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Florian Russi

Oswald von Nell-Breuning

Der Sozialphilosoph 22

Philosophie für unterwegs, Band

Oswald von Nell-Breuning ist der Erfinder des Subsidiaritätsprinzips (Hilfe zur Selbsthilfe), welches im Zusammenleben der Menschen eine herausragende Rolle spielt, da es sich hierbei um ein sehr humanes Grundverhalten und -verfahren handelt, welches zu sinnvollen und menschenwürdigen Ergebnissen führt. Florian Russi stellt den Denker, der auch als Theologe und Nationalökonom tätig war, in seinen philoosphischen Grundgedanken vor. 

Ein Arbeitstag pro Woche reicht

Ein Arbeitstag pro Woche reicht

Michael Helbing

Autor Florian Russi aus Weimar trägt die konkrete Utopie eines Sozialphilosophen weiter

Florian Russi bei der Lesung auf Hiddensee
Florian Russi bei der Lesung auf Hiddensee

Zeitgemäße Arbeitszeitdebatten werden von aktuellen gerade arg überlagert. Zuletzt gab der Bundeskanzler den Ton vor: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, dekretierte Friedrich Merz (CDU) angesichts unserer Wirtschaftsdaten. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance können wir den Wohlstand nicht erhalten“.

Ökonomen wie Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft oder Clemens Fuest vom Institut für Wirtschaftsforschung fordern derweil flankierend, einen gesetzlichen Feiertag zu streichen: Oster- oder Pfingstmontag etwa, wahlweise den zweiten Weihnachtstag. Daran wollte sich der Kanzler zuletzt allerdings nicht beteiligen, zumal Feiertage in aller Regel Ländersache sind.

Doch nicht nur Merz bekäme wohl Schnappatmung, läse er, womit der Weimarer Autor Florian Russi zuletzt um die Ecke kam: „Ich stelle mir vor, dass wir dahin kommen werden, dass zur Deckung des gesamten Bedarfs an produzierten Konsumgütern ein Tag in der Woche mehr als ausreicht...“ Das hat Russi zwar nicht formuliert, aber zitiert, in seinem Bändchen über den Sozialphilosophen, Ökonomen und Theologen Oswald Nell-Breuning.

Florian Russi (li.) im Gespräch mit Michael Helbing (re.)
Florian Russi (li.) im Gespräch mit Michael Helbing (re.)

Der fragte laut Titel eines 1985 erschienenen Buches: „Arbeitet der Mensch zu viel?“ Und er dachte darin über „eine viel weitergehende Arbeitszeitverkürzung“ nach, bereits eine „immense von Arbeit frei werdende Zeit“ vor Augen. Seine „konkrete Utopie“ sei schwer zu verwirklichen, aber zwingend notwendig.

Was zunächst wie eine Spinnerei wirken mag, erinnert uns daran, dass wir bis gerade eben noch über die vierte industrielle Revolution und „Arbeit 4.0“ sprachen. „Es wird eine Verschiebung in der Arbeitswelt geben“, erklärt auch Florian Russi im Gespräch, „von vielen handwerklichen oder Dienstleistungsberufen zu Pflege- und Versorgungsberufen. Da bin ich mir ganz sicher.“ Denn Künstliche Intelligenz, Robotik und dergleichen übernähmen demnächst lauter gängige Jobs.

Man wird dann vielleicht noch Fachkräften suchen, mehr noch aber nach Beschäftigungs- und Existenzmöglichkeiten für Menschen jenseits heutiger Erwerbsarbeit. Aber, so Nell-Breuning: „Menschliche Arbeit ist mehr als Beschäftigung zum Gelderwerb.“ Wer den Blick derart weitet, könnte die aktuellen Diskussionen für ein bisschen kurzsichtig halten.

Allerdings sah Nell-Breuning, so Russi, dass Arbeitszeitverkürzungen in verschiedenen Bereichen unterschiedlich möglich sind. „Am wenigsten lässt sich bei den Pflege- und Sozialberufen Zeit einsparen, weil menschliche Zuwendung sich nicht durch Maschinen ersetzen lässt.“

Das weiß Russi von Hause aus. Der 83-jährige Saarländer, der in Bad Berka lebt, ist unter seinem bürgerlichen Namen Rudolf Dadder Vorstandschef des Trägerwerks Soziale Dienste. Zuvor Richter in Saarbrücken, dann Rechtsanwalt in Frankfurt/Main, gründete er es 1991 in Weimar. Heute beschäftigt es als gemeinnützige Aktiengesellschaft 3000 Festangestellte in neun Bundesländern: in 280 Kindergärten oder Kinderheimen, Pflegeheimen oder Hospizen, Beratungsstellen der Jugend- oder Altenhilfe, …

Als Autor, Erzähler, Fabeldichter Florian Russi veröffentlichte Dadder im eigenen Bertuch-Verlag Weimar ebenso wie beim Mitteldeutschen Verlag in Halle/Saale als Kooperationspartner. Dort gibt er seit 2018 die Reihe „Philosophie für unterwegs“ heraus: bislang 25 schmale Bändchen zu Denkern und Denkerinnen. Er selbst verfasste jene über Epikur, Konfuzius und sogar Jesus, über Machiavelli, Albert Camus und Karl Popper sowie Nell-Breuning. Im November 2025 folgt eines über „Die Frage nach dem Lebenssinn“.

Mit dem Jesuitenpfarrer Nell-Breuning, 1991 mit 101 Jahren gestorben, bringt uns Russi einen verblassten Namen ins Gedächtnis, mit dem sich prominente Begriffe verbinden. Er hat die katholische Soziallehre beeinflusst und für die Einheitsgewerkschaft, Mitbestimmung in Betrieben und eine breite Eigentumsbildung gestritten, auch als Berater des Bundeswirtschaftsministeriums.

Erfunden hat er das Subsidiaritätsprinzip, das sich um Eigenverantwortung und Hilfe zur Selbsthilfe dreht. Es spiegelt sich unter anderem in der geteilten Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen wider, aber etwa auch im geforderten Eigenanteil bei Förderanträgen.

Nell-Breuning stammte aus Trier, wo er in sehr begüterte Verhältnisse hineingeboren wurde und aufs selbe Gymnasium ging wie Karl Marx, rund siebzig Jahre nach ihm. „Die Irrtümer von Marx nennt man heute Marxismus“, erklärte Nell-Breuning sehr viel später einmal. Einige seiner Ideen und Visionen scheinen denen des Kommunismus ähnlich gewesen zu sein. Sie sind aber eher, so Russi im Gespräch, eine Reaktion darauf. „Man warf der Kirche vor, den Kommunismus nicht verhindert zu haben, weil sie sich bislang in der Sozialpolitik zu wenig engagiert hätte.“

Russi alias Dadder war bis 1960 Schüler am Jesuitenkolleg in Feldkirch in Vorarlberg/Österreich, wo Nell-Breuning 1916 bis 1920 als Präfekt diente. Einer von dessen Assistenten war Russis Geschichtslehrer und brachte ihm Nell-Breunings Gedankensystem derart nahe, dass das Trägerwerk in Weimar später nach diesen Prinzipien zu arbeiten begonnen habe.

Nell-Breuning erklärte 1965 in einem TV-Gespräch mit Günter Gaus, er habe sich sein ganzes Leben lang „in gewisser Weise in Opposition“ befunden. Und er erwies sich darin auch insofern als weitsichtig, als er nicht im Neoliberalismus ein Problem sah, sondern in einem „gewaltig sich ausbreitenden Neofeudalismus.“ Er sprach von privaten Mächten, die „in der Wirtschaft einen Einfluss ausüben, der nur in die Hand des Garanten des Gemeinwohles gehört.“

Elon Musk, Peter Thiel oder Jeff Bezos lassen grüßen.

 

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erschienen in: Thüringer Allgemeine, Nr. 178, Sonnabend, 2. August 2025.

Fotos: © Klaus Pichler.

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