mit der Verleihung des Brecht-Preises. Der ging 2013 an den Schriftsteller Ingo Schulze.

Bertolt Brecht

ist ein Dichter für schwierige Zeiten. Das vielleicht auch, weil er in „finsteren Zeiten" leben musste. 15 Jahre auf der Flucht aus Deutschland vor den Nationalsozialisten bis in die USA haben ihn geprägt.
Im Exil schrieb Brecht unter erschwerten Umständen. Er war in den verschiedenen Ländern stets auf der Suche nach einer Bleibe, nach Gelegenheiten, seine Stücke auf die Bühne zu bringen und nach Verdienst, sich und die Seinen zu ernähren.
Das erlebten auch seine zwei heranwachsenden Kinder, die sich zudem in unterschiedlichen Sprachräumen (dänisch, schwedisch, finnisch, englisch) zurechtfinden mussten und sich in der Schule behaupten wollten.
Brecht erfasste das „Unrecht" seiner Zeit genauer als andere, und er wies mit seinen Texten darauf hin.
So entstanden im Exil jene Stücke, die heute Brechts Ruhm mit begründen und die sogar während Brechts Exil im Ausland uraufgeführt werden konnten (Auswahl):

1935: „Die Gewehre der Frau Carrar", Paris
1938: „Furcht und Elend des Dritten Reiches" (Szenen), Paris
1941: „Mutter Courage und ihre Kinder", Zürich
1943: „Der gute Mensch von Sezuan", Zürich
          „Galileo Galilei", Zürich.

Eingeschlossen in Brechts dichterisches Schaffen wurden von Anfang die „Nachgeborenen".
Brecht erlebte, vornehmlich in der Emigration mit den eigenen Kindern, dass diese stets von den Problemen ihrer Zeit betroffen wurden.
Also wollte er sie auch in diese Probleme einbeziehen, indem er speziell für sie Texte schrieb,
darunter Stücke, wie „Der Ingwertopf", die Erzählung „Wenn die Haifische Menschen wären" und Gedichte, Lieder, Reime, wie die „Tierverse", das „Alfabet" (geschrieben für den eigenen Sohn Stefan), „Der Pflaumenbaum" u.a. Nach der Emigration folgen „Neue Kinderlieder", wie „Eines nicht wie das andere" und 1950 die „Kinderhymne"* (Vertonung Hanns Eisler), die Brecht gern als Nationalhymne der Deutschen gesehen hätte, wenn er schrieb:  

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.[...](GBA 12, 303) 

Eugen Berthold Friedrich Brecht,

der später mit Bertolt Brecht oder einfach unter B. B. seine Texte signierte, Augsburger, 1898 von seiner Mutter „aus den schwarzen Wäldern" in die „Asphaltstädte" (Vom armen B.B.*) „getragen", starb 1956 in Berlin, in dem Teil der Stadt, der damals zur DDR gehörte.
Sein Lebens-Weg zwischen Kindheit und Jugend als wilder Gesell in Augsburg und dem ersten großen Erfolg in Berlin mit der „Dreigroschenoper" ist früh von Begegnungen mit Literatur und Dichtern und von eigener dichterischer Produktion bestimmt. Kurz nach seinem bis dahin größten Erfolg mit der „Dreigroschenoper" in Berlin 1928,
als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, floh die Familie Brecht sofort aus Berlin nach Prag, dann nach Österreich und von dort unters „dänische Strohdach" für sechs Jahre. Als die Nazis in Dänemark einmarschierten, mussten sie weiter nach Schweden und von dort nach Finnland. Nachdem endlich die ersehnten Pässe eintrafen, ging es über Moskau nach Wladiwostok und von dort auf ein Schiff, das die Familie in die USA brachte. Auf der Suche nach einer festen Bleibe und nach Arbeitsmöglichkeiten kamen die Brechts 1941 - mit Unterstützung bereits exilierter Freunde, einer „Rettung in höchster Not" (Kortner, zit. nach Hecht 1997, 655), - nach Santa Monica, Kalifornien, in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo Brecht sechs Jahre lebte und arbeitete.
1947 - im Zuge des begonnenen „Kalten Krieges" zwischen den westlich orientierten Ländern und denen des „Ostblocks" - wurde Brecht zum Verhör vor den „Ausschuss für unamerikanische Betätigungen" (HUAC) in Washington geladen. Der Amerikaner Stripling wollte, im Auftrag des Ausschusses, wissen, ob Brecht Kommunist sei bzw. einer kommunistischen Partei angehöre. Brecht beantwortete diese Frage mit einem „Nein" und begründete es so:
„Ich war ein unabhängiger Schriftsteller und wollte ein unabhängiger Schriftsteller sein, und ich habe darauf hingewiesen, und, ich glaube, auch theoretisch war es das Beste für mich, überhaupt keiner Partei beizutreten." (Brecht, zit. nach Hecht 1997, 794f.)
Nach der Befragung verließ Brecht die USA.

Brecht

suchte nach seiner Rückkehr in Europa einen Ort, an dem er arbeiten konnte, was für Brecht auch hieß, er brauchte ein Theater zur Aufführung seiner Stücke und Regie-Ideen. Aus Brechts Sicht kamen die Schweiz und Österreich, auch Westberlin in Frage.
Diese Hoffnungen zerschlugen sich.
Die Bleibe und ein Theater erhielt er im Ostteil der Stadt Berlin, später Hauptstadt der DDR.
Dort gründete er 1949 das „Berliner Ensemble". Die Schauspielerin Helene Weigel, Ehefrau Brechts seit 1929, Weggefährtin im Exil und Mutter seiner Kinder Stefan und Barbara, wurde die Intendantin.
Hier konnte mit Aufführungen von „Mutter Courage und ihre Kinder" und vom „Kaukasischen Kreidekreis", in Paris jubelnd gefeiert, die Weltkarriere des Dichters Brecht und seines Theaters und die der Helene Weigel als Schauspielerin weiter geführt werden.
Das „Berliner Ensemble" am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte zeigt aktuell (2013) Brechts Erfolgsstück „Die Dreigroschenoper" in der Inszenierung des weithin anerkannten nordamerikanischen Regisseurs Robert „Bob" Wilson.


Auf dieser Seite finden Sie auch
Unterrichtsmaterial als Kopiervorlage
für den Literaturunterricht zu Bert Brecht.

hier




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Literaturangaben

Brecht, Bertolt: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. (Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller). Berlin und Weimar/Frankfurt a. M.: Aufbau-Verlag/Suhrkamp Verlag 1988-2000 (30 Bde. In 32 Teilen und der Registerband, zitiert als GBA). Text-Zitate aus Bde. 2, 12.
Hecht, Werner: Brecht Chronik 1898-1956. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1997.

Werke Brechts in Einzelausgaben (Auswahl)
Bertolt Brecht. Die Gedichte (Hrsg. Jan Knopf). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007.
Bertolt Brecht. Sieh jene Kraniche in großem Bogen .... Geschichten, Aphorismen, Gedichte.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Jeske. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2006.
Brecht, Bertolt: Ausgewählte Werke. 6 Bde. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2005.

Neuerscheinungen 2013
Bertolt Brecht. Helene Weigel. Briefe 1923-1956. „ich lerne: gläser + tassen spülen". Hrsg. von Erdmut Wizisla. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012.
Knopf, Jan: Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. München: Carl Hanser Verlag 2013.
Schulz, Gudrun: Kennst du Bertolt Brecht? Bertuchs Weltliteratur für junge Leser, Bd. 14. Weimar: Bertuch Verlag 2013, mit CD.

(Die mit* versehenen Stellen sind auf der CD zum Buch zu finden).

 

Bildquellen:
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA: Bertolt Brecht; wikipedia
Karrikatur mit freundlicher Genehmigung von Klaus Stuttmann