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Die Bunte-Kinder

Johannes E. R. Berthold

Lustige und ernste Geschichten über eine wundervolle Kindheit

Nelly Sachs

Nelly Sachs

Ulrike Unger

Die „Dichterin jüdischen Schicksals“

 
„Ich aber will, daß man mich gänzlich ausschaltet - nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen."

(aus einem Brief an Walter A. Berendsohn vom 25. Juni 1959)
 
Zwölf Jahre ist sie eine Staatenlose im schwedischen Exil. Dort findet sie im Angesicht des Völkermordes an den europäischen Juden zu einem lyrischen Ton des Schmerzes, der sie zu einer zentralen Dichterin deutscher Nachkriegsliteratur macht.
 
Schmerz ist das Leitmotiv des Lebens dieser zierlichen Frau mit den großen runden Augen. Liebeselend, unmittelbare Bedrohung durch die Nationalsozialisten, Flucht, psychotische Verfolgung selbst noch im Schutzraum des Auslandes. Das Schreiben entwickelt sich für Nelly Sachs zum Fixpunkt ihrer eigenen Existenz, vom Schmerz ausgelöst und Ausweg aus diesem.
 
Die Autorin wird als einzige Tochter des Gummifabrikanten William Sachs und seiner Frau Margarete am 10. Dezember 1891 in Berlin geboren. Wohl behütet ist diese Kindheit in dem Haus mit Garten und Springbrunnen im Stadtteil Tiergarten, aber auch arm an sozialen Kontakten und kultureller Abwechslung. Vom vielgestaltigen gesellschaftlichen Leben der 20er Jahre bleibt sie nahezu isoliert. Die Eltern haben den Status angesehener assimilierter Juden des Großbürgertums, denen ihre religiöse Zugehörigkeit kaum etwas bedeutet. Nelly, die eigentlich Leonie heißt, wird aufgrund ihres kränklichen Zustandes eine Zeit lang privat unterrichtet. Unter dem Eindruck von Selma Lagerlöfs Roman „Gösta Berling", den sie als 15-Jährige zum Geburtstag geschenkt bekommt, beginnt sie einen Briefaustausch mit der schwedischen Schriftstellerin. Bald schreibt sie erste eigene Gedichte, die noch eine weltferne und romantisch-verklärende Note tragen. Als Nelly Sachs ihr erstes Buch mit Märchen und Legenden veröffentlicht, sendet sie Lagerlöf ein Exemplar davon, für das diese sich mit einer Postkarte bedankt, die Sachs bis zu ihrem Tod aufbewahrt. 
Nelly Sachs mit 19 Jahren
Nelly Sachs mit 19 Jahren
Das Mysterium um den „toten Bräutigam", der später in ihrem Werk immer wieder auftaucht, lüftet sie nie. Bekannt ist nur, dass sich Nelly Sachs siebzehnjährig unglücklich in einen Mann verliebt. Auf den Verlust dieser Beziehung reagiert sie mit einem seelischen Kollaps. Sie bekommt Depressionen, verweigert Nahrung. Die Identität ihres Geliebten bleibt jedoch geheim, auch die Umstände seines Lebens und Sterbens sind bis heute spekulativ. 
 
Im Mai 1940, als der Befehl zum Abtransport ins Arbeitslager bereits vorliegt, gelingt Nelly Sachs und ihrer Mutter (der Vater war schon 1930 verstorben) nur knapp die Ausreise nach Stockholm. Sie steigen in eines der letzten zivilen Flugzeuge, die Tempelhof verlassen.
 
Im fremden Schweden kommen Mutter und Tochter, die eine ungewöhnlich enge Bindung zu einander haben, in einer winzigen Wohnung unter. Sachs´ Universum wird diese Einzimmerwohnung samt Schreibmaschine. Von Zeit zu Zeit arbeitet sie als Wäscherin, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie beginnt Schwedisch zu lernen und bekannte Autoren des Landes ins Deutsche zu übersetzen. Nebenher pflegt sie die alte Mutter. Nachts schreibt sie ihre Gedichte. Im Winter 1943/44 entsteht der erste große Gedichtband, der auch ihr berühmtester werden wird: „In den Wohnungen des Todes". Bald darauf „Sternverdunkelung." Durch die Erschütterung über die Schoah begibt sie sich auf die Spuren ihrer jüdischen Wurzeln. Unter anderem liest sie Martin Bubers „Schriften über den Chassidismus", die wesentliche Aspekte ihrer eigenen religiösen Weltsicht beinhalten. 
 
Die finanzielle Notlage zwingt sie die Publikation ihrer Gedichte voranzutreiben. Einer ihrer ersten freundschaftlichen Kontakte ist der schwedische Lyriker Johannes Edfelt, der mehrere ihrer Texte rezensiert. Nur langsam beginnt sie in der Öffentlichkeit bekannt zu werden. Ende der fünfziger Jahre stellt sich der Erfolg ihrer Werke in der Bundesrepublik ein. Das verdankt Sachs vor allem den als Freund gewonnenen Hans Magnus Enzensberger, der als Lektor beim Suhrkamp Verlag eine Zusammenstellung ihrer Gedichte vornimmt. 1961 erscheint „Fahrt ins Staublose". Sie unterhält beständig Kontakte zu Schriftstellern, Literaturkritikern, Übersetzern, die ihr bei ihrer Arbeit helfen. Mit dem Erfolg wächst auch die Angst in ihr. Krankheitsschübe, die auf Verfolgungswahn hindeuten, machen ihr zu schaffen. Sie glaubt sich heimgesucht von einer Naziliga, die sie ausspioniert. Nachdem sie 1960 zur Verleihung des Meersburger Droste-Preises erstmals wieder Deutschland betritt, erleidet sie einen Zusammenbruch. Drei Jahre verbringt sie in Nervenheilanstalten, traktiert mit Elektroschocks, die das Trauma bekämpfen sollen. 
Unterschrift Nelly Sachs
Unterschrift Nelly Sachs
1966 erhält Nelly Sachs als erste deutsche Dichterin gemeinsam mit dem Hebräer Samuel Joseph Agnon den Nobelpreis für Literatur. Nach Ehrungen und Preisen lebt sie die letzten Jahre zurückgezogen.
 
Ihre Lyrik ist herb und brüchig und doch voller poetischer Sensibilität. Eindringlich verbildlicht sie die Wunden ihres Volkes. Es ist Nelly Sachs´ hermetische Sprache, mit der sie in die Nähe von Paul Celan gerückt werden kann. Gemeinsam bauen sie eine tiefe Freundschaft und einen intensiven Briefwechsel auf. Als seelenverwandt erkennt sie ihn, nennt ihn ihren „Bruder". Er wird am selben Tag in Paris zu Grabe getragen, als sie in Stockholm 1970 verstirbt.

 

Quelle:

• Verena Auffermann/ Gunhild Kübler/ Ursula März/ Elke Schmitter: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. 1. Auflage. München: btb Verlag 2013.

Bilder: gemeinfrei