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Bertuch´s Weltliteratur für junge Leser

In dieser von Prof. Wolfgang Brekle herausgegebenen Reihe stellen namhafte Literaturexperten bedeutende Autoren vor und erleichtern den Zugang zu ihren Werken. Die Reihe findet großen Anklang und wurde schon zweimal von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zum Buch des Montas gewählt. Zuletzt erschien "Kennst du Friedrich Hölderlin?" von Hans-Jürgen Malles.

Friedrich Hebbel

Friedrich Hebbel

Georg Bürke

Leben

Friedrich Hebbel wurde 1813 in Wesselburen im Kreis Dithmarschen in Holstein als Sohn eines Maurers geboren. (Der Menschenschlag der Heimat war geprägt vom Kampf gegen die tobende Nordsee, vom Freiheitstrotz gegen die übermächtigen Dänen, vom selbstbewussten Stolz und unbeugsamen Rechtssinn, mit dem sie ihren Freistaat verwalteten.) Bis 1845, als er nach Wien zog, war sein Leben gekennzeichnet vom bittersten Kampf gegen die Armut. Hebbel hatte eine harte und traurige Jugendzeit in Armut und Elend. Mit 13 Jahren begann er eine Maurerlehre, wie schon sein Vater vor ihm. Nach dem sehr frühen Tod des Vaters 1827 kam er in das Haus des Kirchspielvogtes und Gemeindevorsteher Mohr in Wesselburen, zuerst als Laufbursche, später als Schreiber von 1827 bis 1835. Hier bildete er sich autodidaktisch weiter durch gierige Lektüre und das Lateinstudium bei einem Freund. Hebbel litt unter dem Hochmut des Dienstherrn, der ihn ausnützte. Mit Unterstützung von Hamburger Gönnern, die er durch seine Gedichte aufmerksam gemacht hatte, konnte er 1835 zur Vorbereitung auf die Universität nach Hamburg gehen. Die Reifeprüfung erreichte er jedoch nicht und litt während dieser Zeit größte Entbehrungen. Er machte aber die Bekanntschaft mit der aufopferungsvollen Näherin Elise Lensing, die dem Einsamen Trost und Verständnis, dem Hungernden ihre bescheidende materielle Hilfe gewährte. 1836 bis 1839 war Hebbel kurz auf den Universitäten in Heidelberg und in München. Zuerst begann er ein Rechtsstudium, bald aber reifte in ihm der Wille zu allgemeiner literarischer und künstlerischer Bildung, weshalb er das Rechtsstudium bald aufgab, jedoch damit auch seine Stipendien der Hamburger Gönner verlor und allerbitterste Not litt. Auf Grund dessen entstanden Gedichte, Novellen; Stoffe für Dramen wurden geprüft, die Anregung zur Tragödie „Maria Magdalena" erlebt. Ohne das Studium abgeschlossen zu haben, wanderte er im Winter 1839 zu Fuß nach Hamburg, aber mit dem Bewusstsein, dass er „an Talent, an wissenschaftlicher und allgemeiner Bildung keinem der jetzt lebenden Dichter nachstehe". In Hamburg lebte er 1839 bis 1842 als Literat in Sorgen und Entbehrungen, in Krankheit und Liebeswirren, Enttäuschungen mit Gönnern, Verlegern und Bühnen. Die ersten Dramen wurden vollendet, die früheren Gedichte gesammelt und 1842 herausgegeben. Die Tragödie „Judith" von 1840 machte ihn mit einem Schlag berühmt, aber seine Notlage änderte sich nicht trotz der aufopfernden Hilfe von Elise Lensing. Mit der zweiten Tragödie „Genoveva" und dem Lustspiel „Der Diamant" hatte er keinen Erfolg. 1842 und 1843 weilte er in Kopenhagen, wo ihm der Dänenkönig Christian VIII., der damalige Landesherr von Holstein, ein Reisestipendium für zwei Jahre gewährte. Daraufhin verbrachte er 1843 und 1844 in Paris, wo er „Maria Magdalena" vollendete, das aber abgelehnt wurde. Den Grimm über die Ablehnung des Stückes entlud er in einer Abhandlung über das Drama, die ihm den ersehnten Doktortitel eintrug. 1844 und 1845 war er in Rom, das ihm nichts sagte, und in Neapel, wo er wieder furchtbare Not litt. 1845 zog er mittellos nach Wien, wo er bis an sein Lebensende blieb, mit wenigen Reiseunterbrechungen nach München, Weimar, Hamburg, Paris und London. In Wien heiratete er 1846 die Schauspielerin Christine Enghaus, „die erste tragische Schauspielerin Deutschlands", und jetzt erst erblühten dem durch die Wanderzeit menschlich und künstlerisch Gereiften Ruhe, Zufriedenheit und Glück. Hier schuf er seine Hauptwerke. Wien wurde ihm Heimat und blieb ihm doch unüberwindbare Fremde zugleich. Unermüdlich erwanderte er sich die Stadt, aber ihre Geselligkeit hasste er. In seinem Haus verkehrte ein enger Kreis von Künstlern und Gelehrten, aber die österreichischen Dichter hielt sein anmaßendes und wegwerfendes Urteil fern. Die Stadt schalt er als einen „Pfuhl der Mittelmäßigkeit", schätzte aber an den Wienern das Erwachsene und Behagliche ihres Daseins. Seine Frau löste ihn teilweise aus den Banden seines düster-grüblerischen Wesens, verband ihn mit dem Leben, erschloss ihm die Anschauung eines großen Theaters und deutete aus innigster Seelengemeinschaft seine Hauptgestalten auf der Bühne. Aus dem Gefühl bürgerlicher Sicherheit und dem Bewusstsein überragenden Dichtertums schuf er hier seine reifsten Werke. Aber ihr nie ganz abgelegter düster-grüblerischer Zug, die Folge jahrelanger Not und Enttäuschung, die norddeutsche geistige und künstlerische Prägung waren schwere Kost für das Denken Empfinden der Wiener. Der reizbare Dichter machte für den Misserfolg Laube, den Leiter des Burgtheaters verantwortlich. Aber die Nibelungentrilogie brachte ihm mächtigen Erfolg und als Anerkennung erhielt er den Schillerpreis, 1862. Seit 1855 ging es ihm gesundheitlich schlechter und er verbrachte die Sommermonate in seinem Landhaus in Orth bei Gmunden. Bald nach seiner Anerkennung starb er im Alter von 50 Jahren, die Tragödie „Demetrius" unvollendet zurücklassend.  

Sein Tagebuch, eines der merkwürdigsten Dokumente der Literatur, bieten wertvolle Einblicke in Hebbels Leben, Dichten und Denken und offenbart seine unablässige kritische Selbstbeobachtung und Selbsterziehung und seine unerbittliche Wahrheitssuche. 

Werke:

  1. Dramen: „Judith" 1840; „Genoveva" 1841; „Maria Magdalena" 1843; „Herodes und Marianne" 1848; „Agnes Bernauer" 1851; „Gyges und sein Ring" 1854; „Die Nibelungen" 1855-60; „Demetrius" unvollendet.
  2. Prosa: „Erzählungen und Novellen" 1855
  3. Epos: „Mutter und Kind" 1854
  4. Lyrik
  5. Theorie: „Mein Wort über das Drama" 1843
  6. Autobiographisches: „Tagebücher".

Weltanschauung

Hebbel versuchte als philosophischer Autodidakt und Dilettant auch eine philosophisch selbstständige Lösung der Welträtsel. In der Frühzeit kümmerte er sich kaum um philosophische Probleme. Aber Gespräche und gelesene Dichtung regte ich zu eigenem Philosophieren an. Seit Paris setzte er sich vor allem mit der Philosophie Hegels auseinander. In Wien ebbte die Spekulation ab, aber seine Dramen leben aus seiner Philosophie.  

Ansporn seines bohrenden Grübelns war das quälende Erlebnis des unüberbrückbaren Zwiespalts in seinem Leben: zwischen jahrelanger äußerer Not, Missachtung und Anfeindung als Dichter und dem Bewusstsein höchster Schöpfer- und Künstlerkraft, zwischen seinem individuellen, persönlichen Dasein und dem Universum. Diesen Zwiespalt suchte er in seiner Notwendigkeit zu ergründen. Dabei knüpfte er an Hegel an, dem als Schicksal Napoleons das Tragische der großen geschichtlichen Persönlichkeiten aufgegangen war, indem sie ihm als Werkzeuge einer höheren Macht, des Weltgeistes, erschienen, die fortgeworfen wurden, wenn sie die im Dienste der Weiterentwicklung ihnen aufgegebene Leistung vollbracht hatten.  

Diese Auffassung Hegels steigerte Hebbel zu einem Weltbild des Pantragismus. Seinen persönlich erlebten Zwiespalt entdeckte Hebbel überall auf der Welt. Er führte ihn zurück auf den ewigen, unlöschbaren Gegensatz zwischen Universum, Weltgeist, All- und Einzelpersönlichkeit, Individuum. (Zwischen dem „Allgemeinen mit seinem Trieb, sich zu individualisieren" einerseits und dem Besonderen, den „Individualisierten mit seiner Unfähigkeit, sich als solches zu behaupten" andererseits.) Urgrund allen Seins ist für Hebbel der Weltgeist, das unerforschte eins und alles. Dieser Weltgeist strebt im Individuum zur Erscheinung, zu vollkommener Selbstdarstellung und Weiterentwicklung. Das Individuum, der Einzelwille, ist so einerseits eng an den einen Weltgrund gebunden, andererseits sucht der Einzelwille sich davon abzusondern und die in ihm persönlich lebende Idee des Weltgeistes durchzusetzen, also sich individuell zu entfalten. Diese Auseinandersetzung mit dem All, Weltgrund und Weltgeist ist sogar das Recht, ja notwendige Pflicht, weil dies dem Weltganzen dient, seine vervollkommnende Weiterentwicklung in Gang hält und vor drohender Erstarrung und dem Chaos bewahrt. Das Leben ist also wesentlich ein Kampf. Der Einzelne allerdings muss seine individuelle Entfaltung, Absonderung, auf jeden Fall mit seinem Untergang bezahlen, aber sein Untergang kommt auf jeden Fall dem Weltganzen zugute. (Diese Einsicht schenkte dem Dichter Beruhigung und spornte ihn zum letzten Einsatz seiner Kräfte.) 

Diese Anschauung führt zum Begriff der „tragischen Schuld": „Tragische Schuld" ist die „Individuation", die Vereinzelung, d. h. der mit dem Leben an und für sich schon notwendig gegebene Zusammenstoß zwischen Einzelwille und Weltwille, der notwendig zum Untergang des Einzelwillens führen muss. Das gesamte Leben ist also an und für sich tragisch (=Pantragismus), da das Leben wesentlich ein Kampf zwischen Individuum und Weltwille ist. „Tragische Schuld" ist also nicht gleich mit Gut und Böse im moralischen Sinn, ist nicht mit Sünde vor Gott und den Gewissen zu vergleichen, da sie nicht einer freien Willensentscheidung, auch nicht der Charakterlage entspringt. Besonders eindringlich kommt diese Tragik zur Geltung an den Wendepunkten der Geschichte, denn hier wird in besonderem Maße um die Höherentwicklung der Menschheit gerungen, zum Beispiel die Wende vom Heidentum zum Christentum. Hier opfern sich große Menschen als Wegbereiter für die Weiterentwicklung der Menschheit (damit die Idee des Menschseins immer klarer und reiner verwirklicht werde), indem sie gegen die Vertreter einer abgelaufenen Epoche auftreten und mit ihnen in Widerstreit geraten, sich von ihnen absondern, sich „individualisieren". Indem die Neuerer so die Welt aus ihrem Allgemeinwillen, ihrem Massenschlaf wecken, begehen sie eine „Schuld", die sie mit ihrer eigenen Vernichtung büßen. Aber dieser tragische Untergang steht im Dienste des höheren Weltwillens und ist daher gerechtfertigt und erhebend. (Es ist also wie beim Meer: Es ruht im Schlummer; da erheben sich im Windstoß einzelne Wellen und stören die Ruhe des Spiegels; aber das Meer ist nicht befriedigt, bevor nicht wieder diese unruhestiftenden Wellen in seinem ausgleichenden Spiegel zur Ruhe gebracht sind; die Wellen, die Menschen, die die träge Ruhe der Welt gestört haben, müssen verschwinden und die Ruhe muss wieder hergestellt werden; aber trotzdem muss Bewegung im Meer sein, wenn es nicht zum fauligen Sumpf werden soll.) 

Die daraus folgende Auffassung von der Tragödie:

In mehreren Programmschriften ergrübelte Hebbel im Sinne seiner dualistischen Weltanschauung das Wesen und die Aufgabe der Tragödie, vor allem im Aufsatz „Mein Wort zum Drama" 1843 und im „Vorwort" zu „Maria Magdalena". Die Tragödie, die höchste Form der Poesie und der Kunst überhaupt, packt das Weltgeschehen an einer großen Entwicklungswende; es gestaltet die „Geburtswehen der um eine neue Form ringenden Menschheit". Der Held hat einzutreten für eine neue Auffassung und dadurch Unruhe und Bewegung in die Welt zu bringen; dadurch erfüllt er eine weltgeschichtliche Aufgabe und führt eine neue Weltperiode herauf. Das vermag er nur, wenn er im Übermaß der Entfaltung seiner Eigenart, seines Einzelwillens, die notwendigen Schranken menschlichen Handelns zerbricht. Dadurch aber ladet er die tragische Schuld der Maßlosigkeit auf sich und muss untergehen, damit der gestörte Weltlauf wieder ausgeglichen werde. Aber seine Schuld ist notwendig, da sie eingeschlossen ist in der Tatsache und im Wesen der „Individuation"; dies ist die „dramatische Erbsünde". Der tragische Untergang erscheint aber nicht trostlos, sondern erhebend, weil der Held das Fortschreiten der Menschheit damit gefördert hat. Höchste Tragik ist dort, wo er an einer vortrefflichen Aufgabe zugrunde geht.

(An den Tragiker:
„Packe den Menschen, Tragödie, in jeder erhabenen Stunde,
Wo ihn die Erde entlässt, weil er den Sternen verfällt,
Wo das Gesetz, das ihn selbst erhält, nach gewaltigem Kampfe
Endlich dem höheren Weicht, welches die Welten regiert,
Aber ergreife den Punkt, wo beide noch streiten und hadern,
Dass er dem Schmetterling gleicht, wie er der Puppe entschwebt.")
Themen der Tragödie:
Seine Auffassung presst nun Hebbel den Stoffen auf, die er meist unter diesem Gesichtspunkt gewählt hat. Seine Themen sind welthistorische Problemstücke. Sie behandeln ewige Menschheitsfragen, sind grundsätzlicher Art und zeitlos, wodurch er über den Realismus hinausgeführt wird zum Ideendrama: Das Individuum im Kampf zwischen seinem persönlichen Willen und dem allgemeinen Weltwillen; das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft, des Mannes zur Frau; der Mensch zwischen Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit. So schreibt Hebbel nicht die Tragödie eines Einzelmenschen, sondern die der Welt.

Vorbild seiner Dramen waren die Antike, Shakespeare und Kleist.

Starkes psychologisches Interesse:

Stärker als die spitzfindige Theorie bestimmte Hebbel ein starkes Interesse für seelische Prozesse und Verhaltensweisen, vor allem für gesteigerte Seelenzustände und für überraschende seelische Wandlungen. Seine wesentliche Arbeit an einem Stoff galt der Motivierung seiner Gestalten. Sein Stolz war, wenn die Personen „nicht aus einem Prinzip", sondern aus einer Natur heraus handelten. Nicht bloß der Held, auch sein Gegenspieler bekam Recht. (Logische Folge aus der Notwendigkeit des Zusammenstoßes von Einzelwille und Weltwille.) Seine Gestalten sind alle gezeichnet von einem starken eigenmächtigen oder übermächtigen Willen, an dem sie schließlich scheitern.

Urteil der Zeit und der Nachwelt über Hebbel

Hebbel war nicht zeitgemäß, er führte immer einen aufreibenden Kampf mit den Kritikern und dem Tagesjournalismus. Erst das Epos „Mutter und Kind" und das Drama „Die Nibelungen" errangen endgültig den Sieg.
Die philosophische Hegelschule versagte ihm Anerkennung aus ihrem unbewiesenen Prinzip: Mit Goethes Tod habe die deutsche Dichtung ihren Abschluss und ihre Vollendung erreicht. Die Jungdeutschen lehnten Hebbel ab, wie auch er ihre Weltanschauung (Aufklärung) ablehnte. Man bemängelte, dass seine Probleme nicht aus dem Herzen, sondern aus einer Reflexion kommen; dass seine Gestalten ins Ungeheure verzerrt seien und die Folgerichtigkeit seiner Charaktere übersteigert werde, was andere wieder begrüßten.
Der Naturalismus verachtete Hebbels mystisch-realistische Kunst. Der Impressionismus weckte das Verständnis für seine Sprache und für seine mannigfachen Perspektiven.
In neuerer Zeit sieht man Hebbel als den Repräsentanten des 19. Jahrhunderts, der alle weltanschaulichen Strömungen des Jahrhunderts, vom Idealismus bis zum Naturalismus, und alles ihre Formbereiche durchmessen habe und nirgends dauern verwurzelt sei. 

Mangel seiner Dramen:

Ein Mangel seiner Dramen war der mangelnde Zusammenhang und die mangelnde Rücksicht auf die Bühne. Seine Dramen sind nicht mit dem Auge, das heißt nicht von der Bühne aus und für die Bühne geschaffen worden. Sie können nicht geschaut werden, sondern nur gehört. Grund dafür ist eine Vernachlässigung der mimischen Ausdrucksmittel, des Minenspiels und der Gebärden.

 

 

 

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Bildquelle: Carl Rahl: Friedrich Hebbel (1851); gemeinfrei, wikipedia

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