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Hans-Jürgen Malles:
Kennst du Friedrich Hölderlin?

Dieses Buch lädt dich ein, Einblicke in ein facettenreiches und bewegtes Leben voller Höhen und Tiefen zu gewinnen, und lässt dich teilhaben an Hölderlins Begeisterung für die Französische Revolution und die griechische Antike sowie an seiner Liebe zu Susette Gontard.

Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin

Hans-Jürgen Malles

Lauffen, Hölderlins Geburtshaus
Lauffen, Hölderlins Geburtshaus
Geboren wurde Johann Christian Friedrich Hölderlin am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar. Er war zwei, als sein Vater starb, vier, als die Mutter wieder heiratete und dem neuen Mann nach Nürtingen folgte. Der Stiefvater, ein dem Leben zugewandter, dynamischer Mensch, war Hölderlin ein liebevoller zweiter Vater. Allein auch dieser starb jung - kurz vor Hölderlins neuntem Geburtstag.
Erzogen wurden Friedrich, die Schwester Heinrike und der 1776 geborene Halbbruder Karl durch Mutter und Großmutter - ein überaus „modern" anmutendes Schicksal. Zwischen 1784 und 1786 besuchte Hölderlin die niedere Klosterschule in Denkendorf, danach bis 1788 die höhere in Maulbronn. In den beiden ehemaligen Klöstern, die zweieinhalb Jahrhunderte zuvor im Zuge der Reformation säkularisiert worden waren, wurden die Schüler - Alumnen - auf das Studium der Theologie vorbereitet. Offensichtlich ist Hölderlin schon in seiner Zeit als Klosterschüler bemüht gewesen, zwischen dem eigenen Anspruch und den Interessen der Mutter zu vermitteln - jedoch nicht, ohne gelegentlich durchblicken zu lassen, dass es da noch eine andere Seite in seinem Dasein gibt.
Im Oktober 1788 nahm Hölderlin das Studium der Theologie am ehrwürdigen, 1536 gegründeten Tübinger Stift auf. Hölderlins Hochbegabung und sein Fleiß als Klosterschüler zahlten sich aus. Auch seine Kommilitonen waren, aus heutiger Sicht, Hochbegabte: Georg Wilhelm
Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854). Beide wurden als Philosophen zu bahnbrechenden Theoretikern des Deutschen Idealismus. Von Beginn seiner Stiftszeit an war Hölderlin freundschaftlich mit Rudolf Magenau (1767-1846) und Christian Ludwig Neuffer (1769-1839), zwei älteren Studenten, verbunden. Gemeinsam mit ihnen gründete er im März 1790 einen Dichterbund, eine ästhetische Gegenwelt zum tristen Stiftsalltag. Man las Klopstock, Schubart, Goethe und Schiller; man schrieb selbst Gedichte, trug sie einander vor und kritisierte sich gegenseitig. Oft besungen wurde die Freundschaft.
Die Revolution in Frankreich war nicht ohne Einfluss auf die Stiftler geblieben: Man war offen geworden für die Idee der Freiheit.

Aus Nürtingen, wohin er gegen Ende November 1789 zurückreiste, schreibt Hölderlin an den Freund Neuffer über seelische Befindlichkeiten und poetische Produkte, über sein Vorbild, den Juristen und Verleger Gotthold Friedrich Stäudlin (1758-1796), in dessen „Musenalmanach fürs Jahr 1792" Hölderlin erstmals Gedichte veröffentlichen wird, sowie über den Fortgang seiner Bemühungen, das Stift verlassen und Jura studieren zu können.

Friedrich Schiller, dessen Werke schon früh zu Hölderlins Lektüre gehörten, avancierte spätestens zu Beginn der 1790er Jahre zum poetischen Leitstern des jungen Dichters. Hölderlins poetischer Anspruch ist hoch; sein poetischer Flug beschreibt eine exzentrische Bahn.

Ästhetisch und ethisch bedeutsame Begriffe bestimmen Hölderlins poetisches Wirken während der Tübinger Jahre. Sowohl einzeln als auch in ihrer Wechselwirkung klingen sie in den vorstehenden Hymnen an. Nach wie vor steht Hölderlin zu den Idealen, unter denen die Große
Revolution der Franzosen 1789 begann. Aber seine Sympathien reduzieren sich mit der Eskalation des revolutionären Prozesses im Nachbarland. Nachdem Anfang September 1792 mehr als 1100 Gefangene der Pariser Gefängnisse - in der Mehrzahl unpolitische Kriminelle - panikartig, aus Angst vor einer Verschwörung und einem drohenden Angriff der Feinde der Revolution hingerichtet worden waren, beginnt am 22. September das »Jahr I« der Französischen Republik. Ohne bitteren Beigeschmack ist dies jedoch nicht für den Republikaner Hölderlin. Wie die meisten deutschen Zeitgenossen lehnt auch Hölderlin die Hinrichtung des französischen Königs ab. Sein Unmut über den revolutionären Terror richtet sich gegen Marat, den radikalen Jakobiner, den Publizisten und Delegierten des Nationalkonvents.

Im Frühherbst 1793 trennen sich die Wege Hölderlins und Hegels, der das Konsistorialexamen bestanden hat. Sie verabschieden sich mit der Losung »Reich Gottes«, einer Chiffre für die Absage an alle politischen Verhältnisse, in denen die Menschen dazu verurteilt sind, ihre Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod zu richten. Hölderlin beendet sein Studium am
6. Dezember und macht sich von Nürtingen aus auf den Weg in das bei Meiningen gelegene Waltershausen.

Hölderlins erste Anstellung als Hauslehrer bei der Familie von Kalb ist eigentlich nicht unangenehm. Vier Stunden täglich - zwei am Vor-, zwei am Nachmittag - unterrichtet er den neunjährigen Fritz von Kalb. Genügend Zeit zum Schreiben bleibt also, und er kann einen beträchtlichen Teil seiner Zeit verwenden, um sich seinem Hyperion zu widmen, dem Roman-Projekt, das ihn seit 1792 umtreibt. Ein nicht erhaltener Text aus der Tübinger Zeit wird umgearbeitet und es entsteht das Fragment von Hyperion, das Ende 1794 in Schillers »Neuer Thalia« erscheinen wird. Mehr noch: Im Oktober desselben Jahres kann er das Manuskript des späteren ersten Bandes des Romans so gut wie zum Abschluss bringen. Als Erzieher bleibt es ihm jedoch versagt, den eigenen hohen, auf Kant und Rousseau beruhenden Prinzipien zu genügen.

Hölderlins Anspruch als Pädagoge kollidiert heftig mit seinem Willen, sich zum Künstler zu bilden, als Dichter Anerkennung zu finden. Ein intellektuelles Dilemma dies. Eine schon länger geplante Reise soll das spannungsvolle Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler entkrampfen helfen. Doch viel wichtiger ist die Reise für Hölderlin in gänzlich anderer Hinsicht: Sie wird ihn in die Nähe der »Großen«, in die Nähe Schillers und Goethes führen. Anfang November 1794 brechen Hölderlin und Fritz von Kalb auf. Über Meiningen, Schmalkalden, Gotha, Erfurt und Weimar reisen sie in die thüringische Universitätsstadt Jena.

Susette Gontard
Susette Gontard
Die Hofmeisterstelle in Frankfurt ist Hölderlin von Johann Gottfried Ebel (1764-1830) vermittelt worden. Die Hofmeisterstelle in der Familie des Bankiers Jakob Gontard ist mit 400 Gulden im Jahr nicht nur gut dotiert. Alles gestaltet sich hoffnungsvoller als in Waltershausen: Henry Gontard, sein Schüler, den er nur an den Vormittagen zu unterrichten hat, ist ihm zugetan; Hölderlin kann sich hier gewiss sein, zumindest in pädagogischer Hinsicht nicht noch einmal zu scheitern. Und da ist auch Susette, die Bankiersgattin: intelligent, schön und begehrenswert. Die vierfache Mutter ist Mittelpunkt der Frankfurter Großbürgerwelt und - Hölderlin wesensverwandt. Beide verlieben sich ineinander. In dieser Frau begegnet Hölderlin die Dichtung selbst. Ihre Gegenwart beflügelt ihn nicht nur, seinen Hyperion zum Abschluss zu bringen: Sie wird - und bleibt - für ihn der Inbegriff eines unbeschwerten Dichter-Daseins, jener Existenz, von der Dichter träumen, die sie anstreben, weil sie Dichter wohl erst zu Dichtern macht. Susette ist die letzte - und entscheidende - Liebe seines Lebens. Sie lässt Hölderlin den Ursprung seines Dichtens neu, weil: anschauend, begreifen. Susette nimmt Anteil am Schicksal Hölderlins, ist Zeugin seines Ringens um Anerkennung durch die Großen seiner Zeit.

In Frankfurt bereitet Hölderlin den ersten Band seines Briefromans Hyperion oder der Eremit in Griechenland zum Druck vor; noch vor der Trennung von den Gontards schließt er das Manuskript des zweiten Bandes ab. Der erste Band erscheint im Frühjahr 1797 bei Cotta,
der zweite liegt im Herbst 1799 vor. Ein Exemplar - versehen mit der Widmung: Wem sonst als Dir - übergibt Hölderlin Susette Gontard.

Im Januar 1802 tritt Hölderlin eine Hauslehrerstelle in Bordeaux an, aber schon Mitte Mai wird er wieder aufbrechen und nach Deutschland zurückkehren. Für Hölderlin beginnt in Deutschland eine wirklich unruhevolle Zeit. Susette Gontard ist im Juni 1802 gestorben. Der Dichter ist allein. Wohl ahnt er - und wie Recht sollte er behalten - , dass er den besten Teil seines Lebens hinter sich gelassen hat.

Als Hölderlin das Gedicht Hälfte des Lebens schrieb, war er 33 Jahre alt; 36 Jahre zählte er, als er 1806 - geistig verwirrt - in die Klinik Dr. Autenrieths eingeliefert wurde; im Alter von 73 Jahren sollte er sterben. Nachdem er im Sommer 1807 das Turmzimmer im Hause des Schreinermeisters Zimmer bezogen hatte, dichtete er zwar noch; seine Texte blieben jedoch einem einfachen, an seine große Dichtung kaum mehr erinnernden Sprachgestus verhaftet. - Hölderlins Schicksal vollendete sich am 7. Juni 1843, 11 Uhr nachts.

 

 

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Text aus: Hans-Jürgen Malles "Kennst du Friedrich Hölderlin?", erschienen 2012 im Bertuch Verlag

Vorschaubild: Franz Karl Hiemer "Friedrich Hölderlin", 1792. gemeinfrei, wikipedia

Bild 1: Helmut Schmolz, Christhard Schrenk, Hubert Weckbach: Städte im Unterland - Malerische Ansichten aus dem 19. Jahrhundert, Jahrbuch Verlag Weinsberg 1989, Bild 76. Zeichner unbekannt, Bleistiftzeichnung, um 184; gemeinfrei, wikipedia

Bild 2: Die Büste von Landolin Ohnmacht 1795: Susette Gontard. gemeinfrei, wikipedia

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