Deutschland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.deutschland-lese.de

Weiterempfehlen

Alids Traum

Alids Traum. Zwölf Einhorn-Geschichten mit Illustrationen von Jonathan Schwarz.

 

Zwölf fantasievolle und einfallsreiche Einhornmärchen erzählen von der Schwierigkeit des Miteinanders auf Erden seit Anbeginn der Zeiten bis heute.

Die Einhornfrage

Jahrhundertelang stritten sich Wissenschaftler und Theologen über die Existenz des Einhorns. Zahlreiche Quellen aus Antike und Mittelalter beschreiben das Fabeltier in unterschiedlicher Erscheinung und mit unterschiedlichen Eigenschaften. In asiatischen Quellen, auf die sich die antiken Autoren beziehen, in Islam und der arabischen Heilkunst war man davon überzeugt, dass das Horn des Tieres wunderbare Heilkräfte besitzt. Dieser Glaube wurde vor allem im Mittelalter in Europa verbreitet. Bis ins 20. Jahrhundert hinein fanden Afrika-Expeditionen statt, um dem Einhorn auf die Spur zu kommen. Auch bei Florian Russi streiten sich in der Geschichte „Die Einhornfrage" Experten und Wissenschaftler über die Existenz oder Nichtexistenz des Tieres.

Anna Hein

 

Die Einhornfrage

 

In aller Welt stellt man die Frage: „Gibt es Einhörner?" Die sechs international führenden Experten veranstalten dazu jährlich den Weltkongress der Einhornforscher. Drei von ihnen halten die Existenz von Einhörnern für bewiesen. Die drei anderen bestreiten dies voller Ingrimm. Um ihren jeweiligen Standpunkt zu untermauern, veröffentlichen sie jedes Jahr Bücher und Aufsätze, die vor allem von ihnen selbst gelesen werden. Hat jemand neue Ge-danken ins Feld geführt, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten.
Diesmal hatten die sechs New York als Tagungsort für ihren Weltkongress ausgewählt. Die Leitung lag in den Händen von Professor Bernhard W. Springman (USA), einem ausgewiese-nen Einhorngegner. Er wurde unterstützt von Professor Mandi aus Indien und Professor Gressbach aus Deutschland. Letzterer hatte in seinem viel beachteten Hauptwerk, das den Titel „Das Neinhorn" trägt, die Diskussion, die um die Jahrtausendwende ins Stocken geraten war, aufs Neue belebt.
Die Gegenposition wurde von den Gelehrten Eté (Frankreich), Ludevici (Italien) und Pello (Argentinien) vertreten.
Die sechs Wissenschaftler hatten sich in unterschiedlichen Hotels einquartiert. Auch die, welche denselben Standpunk teilten, waren sich untereinander nicht grün. Jeder wollte der führende Einhornexperte sein. Viele Jahre hatte Professor Eté darum kämpfen müssen, bis endlich an der Universität von Paris ein Lehrstuhl für ihn errichtet wurde. Juristen, Mathe-matiker, Theologen und Seismologen hatten sich schon mit dem Thema befasst. Es gab jedoch viele, welche die Frage nicht für wichtig hielten.
Professor Springman eröffnete den Kongress mit einer Brandrede. „In seinem verdienstvollen Werk ,Das Neinhorn‘ hat Kollege Gressbach nochmals alle auf meinen langjährigen Forschungen fußenden Argumente zusammengetragen. Inzwischen habe ich neuere Erkenntnisse hinzufügen können und Kollege Mandi hat diese in Teilbereichen ergänzt. Mit dem heutigen Tag können wir feststellen, dass die Einhornfrage ein für allemal gelöst ist. Es gibt sie nicht, die geliebten Tierchen. Die Wissenschaft muss sich nun der Frage zuwenden: Warum überhaupt kamen Menschen auf die Idee, solche Wesen zu erfinden? - Die Ausführungen des Kollegen Pello, die wir jüngst in der Zeitschrift ,Globale Einhorn-Studien‘ lesen konnten, waren ein letzter, aber vergeblicher Versuch, sich der Wahrheit entgegenzustellen. Wenn er behauptet, drei seiner Studentinnen hätten unabhängig voneinander Begegnungen mit Einhörnern gehabt, so gehört dies in den Fachbereich der Psychoanalyse.
Wenn Ludevici darlegt, es würden Jahr für Jahr neue, unbekannte Lebewesen entdeckt, so betrifft das nicht Kategorien in der Größe von Einhörnern, die nach des Kollegen eigenen Berechnungen in ausgewachsenem Zustand mindestens einhundert Kilogramm wiegen müssten.
Auch Etés nachhaltige Veröffentlichung ,Vier Beine, ein Horn‘, kann nicht überzeugen. Mit seiner Feststellung, dass auch Nashörner Einhörner seien, gedenkt er meine Thesen zu wi-derlegen. Völlig abwegig, sage ich dazu nur. Abgesehen von Anomalien, das heißt krank-heitsbedingten Fehlentwicklungen, kennt die Tierwelt nur die paarweise Hornbildung. Was aber das Nashorn anbelangt, so handelt es sich bei seinem guten Stück um eine extrem aus-geformte Nase, so wie man das gelegentlich auch von Kollegen her kennt ..."
Die Fraktion der Einhorngegner bekundete verhaltene, aber unmissverständliche Zustimmung.
Unterdessen wurde die Tür zum Versammlungssaal geöffnet. Isa, Dago und Nemoth betraten den Saal. Sie hatten zufällig von dem Kongress gehört und waren eigens aus Kanada angereist. Die sechs Gelehrten schauten sich betreten an. Keiner von ihnen sagte etwas, abgesehen davon, dass sie fortfuhren, ihre Theorien zu begründen oder zu entkräften.
Nach einiger Zeit rief Isa laut in die Runde: „Seht uns doch an! Wir sind leibhaftig und unsere Hörner sind einzig."
Professor Springman schaute über seinen Brillenrand. „Wer auch immer Sie sein mögen, Leiter der Versammlung bin ich. Sie haben das Wort erst zu ergreifen, wenn ich es Ihnen erteilt habe."
Professor Ludevici trat ans Rednerpult. „Vor zwölf Jahren stieß der Anthropologe Neithard im äquatorialafrikanischen Urwald auf das bisher unbekannte Volk der Kamäen. Dort bekam er einen Braten vorgesetzt, wie er zuvor keinen gegessen hatte. Als er fragte, woher das Fleisch stamme, zeichnete man ihm deutlich erkennbar ein Einhorn in die Erde. Leider musste Neithard seine Reise abrupt beenden, weil ihn die Nachricht vom Tod seiner Frau erreichte. So blieb ihm nicht die Zeit, weiter nach dem Tier zu fahnden. Bevor er sie verließ, wollte er von den Kamäen wissen, ob sie ihm ein Horn zeigen könnten. Da kicherten sie vielsagend. Ihm war aufgefallen, dass sie, wenn sie nicht gerade auf der Jagd waren, sich unentwegt miteinander paarten. Bis zu vierzehn Kopulationen am Tag konnte er bei einzelnen beobachten. Entsprechend hoch war die Zahl der Geburten. Die war auch erforderlich, da die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kamäen nur zwölf Jahre beträgt."
„Sehen wir einmal ab von den dokumentierten Begegnungen zwischen Menschen und Ein-hörnern", ergänzte Professor Eté. „Auch die Logik zwingt uns dazu, von der Existenz der Tiere auszugehen. Jedem Begriff liegt ein Inhalt zu Grunde. Also gibt es auch Einhörner. Nur weil Springman persönlich noch keines gesehen hat, darf er sich nicht dazu versteigen, ihr Vorhandensein insgesamt zu leugnen. Auch Elfen, Engel und Teufel sind unsichtbar. Doch spricht alles für deren Dasein. - ,Haben Sie schon meinen Arsch gesehen?‘, rief der unvergessene Abbé Kir, dem wir den ,Kir Royal‘ verdanken, in der französischen Nationalversammlung. Er war ehemals Bürgermeister von Dijon und stritt im Parlament mit Abgeordneten, welche die Existenz Gottes leugneten. Dann drehte er den Kollegen seine Kehrseite zu, klopfte auf sein Hinterteil und versicherte: ,Und dennoch gibt es ihn ...‘"
Alle Professoren lachten, doch änderte das nichts an ihren widerstreitenden Standpunkten.
Nun meldete sich Nemoth zu Wort: „Ihr seht doch, dass wir Einhörner sind ..."
Unbeirrt erwiderte Professor Springman: „Mir ist nicht bekannt, dass Sie eine Einladung zu unserer wissenschaftlichen Tagung bekommen hätten. Wie immer werden wir am Schluss der Versammlung abstimmen. Ihre Meinung, mag sie Ihnen persönlich noch so wichtig sein, ist dabei nicht gefragt."
An seine Kollegen gewandt fuhr er dann fort. „Ich habe mir erlaubt, ein Bulletin vorzubereiten: ,Die diesjährige Einhornforschertagung, die unter der Leitung von Professor Springman stand, kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Existenz von Einhörnern nicht nachgewiesen werden kann. Wie Springman zusammenfassend feststellte, muss sich die Einhornforschung nun dringend um die Aufklärung der Frage bemühen, weshalb es immer noch Menschen gibt, die an Einhörner glauben.‘"
Die Abstimmung erfolgte geheim. Vier Teilnehmer stimmten der Erklärung zu, einer enthielt sich, eine Stimme war ungültig.

 

---

Text- und Bildquelle: Florian Russi: Alids Traum. Zwölf Einhorn-Geschichten mit Illustrationen von Jonathan Schwarz. Bertuch Verlag 2011, 2. Auflage. © Bertuch Verlag