Nicht nur die Menschen müssen sich auf den immer mit schnellen Schritten nahenden Winter einstellen. Auch die Natur und das Tierreich üben sich in Geduld und Anpassung. So scheinen die Fische in Morgensterns Gedicht etwas ungeduldig, weil sie den Stein, der auf der Eisfläche lustig tanzt, nicht erreichen können. Ein wenig grausam wirkt es, weil sie wohl denken, es sei etwas zu essen. Wie die eines kleinen Kindes, unbeschwert und unbedarft, wirkt Morgensterns Erfahrung vom springenden Stein, den er über den gefrorenen See schnippen lässt. Also auch, wenn es nicht zum Schlittschuhlaufen reicht, kann die „Haut“ aus Eis gewisse Freuden bieten. Und, so traurig die Fische wohl in diesem Moment sein werden, kommt bald der Tag, an dem sie sich den Stein voller Freude „wiederholen“ können.
Carolin Eberhardt
Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr …
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.
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Vorschaubild: https://pixabay.com/de/illustrations/karpfen-winter-teich-fische-see-3778576/, Urheber: sharkdark auf Pixabay.