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Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Heute ist ein schöner Tag!

Heute ist ein schöner Tag!

Christina-Maria Jahn

Heute ist ein schöner Tag. Die grauen Nebelschwaden der Nacht sind einem blitzend blauen Himmel gewichen. Zwischen weißen Federwolken und endloser Weite ziehen fliegende Federviecher am Fenster vorbei. Einige von ihnen lassen sich nieder, wärmen sich dicht aneinandergedrängt auf dem kleinen Vordach vor unserem Fenster. Seltsam sehen sie aus, gräulich gescheckt, mit einem schimmernden Ring um den Hals. Sie haben nur zwei Beine, was irgendwann einmal ein Vorteil für mich sein könnte. Jedoch kommt ihnen das merkwürdige Talent zu, mit einem Mal in die Luft zu entschweben und höher, immer höher zu steigen, bis man sie irgendwann gänzlich aus dem Blick verliert. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor, der einkalkuliert werden muss, wenn ich mich ihnen das nächste Mal nähere.

Ich beobachte sie nun schon eine ganze Weile, zwei Jahre, vier Monate und drei Tage um genau zu sein.

In der ganzen Zeit ist nichts passiert, außer meine ins Unermessliche wachsende Lust, in ihren schlanken Hals zu beißen. Wie fantastisch sie riechen, diese unbekannten Wesen. Wenn der Wind durch ihr Gefieder fährt und ihren Duft durch das geöffnete Fenster ins Wohnzimmer trägt, wird mir schwindelig vor lauter Appetit. Ein unvergleichlicher Geruch von frischer Luft, heißem Blut, zartem, aber bissfestem Fleisch strömt von ihnen aus. Hinzu kommt eine Prise Erde, ein wenig Morgentau, Betonstaub und Dachziegelfasern. Tausend Siglen der Stadt, haben sich auf ihren biegsamen Hals eingeschrieben. Wahrlich, es kann nichts Schmackhafteres geben, so wie er schimmert und blitzt wenn die Sonne drauf strahlt, wie das heiße Blut hinter den Federn pulsiert, wie nonchalant er wackelt und fremde Melodien in unbekannter Sprache säuselt: „Gurr. Gurr.“ Es ist, als flüsterten sie mir zu: „Komm schon Waldo, beiß zu. Komm nur näher, wenn du dich traust.“ Und ich schwöre bei meinem Knochen, eines Tages, wenn die Federviecher wieder einmal unverschämt kokett auf und ab stolzieren, werde ich zuschnappen. Werde ich meine Fangzähne in ihrem sanften, heißen Hals vergraben und …

 Halt! Was war das? War das nicht das schrille Piepsen, dass immer ertönt, bevor Mama Elena aus dem Schlafzimmer stürmt und alsdann die Futterdose öffnet? Ohne Zweifel, das war es! Juhuuu! Besser ich beeile mich. Oh da ist sie schon! Guten Morgen, Hallo, Wau, gut siehst du aus, Ich hab dich so lieb, Hey Guten Morgen!

„Ja hallo Waldo. Hast du denn gut geschlafen?”, fragt Mama Elena und krault mir die Ohren, meine Schwachstelle, wie sie weiß.

„Da wollen wir dir doch mal Frühstück machen!“, sagt sie und bewegt sich in Richtung Küche. Frühstück!!! Ahuuu! Der Tag wird besser und besser.

Brav warte ich vor meinem Napf, wie jeden Morgen, und versuche so gut es geht, meine Vorfreude in Zaum zu halten, dass sie es sich ja nicht noch einmal anders überlegt.

Doch irgendwas ist anders als sonst. Sie öffnet alle Schränke, geht in die Speisekammer, schaut unter der Spüle nach, doch ihre Hände bleiben leer.

„Oh Waldo! Es sieht so aus, als hätten wir kein Futter mehr.“

Was!? Wie jetzt? Kein Futter? Das muss ein Scherz sein, sie spielt doch nur, sie kann es unmöglich ernst meinen!

„Tut mir leid Großer! Aber wir gehen gleich einkaufen und als Widergutmachung bekommst du vielleicht einen Knochen.“

Sie meint es also doch ernst. So ein Mist. Aber der Gedanke an einen neuen Knochen beschwichtigt mich, gibt mir Hoffnung und trägt mich durch die 45-minütige Morgenroutine von Mama Elena, die sie ausschließlich hinter der geschlossenen Badezimmertür verbringt.

Endlich ist es so weit! Sie greift die Leine und wir treten vor die Tür. Der frische Morgen mit all seinen tausend Gerüchen brennt in meiner Nase. Über den verbliebenen Spuren der Nacht vergesse ich beinahe meinen Hunger. Im nächsten Hauseingang lese ich die Spuren menschlichen Urins, an der Bank auf der anderen Straßenseite kann ich den Körperduft von vier Leuten erschnüffeln: ein Mann, drei Frauen – eine schwanger. Wie interessant! Vor mir scheint das wohl noch niemand gerochen zu haben, zumindest kann ich keine Marke erkennen.

„Erster!“, denke ich und hebe genüsslich mein Bein.

Doch mir bleibt wenig Zeit, Mama Elena zieht mich weiter, bis wir vor der großen Markthalle mit dem rot-weißen Schriftzug stehen. Doch die Türen öffnen sich nicht. Seltsam, gestern waren hier noch Menschen, ich kann es riechen! 

Mama Elena runzelt die Stirn und zerrt mich weiter. Auch der nächste Laden, mit gelb-blau-rotem Emblem scheint geschlossen zu sein. Und auch drei Straßen weiter, hat kein Laden offen.

Da zückt Mama Elena einen leuchtenden, kleinen Kasten, tippt und wischt ein paar Mal darauf herum und ruft plötzlich: „Scheiße! Heute ist ja Feiertag. Erster Mai! Wie konnte ich das nur vergessen?“

Ich weiß zwar nicht genau, was das bedeuten soll, aber gut klingt das nicht, so viel steht fest!

Meine Hoffnung auf den versprochenen Knochen sinkt rapide, so ein blöder Tag! Ich könnte heulen.

„Hey Waldo, alles gut. Nicht traurig sein, wir finden eine Lösung“, sagt Mama Elena sanft und krault wieder meine Ohren. Das hilft ein bisschen.

„Ich habs!“, jubelt sie plötzlich unvermittelt und eilt auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sie einen Laden ansteuert, über dessen Tür ein rot-gelbes M flackert und der einen köstlichen Duft verströmt.

Mama Elena öffnet die Tür mit einem großen Schwung und lässt mich eintreten. Kurz bin ich wie betäubt, so etwas habe ich noch nie erlebt. Überall piept und raschelt, schnattert und rumpelt etwas. Dazu kommt, dass der köstliche Geruch, den ich bereits auf der Straße wahrgenommen habe, sich verzehnfacht hat, und nun schwimme ich überwältigt und überfordert in einem Meer aus tausend Nuancen und abermillionen Zwischentönen.

Worauf soll ich mich zuerst konzentrieren? Auf die knapp 30 Menschen, von denen 25 im Lokal verstreut sitzen, zwei am Ladenende stehen und drei versteckt hinter der Wand lungern? Jeder von ihnen riecht anders, bringt einen duftenden Fingerabdruck mit, der ausgelesen, der entschlüsselt werden will. Wo soll ich beginnen? Aber da ist ja auch noch dieser überpräsente, betörende Duft von gebratenen Fleisch, der über allem schwebt. Ich rieche Rind, Schwein, und noch etwas anderes, alt Bekanntes – was kann das nur sein?

Komm Waldo, streng dich an, du weißt das!

Aber ich kann mich nicht konzentrieren, links riecht es stechend nach Schweiß, der Boden trägt den Odeur unzählbarer Straßen und Gassen, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht betreten habe, Pappe und Papier, Plastik mischen sich darunter, in meiner Nase brennt der Klostein und das Fritteusenfett bringt mich um den Verstand. So muss der Himmel riechen, oder ist es die Hölle? Ich kann es nicht sagen, ich kann nicht mehr unterscheiden, es ist zu viel, zu viel, zu viel!

Ich muss raus hier, an die frische Luft und während mir langsam schwarz vor Augen wird, erahne ich nur, dass die Fritteuse, neben der sanften Note von Kartoffeln, noch einen weiteren, fern vertrauten, überwältigend köstlichen Geruch ausströmt. Streng dich an Waldo, du kennst ihn doch! Vor meinen Augen sehe die Federviecher, mit ihren schillernden Hälsen dicht gedrängt aneinander hocken. Und plötzlich weiß ich es! Heute ist ein schöner Tag, heute ist ein ...

Als ich die Augen wieder öffne befinde ich mich an der frischen Luft. Angeleint vor der Tür des gelben M’s auf rotem Grund. Vor mir kniet Mama Elena und krault meine Ohren. Doch diesmal kann sie mich nicht beruhigen, der Grund dafür ist die braune Tüte in ihrer linken Hand.

Von diesem unscheinbaren Ding, dass genauso aussieht, wie die Tüten mit der Mama Elena meine Häufchen aufliest, strömt ein göttlicher Geruch aus. Oh mein Knochen, es ist dieser Geruch! Ich glaube meinen Augen kaum, erwäge kurz, ob ich noch träume, als Mama Elena schon die Tüte öffnet und eine weiß-violette Pappschachtel hinausholt. Die Melange aus heißem Fett und zartem, festem Federvieh ist das Beste, was ich jemals gerochen habe.

Mama Elena öffnet die Box und reicht mir einen gelben heißen Klumpen Gold, pures, fetttriefendes Gold. Und während ich ihn ihr behutsam aus der Hand nehme und genüsslich jede einzelne Faser des goldenen Klumpens zerlege, denke ich an die schlanken Hälse der gurrenden Federviecher, die so lange ein Geheimnis für mich waren. Nun endlich schnappe ich zu, vergrabe meine Fangzähne in ihrem festen, heißen Hals, lasse ihren geschmacksträchtigen Saft meine Kehle herunterrinnen.

Versunken in endloser Dankbarkeit und unermesslichen Genuss kann mein Hirn nur einen Gedanken formen, den es immer und immer wiederholt: Heute ist ein schöner Tag!

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