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Der Kuhhirt und der Jäger

Der Kuhhirt und der Jäger

Jean-Pierre Claris de Florian

Ein junger Bursche weidete die Kühe seines Vaters. Obwohl er vieles beachten und immer auf der Hut sein musste, langweilte ihn seine Tätigkeit. Da kam ein Jäger vorbei, der ein Gewehr über der Schulter trug und einen Hund bei sich führte und klagte: „Seit Stunden bin ich vergeblich auf der Suche nach einem alten Rehbock. Nun geht mir die Puste aus und meine Beine sind müde. Sie wollen mich nicht mehr tragen, ich kann nicht mehr weiter laufen.“

“Das trifft sich ja gut“, antwortete da der junge Kuhhirt. „Es ist noch nicht lange her, da habe ich den Rehbock ganz in der Nähe unter einem Baum stehen sehen. Gerne würde ich es übernehmen, für dich nach dem Tier zu jagen. Du siehst sehr müde und matt aus. Nimm meinen Platz ein und ruhe dich aus. Gib mir dafür dein Gewehr. Ich bin mir sicher, dass ich den Rehbock schießen werde.“

Der Jäger war mit diesem Vorschlag einverstanden und forderte den Jungen nur auf, keine Gefahren einzugehen. „Hier, nimm meine Flinte“, sagte er, „und nimm meinen Hund mit. Der ist ein geübter und erfahrener Jagdhund. Ihm kannst du voll vertrauen.“

Voller Ungeduld preschte der Junge los. Der Hund folgte ihm, zwar unwillig, aber gehorsam. Bald schon nahm der Hund die Spur des Rehs auf. Zielstrebig lief er voran und näherte sich immer mehr dem Wild, bis auch der Kuhhirt es vor sich sah. In blindem Eifer griff er zur Flinte und drückte mehrere Schuss ab. Doch traf er dabei nicht das Reh, sondern den Hund, den er schwer verletzte. Jammernd lief der zu seinem Herrn zurück. In einiger Entfernung folgte ihm der Kuhhirt. Doch wie erschrak er, als er bei dem Jäger eintraf. Der war in tiefen Schlaf gefallen, die Kühe aber waren entflohen. Verzweifelt lief der Junge umher, um seine Herde wieder einzufangen, doch vergeblich, sie hatte sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Verschämt und niedergedrückt ging der Junge am Abend zu seinem Vater und gestand ihm, was sich ereignet hatte. Der griff wütend nach einem Stock und prügelte auf seinen Sohn ein. „Merke dir“, rief er erregt: „Jeder soll bei dem bleiben, was er gelernt hat und beherrscht, der Gelehrte bei seinen Büchern, der Hirte aber bei seiner Herde. Du warst allein für die Kühe zuständig, jetzt tragen wir alle den Schaden.“

Fazit: Der Volksmund sagt: „Schuster bleib bei deinen Leisten“
oder
Man sollte sich nicht mehr zutrauen, als man verantworten kann -
Schlimm ist’s wenn unschuldige Wesen wegen der Unfähigkeit anderer zu leiden haben.

*****

Nacherzählt von Florian Russi

Vorschaubild : Kühe Bild von thejakesmith auf Pixabay, Hirte: Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay, Jäger: Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay, bearbeitet und zusammengestellt von Rita Dadder

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