Deutschland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.deutschland-lese.de
Unser Leseangebot

Wir machen Theater

kurze Theaterstücke für integrative Kindergruppen

Christina Lange und Florian Russi

Die in diesem Band vorgelegten fünf Theaterstücke wurden für integrative Theatergruppen geschrieben und ausgesucht. Die beiden Autoren Christina Lange und Florian Russi haben ihre Stücke für eine Aufführung mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen eigens konzipiert.

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler

Ulrike Unger

Stimme des literarischen Expressionismus

 

„Der Mensch, das sonderbare Wesen: mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen."

Sie war die leidenschaftliche, unkonventionelle Künstlernatur in exotischer Gewandung, die die Blicke der gesitteten Berliner Bürger um 1900 auf sich zog. In ihr pochte diese „Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen." Else Lasker-Schüler, die schillernde Orientale, konnte sich der Realität entziehen, wann immer ihr der Sinn danach stand. Ihre verlangenden, zarten, farbigen Gedichte zeichnen sie als eine der sprachmächtigsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts aus.

Sie brauchte eine Weltflucht, um sich der Sphäre der Poesie zuwenden zu können. Nicht nur ihre Gedichte, auch die emphatischen, von glühender Kreativität übersprudelnden Briefe an ihre Freunde und Geliebten sind aussagekräftige Dokumente ihrer Phantasie und Begeisterung für die Sprache als Ausdruck ihrer Seele. Märchenhafte Zeilen wechselte sie mit dem Maler Franz Marc, den sie ihren „blauen Reiter" taufte. Sie selber schlüpfte in die Rolle des Prinzen „Yussuf von Theben". Mit Paul Klee war sie befreundet, dem österreichischen Schriftsteller Karl Kraus. Und mit Gottfried Benn verband sie eine heftige, aber kurze Leidenschaft für einander. Nach ihrem Tod sollte er, der selten Lob öffentlich verteilte, Else Lasker-Schüler als größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte, einstufen. Das andere Bild der Else Lasker-Schüler war das eines verletzten Vogels.

Else Lasker-Schüler
Else Lasker-Schüler

Ihr Auftreten, ihre Persönlichkeit polarisierte. Sie konnte so euphorisch, aufrichtig und kompromisslos sein, wie sie verzweifelt, argwöhnisch und traurig sein konnte. Bei Else Lasker-Schüler kommt man an einer Selbstinszenierung nicht vorbei. Ihre Andersartigkeit, die Reibepunkte ihres Ichs mit der Gesellschaft, ihren engsten Freunden gehörten zur Bühne ihres dichterischen Schaffens. An ihnen erprobte sie ihre poetische Sprache. Innig und verträumt waren ihre Exkurse ins Kindlich-Verspielte. Der Rückzug ihrer Gedanken aus einer harschen und komplizierten Wirklichkeit, in die sie nicht fähig war, sich einzufügen, war ihr eine Notwendigkeit. Die Verwandlung gab ihr Flügel, im Kleid des Prinzen von Theben war sie frei.

1869 kam Else Lasker-Schüler in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört, zur Welt. Mit fünf Geschwistern verbrachte sie eine unbeschwerte Kindheit. Früh eignete sie sich das Lesen und Schreiben an, die Mutter verführte sie zum Dichten. Sie zeichnete auch. Zweimal verheiratete sie sich. In Berlin hatte sie nach ihrer ersten Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker eine zeichnerische Ausbildung begonnen. Aus dieser Vernunftehe floh sie später mit einem unehelichen Sohn in die unbehauste Freiheit und lebte fortan bei Freunden, in Pensionen und Hotelzimmern. Ihr zweiter Mann, der Verleger, Komponist und Schriftsteller Georg Lewin, dem sie den Namen Herwarth Walden gab, veröffentlichte ihre ersten Gedichte in seiner Zeitschrift „Der Sturm", dem wichtigsten Publikationsorgan des literarischen Expressionismus.

Der Ölberg in Israel
Der Ölberg in Israel

Obwohl sie ursprünglich aus einer wohlhabenden Familie stammte (ihr Vater war Privatbankier), hat sie kaum je mehr Vermögen besessen als das bisschen, das sie bei sich trug, um nicht zu verhungern. Wenn sie doch einmal durch Sammelaktionen und Unterstützung des Freundeskreises zu Geld gekommen war, gab sie es sofort an arme Künstler weiter. Mit Finanzen konnte sie nicht haushalten, vielleicht wollte sie es aber auch gar nicht. Tiefe Einschnitte, nicht nur materieller Art, hatte sie in ihrem Leben viele zu verarbeiten: den Tod der Mutter, die sie verehrt hatte, des Lieblingsbruders und des einzigen Sohnes, für den sie sich aufopferte. Der Freund Franz Marc starb im Ersten Weltkrieg vor Verdun. Einen anderen Freund, den Anarchisten Johannes Holzmann, versuchte sie vergeblich aus einem russischen Gefängnis zu befreien.

1933 wurde sie „Die Verscheuchte", die nach tätlichen Attacken auf offener Straße durch SA-Mitglieder vor den menschenfeindlichen Entwicklungen ihrer Heimat flüchtete. Sie kam zuerst in der Schweiz unter, zweimal reiste sie nach Palästina. Israel war für Else Lasker-Schüler der verheißungsvolle Flecken Erde, der mit einer sehnsuchtsvollen Aura idealtypischer Vorstellungen umgeben war. Während ihrer dritten Palästina-Reise brach der Zweite Weltkrieg aus, man verwehrte ihr die erneute Rückkehr in die Schweiz. Fern von ihren alten Freunden, in einem entzauberten Land, führte sie ein äußerst bescheidenes Dasein. 1943 erschien ihr letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier", der von Exilerfahrungen, Kindheitserinnerungen und von der individuellen Auseinandersetzung mit dem gelobten Land durchdrungen ist. Zu Beginn des Jahres 1945 starb Else Lasker-Schüler 75-jährig und herzkrank in Israel. Sie wurde auf dem Ölberg begraben.

Eine Doppelbegabung war sie - Zeichnerin und Schriftstellerin. Obwohl sie auch Theaterstücke und Prosa schrieb, ist sie heute vor allem als großartige expressionistische Lyrikerin bekannt. Ihre Bilder tragen ebenfalls eine expressionistische Handschrift. Else Lasker-Schülers Stand unter den Künstlern ihrer Zeit wird anhand der von Kurt Pinthus 1919 herausgegebenen bedeutenden Lyrik-Anthologie „Menschheitsdämmerung" deutlich: Als einzige Dichterin ist sie hier mit Werkbeiträgen unter männlichen Kollegen vertreten.

 


Quellen:
• Verena Auffermann/ Gunhild Kübler/ Ursula März/ Elke Schmitter: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. 1. Auflage. München: btb Verlag 2013.
• Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus. Neu herausgegeben von Kurt Pinthus. 34. Auflage. Berlin u.a.: Rowohlt 2006.


Fotos: gemeinfrei 

Der Ölberg in Israel, Godot13, Wikipedia, (CC BY-SA 3.0)