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Bertuch´s Weltliteratur für junge Leser

In dieser von Prof. Wolfgang Brekle herausgegebenen Reihe stellen namhafte Literaturexperten bedeutende Autoren vor und erleichtern den Zugang zu ihren Werken. Junge und neugierige Leser sind die Zielgruppe dieser Serie.

Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe

Georg Bürke

Wilhelm Raabe (1831 – 1910)

„Sieh nach den Sternen! Gib Acht auf die Gassen."

Raabe wurde in Eschershausen, einem Städtchen im Herzogtum Braunschweig als Sohn eines Justizbeamten geboren. Schon in seiner Kindheit und Jugend las er sehr viel, vor allem Dickens, Thackeray und Jean Paul. Nach dem Gymnasium war er zunächst Buchhändlergehilfe in Magdeburg. 1855 begann er dann ein Philosophiestudium in Berlin, wo er sein erstes Buch „Die Chronik der Sperlingsgasse" schrieb. Damit war er so erfolgreich, dass er sein Studium wieder aufgab und fortan als freier Schriftsteller lebte. Die weiteren Stationen seines Lebens und Wirkens waren Wolfenbüttel, Stuttgart und seit 1870 Braunschweig. Hier starb er auch, abgeschlossen von aller Welt, einsam und unverstanden und trotz mehrerer Ehrendoktorate kaum über die Grenzen seiner Heimatstadt bekannt.

Seine Hauptwerke sind:

„Die Chronik der Sperlingsgasse" (1857)

„Die Leute aus dem Walde" (1862)

„Der Hungerpastor" (1863)

„Abu Telfan" (1867)

„Der Schüdderump" (1869)

(Die drei letztgenannten bilden eine Trilogie und sind Raabes Hauptwerk)

„Horacker" (1876)

„Stopfkuchen" (1891)

Eigenart:

Raabe hat viele Züge mit Jean Paul gemeinsam. Mit Storm verbindet ihn die Liebe zum Unbedeutenden und zum rein Menschlichen (Gute, Liebe u.a.) sowie die Vorliebe für die Vergangenheit. In seinen Werken mischen sich Romantik und Realismus. Er war ein betonter Gegner des Naturalismus. In seinen Stoffen tritt eine Vorliebe für allerlei Wunderlichkeiten hervor. Seine Figuren sind Sonderlinge, Träu-mer, Dulder, Vergessene, Übersehene, leiblich und geistig Arme, seelisch weiche und verletzliche Naturen, keine Tatmenschen und Überwinder. Orte der Handlungen sind die scheinbar verlorensten Erdenwinkel, wie zerfallene Ruinen, alte Mühlen, entlegene Orte, stille Stuben und Dachkammern, Hungerpfarren und einsame Förstereien.

Raabes Literatur zeichnet ein starker Erziehungswille aus. Er schreibt nicht um der Kunst, sondern um ethischer Werte willen. Raabe mahnt zur Innerlichkeit, zu den wahren seelischen Werten, wie Liebe, Güte und Menschlichkeit, die das wirkliche und echte Lebe schaffen und in jedem Kampf siegen. Geduld, Schlichtheit, Redlichkeit, treue Einfachheit, Demut, Entsorgung, Mut und innere Freiheit machen den Sinn des Lebens aus, das dadurch bei aller Bescheidenheit Werte und Tiefe gewinnt. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seinen Seele Schaden leidet" (Markus-Evangelium, 8,36) und der von Raabe selbst stammende Satz: „Sieh nach den Sternen" Gib Acht auf die Gassen" bilden das Motto seiner Dichtung. Dabei soll der Mensch aber nicht verlernen, der jeweiligen Lebenswirklichkeit klar und nüchtern ins Auge zu sehen.

Raabes Mahnungen zu den wahren Werten des Lebens richten sich gegen die menschliche-seelische Verheerungen der Industrialisierung, gegen blinden Fort-schrittsglauben, die Seelenlosigkeit des reich gewordenen zerbröckelnden Bürger-tums, gegen Staat und Betriebsamkeit, Erwerbs-, Macht- und Genussgier, glänzende Hohlheit des Lebens. Seine Helden sollen zeigen, wie man den wahren Aufgaben und Werten des Lebens gerecht wird, tüchtig und redlich und ein „ungekrönter König" sein kann, ohne jenen verheerenden Kräften zu verfallen. Die wertvollen Menschen darf man nicht unter den äußerlich Erfolgreichen suchen, sondern unter den Abseitigen, Einsamen, Stillen, Unscheinbaren, ja Sonderlingen. Diese sind in der Überzahl, wenn auch die Bösen die Handelnden sind und daher die Oberhand haben (Einfluss vom Schoppenhauer Pessimismus). So verkündet Raabe die wahre Größe der kleinen Leute und umkleidet deren ärmliche Verhältnisse mit dem Schimmer der Poesie. Dabei zeigt er, ähnlich wie Jean Paul, einen ausgesprochenen Sinn für Humor.

Wilhelm Raabes Schaffen lässt sich in drei Perioden gliedern. Die Frühzeit („Chronik der Sperlingsgasse", „Die Leute aus dem Walde") ist gekennzeichnet durch plaudernde Romantik und Aneinanderreihung von idyllischen Stimmungsbildern, halb schmerzlich, halb heiter lächelnd über das eitle Treiben der Welt. In der Epoche seiner Trilogie (s.o.) dominiert ein erschütternder Pessimismus, eine grimmige Bitterkeit über das Minderwertige, das immer obenauf ist. In seiner dritten Epoche findet er zu abgeklärter, verstehender Gelassenheit, zu lächelndem Humor und heiterer Lebensweisheit.
Raabes Erzählweise ist bewusst umständlich, abschweifend, verschnörkelt und in behaglicher Manier (auch hierin vergleichbar mit Jean Paul). Immer wieder tritt der Dichter selbst gegenwärtig zwischen Leser und Werk durch eingeschobene Betrachtungen, Randbemerkungen, Anreden, erzieherische Hinweise, welche die Form sprengen. Die Erzählung wird häufig nicht dem Verlauf nach vorgetragen, sondern die Teile werden durcheinandergeschoben, es dem Leser überlassend, sich in dem Gewirr zurecht zu finden. Aber solche Willkür ist nur scheinbar. In Wirklichkeit ist alles durchgedacht und geplant. Der Dichter komponiert nach Leitmotiven. Er liebt den Entwicklungsgleichlauf, der mit zwei gegensätzlichen Lebensläufen beginnt, sie auseinanderführt und am Schluss wieder zusammenleitet. Er verfolgt ihren Gegensatz in allen Stadien.

Solche Darstellungsweise erschwert den Zugang zu Raabes Dichtungen und erfor-dert viel Geduld. Raabe findet daher nur Liebhaber, kein breites Lesepublikum. Seine Sprache ist bewusst gepflegt von eigenartiger Prägung: kurze Sätze, wenig Adjektive, viele Partizipien und Fremdwörter, sinnbildliche Namen und Formeln. Schauplätze seiner Romane sind die deutschen Landschaften, Italien, Belgien, Dänemark, Norwegen, Nordamerika und Afrika. Sie spielen im Zeitrahmen zwischen den 13. Jahrhundert und der Gegenwart des Dichters.

 

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Bildquelle: Bild aus Seite 469 in "Die Gartenlaube" 1888; gemeinfrei, wikipedia

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