Man sollte meinen, dass Hölty unglaublich verliebt in den Mai war. Denn unsere Redaktion hat bereits zuvor zwei Gedichte von ihm entdeckt, die sich mit dem Wonnemonat befassen, die darüber hinaus sogar von Franz Schubert vertont wurden. Fröhlich sind die beiden Texte mit den Titeln „Der Schnee zerrinnt, der Mai beginnt“ und „Willkommen, lieber schöner Mai“, voller Zuversicht und positiver Energie. Doch ist das vorliegende Gedicht „Die Mainacht“ völlig anders geartet. Bei seinem traurigen Wandeln unter dem „silberne(n) Mond (…) von Busch zu Busch“ begegnen dem Protagonisten die verliebten Nachtigallen und Tauben und ihm wird bewusst, dass er sich selbst nach seiner Seelenverwandten sehnt. Doch hat er diese bisher nicht finden können, und so fragt er sich „Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenrot durch die Seele mir strahlt, find ich auf Erden dich?“ – wobei ihm eine „einsame Träne (…) heißer die Wange herab (…) bebt“.
Carolin Eberhardt
Wann der silberne Mond durch die Gesträuche blinkt,
Und sein schlummerndes Licht über den Rasen streut,
Und die Nachtigall flötet,
Wandl’ ich traurig von Busch zu Busch.
Selig preis ich dich dann, flötende Nachtigall,
Weil dein Weibchen mit dir wohnet in einem Nest,
Ihrem singenden Gatten
Tausend trauliche Küsse gibt.
Überhüllet von Laub girret ein Taubenpaar
Sein Entzücken mir vor; aber ich wende mich,
Suche dunklere Schatten,
Und die einsame Träne rinnt.
Wann, o lächelndes Bild, welches wie Morgenrot
Durch die Seele mir strahlt, find ich auf Erden dich?
Und die einsame Träne
Bebt mir heißer die Wang herab!
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Vorschaubild: Johan Christian Clausen Dahl - Landskap i måneskinnet (1823) via Wikimedia Commons Public Domain.