Deutschland-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Deutschland-Lese
Unser Leseangebot

Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Der Tod und das Mädchen

Der Tod und das Mädchen

Matthias Claudius

Ob der Dichter auch an Liebe dachte?

Es ist ein Dialog. In jeweils vier Versen sprechen ein Mädchen und der personifizierte Tod (Knochenmann) miteinander. Das Mädchen hat Angst vor dem Tod, doch der spricht beruhigend auf es ein und versichert ihm, ein Freund zu sein.

Das Gedicht sagt nichts darüber aus, was dann weiter geschieht. Der Dichter, der selbst tief christlich geprägt war, enthält sich irgendwelcher Ankündigungen, Versprechungen oder Spekulationen. So behandelt das Dialog-Gedicht das neben „Der Mond ist aufgegangen" zu den bedeutendsten von Matthias Claudius gehört, kein religiöses oder eschatologisches Thema. Es wirkt deshalb so nachhaltig, weil der Tod für alle Menschen ein radikal ergreifendes Schicksal ist, und weil es sich in diesem Fall bei dem Dialogpartner um ein unschuldiges Mädchen handelt.

Das Motiv „Tod und junges Mädchen" ist in der bildenden Kunst, Musik und Literatur schon seit der Renaissance-Zeit verbreitet. Dabei tritt der Tod auch als Verführer oder Geliebter des Mädchens in Erscheinung. Das legt den Gedanken nahe, dass es sich beim Thema tiefenpsychologisch nicht um das Problem der Angst vor dem Sterben handelt. Vielmehr wirft es die Frage auf: Warum ist die ängstliche Person ein unschuldiges Mädchen bzw. eine junge Frau und kein Erwachsener und könnte der tröstliche „Knochenmann" vielleicht nur den „kleinen Tod" * im Sinn haben? In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, dass der Maler Hans Baldung Grien (1484-1545) auf seinem Gemälde „Der Tod und das Mädchen" (1517) zum ersten Mal in der jüngeren Kunstgeschichte eine weibliche Person mit Schamhaar dargestellt hat. War das wichtig für deren Tod?

Florian Russi

Das Mädchen:
Vorüber! Ach vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen:
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen.

 

*****

* Als „Kleiner ‚Tod" (La petite Mort) wird im Französischen der Orgasmus bezeichnet.

Vorschaubild: Hans Baldung Grien: Der Tod und das Mädchen, 1517. (Heutiger Standort:
Kunstmuseum Basel). Bildquelle: Wikimedia Commons.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Rückschau
von Heinrich Heine
MEHR
Schlussstück
von Rainer Maria Rilke
MEHR
Anzeige
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen