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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Maria Gräfin von Linden-Aspermont

Maria Gräfin von Linden-Aspermont

Herbert Kihm

Die 1. Frau in Deutschland, die den Titel Scientiae Naturalis Doctor erhielt

Maria Gräfin von Linden-Aspermont (* 18. Juli 1869 in Schloss Burgberg, Kreis Heidenheim, Regierungsbezirk Stuttgart; † 25. August 1936 in Schaan, Liechtenstein) erhielt 1910 als erste Frau an der Universität Bonn den Titel „Professor“.

Gräfin von Linden erhielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Unterricht beim Dorfschullehrer, seit dem achten zusätzlich Religionsunterricht beim Pfarrer. 1883 trat sie in das Victoria-Pensionat in Karlsruhe ein.

Maria von Linden mit Kollegen vor dem alten zoologischen Institut der Universität Tübingen
Maria von Linden mit Kollegen vor dem alten zoologischen Institut der Universität Tübingen

In ihren „Erinnerungen“ (Gabriele Junginger: Maria Gräfin von Linden. Erinnerungen der ersten Tübinger Studentin. Attempto-Verlag, Tübingen 1991) schreibt sie: „Außer Heimat und außer meinen Eltern gab es nun noch ein Drittes, die Arbeit um Wissen zu erwerben, vielleicht um Wissen zu schaffen, und dieses Drittes war so mächtig, so unwiderstehlich, dass ich ihm alles andere zu opfern bereit war. (....) Unsere pekuniäre Lage war auch nicht derart, dass ich, ohne meine Selbständigkeit zu verlieren, ein Drohnenleben führen konnte, ich wollte weder heiraten noch von meinen Verwandten abhängig sein, auch diesem zu entrinnen, half nur die Arbeit. Es traf sich also, dass meine Neigung mich in dieselbe Bahn lenkte wie die verstandesmäße Überlegung.“

Im Juni/Juli 1891 legte sie am Stuttgarter Realgymnasium als 1. Württembergerin die Reifeprüfung ab. Zuvor waren bereits mehrere wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht worden.1882 konnte sie als 1. Frau ein Studium an der Universität Tübingen aufnehmen, was nur möglich war durch ihre vielfältigen Beziehungen und von dem König von Württemberg persönlich genehmigt worden war. Allerdings war sie nie voll immatrikuliert, sondern erhielt lediglich die Erlaubnis, als Gasthörerin Veranstaltungen zu besuchen, und im Falle des Erfolges die Aussicht, promoviert zu werden.

Maria Gräfin von Linden hatte sich von Kind an einer eindeutigen Geschlechtersdisposition und dem damit verbundene Rollenverständnis entzogen, so dass sie sich an der von Männern dominierten Universität leichter einfinden konnte. Der russische Emigrant Wladimir Lindenberg, der sie in den 20.Jahren kennenlernte, schrieb später liebevoll über sie, dass ihm kaum eine Frau begegnet war: „… die nicht Frau und nicht Mann, sondern einfach Mensch war“ (Wladimir Bobik, Bobi in der Fremde, Ein junger Russe in der Emigration, 2.Aufl., München/Basel 1976).

Maria von Linden mit Kollegen bei einem zoologischen Kolloqium 1897
Maria von Linden mit Kollegen bei einem zoologischen Kolloqium 1897

An der Tübinger Universität erhielt sie auch 1895 als erste Frau in Deutschland den Titel Scientiae Naturalis Doctor. Als Hauptfach hatte sie Zoologie, als Nebenfächer Physik und Botanik gewählt.

Allerdings machte man ihr das nicht leicht, wie der Tübinger Privatdozent Dr. Alfons Renz anmerkt: „... Denn leider wurde sie von ihrem Doktorvater Theodor Eimer auf einen recht dürren Ast gesetzt, nämlich, um dessen These der Orthogenie zu bestätigen. Dazu analysierte sie in ihrer Dissertation die Zeichnungen und Muster von Gehäuseschnecken („Die Entwicklung der Skulptur und der Zeichnung bei den Gehäuseschnecken des Meeres“, Tübinger Zoologische Arbeiten, Bd. II, 1895-1898, Leipzig Verlag Wilhelm Engelmann, 1898, S. 1 - 58, 2 Tafeln).

Auch bei ihrer Habilitation über die Gewichtszunahme bei Schmetterlingspuppen war der Ansatz wenig zielführend (Zunahme durch 'Assimilation').Erst mit dem Wechsel nach Bonn und ihren parasitologischen Forschungen hatte sie ein ergiebigeres Forschungsthema gefunden, das auch nachhaltig Bestand hatte: Das parasitologische Labor am Universitätsklinikum in Bonn gibt es noch heute.“

1899 nahm sie eine Stelle am Hygiene-Institut der Universität Bonn an. Dort suchte sie vor allem nach Möglichkeiten der Tuberkulose-Bekämpfung. Sie entdeckte die antiseptische Wirkung von Kupfer, welche dann von der Firma Paul Hartmann in Heidenheim zur Herstellung und erfolgreichen Vermarktung von sterilem Verband- und Nahtmaterial genutzt wurde. Erfunden wurde die hydrophilisierte Verbandswatte (1874) vom Tübinger Klinikumsdirektor Victor von Bruns (Brunssche Verbandswatte).

Am 30. November 1902 (Matrikel-Nr. 3156) wurde sie zum Mitglied der Leopoldina gewählt. 1908 wurde sie als „Abteilungsvorsteher“ mit der Neueinrichtung des Parasitologischen Instituts an der Universität Bonn betraut. Am gleichen Tag, dem 29. Mai, wurde ihr von dem preußischen Minister die Habilitation verweigert, und er sprach Frauen allgemein das Recht ab, sich zu habilitieren. Da ihr die „Venia legendi“ verwehrt worden war, musste sie sich in ihrer Lehrtätigkeit mit der Abhaltung von Demonstrationen und Übungen begnügen. Am 30.April 1910 wurde Maria Gräfin von Linden vom Kultusminister „in Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen das Prädikat ,Professor‘ beigelegt“. Die Venia legendi war mit dieser Titularprofessur allerdings nicht verbunden.

1933 wurde sie fünfundsechzigjährig in den Ruhestand versetzt.

Die Gräfin war eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, den sie nach den Aufzeichnungen Wladimir Lindenbergs schon 1923 als große Gefahr erkannte. Sie unterstützte die Familie des jüdischen Physikers Heinrich Hertz, in deren Haus sie in Bonn 34 Jahre lang gelebt hatte. 1935 bemühte sie sich um eine Emigrationsmöglichkeit für sie. Linden selbst emigrierte nach Lichtenstein, wo sie sich weiterhin wissenschaftlich betätigte, insbesondere im Bereich der Krebsforschung.

Am 26. August 1936 erlag Maria Gräfin von Linden einer Lungenentzündung.

Ehrungen:
Im Jahre 1999 wurde in Calw-Stammheim der Ableger des Hermann-Hesse-Gymnasiums nach ihr benannt, das jetzige Maria von Linden-Gymnasium. 2006 wurde an der Universität Bonn ein neues Frauenförderprogramm entwickelt und trägt seitdem ihren Namen. 2017 wurde der Jahrgang des Studiengangs Humanmedizin ab Wintersemester 2017/2018 an der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn nach ihr benannt. Der Verband Baden-Württembergischer Wissenschaftlerinnen vergibt einen nach ihr benannten Preis.


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Mein herzlicher Dank gilt Frau Dr. Sabine Kracht (Rottenburg a.N.) für die Anregung zu diesem Artikel und die Herstellung des Kontaktes zu Herrn PD Dr. Alfons Renz (Eberhard- Karls-Universität Tübingen, Institut. für Evolution, Abt. Vergleichende Zoologie, AG Parasitologie). Diesem bin ich für die freundliche Nutzung seines Redemanuskriptes über Gräfin von Linden, die Bereitstellung der Photographien aus dem Archiv des Zoologischen Instituts und seine freundlichen Korrekturhinweise zu besonderem Dank verpflichtet.

Bildquellen:
Bilder aus dem Photoalbum des Zoologischen Instituts der Universität Tübingen, mit freundlicher Genehmigung durch PD Dr. Alfons Renz (Vorschaubild: Fotoausschnitt, bearb.)