Deutschland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.deutschland-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Frank Meyer

Raum 101
Erzählungen über Männer

Von dem Konflikt mit dem Vater beim Froschschenkeljagen, den abenteuerlichen Gefühlen einer Kinderliebe, den bleibenden Momenten mit dem besten Freund, die erschütternden Erlebnisse beim Bund...teils einfühlsam, teils derb erzählen die Geschichten dieser Sammlung, wie Jungen und Männer sich in verschiedenen Lebensabschnitten bewähren... oder wie sie versagen. 

Campus Galli

Bauen wie im Mittelalter

Es klingt vermessen, was da in der Nähe von Meßkirch vonstattengeht. Auf der südlichen Schwäbischen Alb zwischen Tuttlingen, Sigmaringen und Pfullendorf, entsteht eine Klosterstadt, die mit den Handwerkskünsten des 9. Jahrhunderts auskommen muss. 2013 wurde mit den Arbeiten begonnen. Mehrere Jahrzehnte sollen sie dauern.

Grundlage des Vorhabens ist ein Plan, der schon zur Zeit Karls des Großen entworfen worden war. Der sogenannte „St. Galler Klosterplan“ gilt als ältestes Architekturdokument des Abendlandes.

St. Galler Klosterplan (Reichenau, frühes 9. Jahrhundert)
St. Galler Klosterplan (Reichenau, frühes 9. Jahrhundert)

Vermutlich wurde der Plan zwischen 819 und 826 im Kloster Reichenau auf’s Pergament gebracht. Er ist heute im Besitz der Klosterbibliothek St. Gallen. Vollständig als Klosterstadt umgesetzt wurde der Plan nie, bis der Aachener Journalist Bert M. Geurten im Jahr 2012 die Idee aufgriff und den Verein „Karolingische Klosterstadt“ gründete. Am 22. Juni 2013 startete das Unterfangen. Heute lenkt Dr. Hannes Napierala als Geschäftsführer des Projektes Campus Galli „karolingische Klosterstadt e.V.“ die Geschicke dieses gewagten Unternehmens.

Was für ein verrückter Einfall: Eine komplette Stadt aus rund 50 Gebäuden und einer Kirche zu errichten – und das ausschließlich mit den Mitteln jener Zeit. Neben einem prachtvollen Gotteshaus entstehen Wohn- und Gästehäuser, Wirtschaftsbetriebe und ein Krankenhaus. Auch mehrere Brauereien sind im Klosterplan verzeichnet.

Der Anspruch der Macher ist ein durchaus wissenschaftlicher. Als Tourismusprojekt finanziert, wird es von einem „Wissenschaftlichen Beirat“ begleitet. Man weiß wenig über den Alltag im 9. Jahrhundert. Grabbeigaben, aus denen man Rückschlüsse über die Lebensgewohnheiten der Karolinger hätte ziehen können, waren nicht mehr in Mode. Und die Schriften, die in den Klöstern zunehmend verfasst wurden, widmeten sich weniger dem Alltag als eher den Herrschern und Heiligen.

Begonnen wurde mit einer Holzkirche, die später durch eine imposante Abteikirche, in der mehrere Hundert Menschen Platz haben werden, ersetzt werden soll. Schließlich handelt es sich um eine Klosterstadt, in der ein Ort zum Beten erstes Gebot sein musste. Die Holzkirche dürfte In Kürze fertiggestellt sein.

Viel Überzeugungskraft war nötig, um die Stadt Meßkirch, den Kreis Sigmaringen, das Land Baden-Württemberg und nicht zuletzt die europäischen Behörden für das Vorhaben zu gewinnen. Eine Anschubfinanzierung wurde gebraucht. Auf Dauer soll sich das Projekt über die Besucher selbst finanzieren. Die Kalkulation für eine Kostendeckung liegt bei 100.000 Touristen pro Jahr. In 2015 konnte man immerhin schon 48.000 verzeichnen – Tendenz steigend.

Rund 30 Handwerker sind bei Campus Galli angestellt. Besenbinder, Schreiner, Steinmetze, Töpfer, Schmiede, Korbflechter, Zimmerleute, Glockengießer und Köhler sind nur einige der Berufe, die hier gebraucht werden. Ihnen zugeordnet sind Freiwillige, die sich ehrenamtlich für mindestens 6 Arbeitstage verpflichten müssen. Auch Langzeitarbeitslosen eröffnen sich mit diesem Projekt neue Chancen.

Zeichnung (1876) der Gebäude nach dem St. Galler Klosterplan
Zeichnung (1876) der Gebäude nach dem St. Galler Klosterplan

Eine Sensation kann der Campus Galli mit dem archäologischen Experiment des Glockengießens schon heute für sich beanspruchen, auch wenn im ersten Anlauf das Endprodukt den Erwartungen nicht ganz entsprach. Die Glockenkrone war wegen eines kleinen Fehlers nicht ausgebildet worden. Und dennoch lieferte das Experiment den Wissenschaftlern unschätzbare Erkenntnisse.

Das Glockengießen als solches dürfte auf die Zeit der Karolinger zurückgehen. Der Archäometallurge Dr. Bastian Asmus ließ sich dafür begeistern, eine sog. „Bienenkorbglocke“ mit einem Gewicht von etwa 35 kg exakt nach den von Theophilus Presbyter im 12. Jahrhundert beschriebenen Methoden für die Klosterkirche Campus Galli zu erstellen. Holzkohleherstellung, Eisenverhüttung, Schmieden des Klöppels, Gußform töpfern, Schmelzofen ausheben, Bronze herstellen und auf 1.100 Grad erhitzen – diese vorbereitenden Aufgaben wurden akribisch nach den Vorgaben des Theophilus ausgeführt.

Auch wenn die Glocke am Ende nicht ihrem zugedachten Zweck wird dienen können, das Experiment gilt als gelungen.

Es lohnt sich, der Klosterstadt Meßkirch einen Besuch abzustatten. Es muss ja nicht morgen sein. Gebaut wird da noch über viele Jahre.

*****


Bildquellen:

St. Galler Klosterplan (Reichenau, frühes 9. Jahrhundert), gemeinfrei
Zeichnung (1876) der Gebäude nach dem St. Galler Klosterplan, gemeinfrei