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Der Froschkönig", „Schneewittchen" oder „Rapunzel" sind Erwachsenen und Kindern auf der ganzen Welt bekannt. Wer aber weiß mehr über das Brüderpaar zu erzählen als dessen Märchen? Und wer weiß schon, dass die Grimms auch viele schaurige, schöne Sagen sammelten, eine umfangreiche deutsche Grammatik veröffentlichten oder an einem allumfassenden Deutschen Wörterbuch arbeiteten?


Die christlichen Soziallehren

Die christlichen Soziallehren

Florian Russi

Bei den christlichen Soziallehren unterscheiden wir zwischen


a) der katholischen Soziallehre
und
b) der evangelischen/protestantischen Sozialethik.


Beide haben viele Gemeinsamkeiten. Die katholische Soziallehre ist vor allem in Enzykliken (päpstlichen Lehrschreiben) zusammengefasst. Die protestantische Sozialethik versteht sich nicht als Lehre, sondern fasst die sozialen Konzepte von einflussreichen protestantischen Persönlichkeiten (Theologen wie Laien) zusammen. Sowohl die evangelische Sozialethik als auch die katholische Soziallehre hatten großen Einfluss auf das System der Sozialen Marktwirtschaft.

a) Die katholische Soziallehre

Eine wesentliche Grundlage der katholischen Soziallehre bildet bis heute die Enzyklika „Rerum novarum“ des Papstes Leo XIII. aus dem Jahr 1891. Sie wurde später vor allem durch die Enzykliken „Quadragesimo anno“ von Papst Pius XI. (1931) und „Mater et magistra“ von Papst Johannes XXIII. (1961) ergänzt, aktualisiert und erweitert. (Die Enzykliken erhalten ihre Bezeichnungen übrigens immer nach den beiden Anfangsworten des Textes, in römisch-kirchlicher Tradition in Latein abgefasst.)

Grundthesen sind:

  1. Jeder Mensch ist von Gott mit derselben Würde und mit denselben Rechten ausgestattet.
  2. Jeder Mensch hat ein Recht auf einen auskömmlichen Lebensunterhalt.
  3. Jeder Arbeiter hat Anspruch auf einen gerechten Lohn.
  4. Familien und Kinder sind zu fördern.
  5. Staaten und Regierungen haben sich am Gemeinwohl zu orientieren.
Oswald von Nell-Breuning (Bildmitte)
Oswald von Nell-Breuning (Bildmitte)

Für das gesellschaftliche Leben und die Strukturen in Staat und Gesellschaft gelten drei Prinzipien:

1. Die Personalität
2. Die Subsidiarität
3. Die Solidarität

  • Personalität bedeutet, dass jeder Mensch frei und eigenverantwortlich ist. Er darf nicht benutzt, fremdbestimmt, unterdrückt oder versklavt werden. Umgekehrt bedeutet Personalität auch Verantwortung des Einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen (Kinder, Familie, Freunde, Kollegen, Fremde).
  • Subsidiarität bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe. Das heißt, dass da, wo der Einzelne im Rahmen seiner Eigenverantwortung nicht (mehr) in der Lage ist, für sich zu sorgen oder bestimmte Aufgaben zu erfüllen, soll ihm die nächst größere, bzw. die dazu befähigte soziale Einheit (z.B. Familie, Kommune, Staat) helfen. Die Hilfe soll aber nur soweit gehen, dass dem, dem geholfen werden muss, die Möglichkeit und auch der Anspruch bleibt, so weit wie möglich (wieder) für sich selbst zu sorgen.
  • Solidarität bedeutet Geschwisterlichkeit/Brüderlichkeit. Das heißt, in jeder Gesellschaft und in jedem Staat muss es ein Gefühl des Zusammenhalts geben. Es müssen gemeinsame Grundwerte anerkannt werden. Alle Mitglieder der Gesellschaft müssen sich gegenseitig achten und stützen. Jeder muss dem anderen sein Eigenleben und seine Entwicklungsmöglichkeiten lassen. Wird die Gesellschaft (Staat) oder Teile von ihr von außen angegriffen, stehen alle zusammen und verteidigen sich gemeinsam.

Die oben genannten Prinzipien sind wohldurchdacht und da, wo sie angewandt werden, in hohem Grad förderlich. Was aber sagt die katholische Soziallehre dazu, wenn sich in einem Staat keine freie und solidarische Gesellschaft entwickeln kann, weil ein Tyrann oder Diktator alle Macht an sich gerissen hat und sein Volk oder Teile davon unterdrückt? Dann gilt der Grundsatz, der auch in unser Grundgesetz Einzug gefunden hat. So heißt es in Art. 20 Abs. 4: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung“ – gemeint ist die rechtsstaatliche – „zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Tyrannenmord ist also erlaubt. Allerdings gelten für ihn einige sehr pragmatische Einschränkungen. Der Mord muss der einzige Weg sein, die Tyrannei zu beenden bzw. den Tyrannen loszuwerden; er muss Aussicht auf Erfolg haben und darf nicht zu einer Gefährdung Unschuldiger führen. Außerdem muss damit zu rechnen sein, dass der Tod des Tyrannen zu einer Verbesserung der Verhältnisse führt. Das wurde im Falle des Irak-Krieges 2003 – 2011 vom damaligen Papst nicht so gesehen und deshalb entschieden abgelehnt; wie sich dann bald zeigte, entschieden zu Recht.

b) Evangelische Sozialethik

Anders als die katholische Soziallehre ist die evangelische Sozialethik kein festes Lehrgebäude. Sie basiert eher auf den Initiativen und Lehren von einzelnen protestantischen Theologen und Laien. Teilweise sind sie auch in Denkschriften der Evangelischen Kirchen Deutschlands niedergelegt worden. Hauptthema der Evangelischen Sozialethik ist die Gerechtigkeit. Sie findet sich in der Bibel als eine der grundlegenden Forderungen an den Menschen. Für ihn, als dem Treuhänder der göttlichen Schöpfung auf Erden, ist sie ein zentrales Gebot.

Führende protestantische Protagonisten in der Soziallehre waren der Gründer der „Diakonie“ („Dienst“) Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888), der Pastor und Theologe Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) sowie der große Reformtheologe Karl Barth (1886-1968). Wichern und von Bodelschwingh haben wesentlich zum Aufbau der Wohlfahrtspflege in Deutschland beigetragen. Raiffeisen war der geniale Mitgründer der weltweit tätigen, nach ihm benannten Betriebs- und Finanzgenossenschaften. Sein freiheitliches Genossenschaftssystem deckt sich auch mit den Grundprinzipien der Katholischen Soziallehre. Die Mitglieder einer Genossenschaft bleiben in hohem Maß selbständig und verbessern die Erfolge ihrer Arbeit durch Subsidiarität und Solidarität.

 

Karl Barth war engagierter Sozialdemokrat und verband christliche Ethik und sozialistische Politikkonzepte.

Einen großen Einfluss auf die protestantische Soziallehre hatte auch Johann Calvin (1509-1564). Er war Stifter protestantisch reformierter Religionsgemeinschaften, wie der nach ihm benannten Calvinisten, und hatte großen Einfluss auf die Glaubenslehren des Protestantismus weltweit. Der Soziologe Max Weber (1864-1920) hat in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ dargestellt, dass die von Calvin gelehrte Arbeitsethik einen großen Einfluss auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA und in den westlichen Industriestaaten hatten.

Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass evangelische bzw. protestantische Sozialethik bedeutet, dass jeder dazu befähigte Mensch das Recht und die Pflicht hat, durch seine Arbeit und Leistung zum Wohl der Gesellschaft beizutragen, dies aber auch damit verbunden sein sollte, dass alle Mitglieder der Gesellschaft daran einen gerechten Anteil haben sollen.

 

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Bildquellen:

Vorschaubild: solidarität-himmel-handschlag-649713, 2015, Urheber: 4in via Pixabay CCO.

Pius XI, ca. 1922, Fotografie, Urheber: Nicola Perscheid via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Oswald von Nell-Breuning, Urheber: Haus am Maierg via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

Johann Hinrich Wichern, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

FW Raiffeisen, ca. 1870, Urheber: unbekannt via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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