In einer geheimen Runde saßen mehrere Diplomaten zusammen und berieten sich. Es ging ihnen um den Umgang mit einem Willkürherrscher, der in seinem eigenen Land diktatorisch regierte und ein Nachbarland grausam überfallen und aus der Luft bombardiert hatte. Ziel des Gesprächs war es, einen Weg zu finden, um den Diktator wenigstens dazu zu bringen, die Angriffe auf das Nachbarland einzustellen. „Wir brauchen dringend Friedensverhandlungen“, sagten viele in der Runde. „Dazu ist es notwendig, dem Diktator soweit wie möglich entgegenzugehen.“
„Ich weiß selbst keinen Lösungsweg“, erklärte der Anführer der Runde. „Deshalb habe ich mir erlaubt, den Göttervater Zeus einzuladen und ihn um seinen Rat zu bitten. Er kennt die Menschen wie kein anderer.“
Tatsächlich erschien kurz darauf Zeus unter ihnen und erklärte: „Ihr Menschen verhaltet euch sehr widersprüchlich. Wenn irgendwo ein totes und vergewaltigtes Mädchen an einem Waldrand aufgefunden wird, ist die Aufregung groß. Dann wird von einem grausamen Mord gesprochen und intensiv nach dem Täter gesucht. Wird er gefasst, dann erwarten alle, dass er als Mörder den Rest seines Lebens hinter Schloss und Riegel verbringen muss. Stellt sich heraus, dass er noch zwei weitere Mädchen oder Frauen getötet hat, steigert sich die öffentliche Wut und alle sprechen von einem Massenmörder.
Wenn aber irgendwo ein Tyrann hunderte seiner Landsleute foltern und töten lässt oder ein Staatschef seine Truppen in ein anderes Land einfallen lässt, wo sie tausende Menschen ermorden und vergewaltigen, sprechen die Menschen von Gewaltherrschaft, Konflikten oder Kriegsgeschehen. Was aber ist der Unterschied zwischen ihnen und dem Frauenmörder? Der erste Schritt, Verbrechen und Verbrecher zu bekämpfen, ist der, sie offen beim Namen zu nennen.“
Fazit: Männer wie Alexander aus Mazedonien, Hitler, Stalin oder Pol Pot waren keine Staatsmänner, sondern Schwerstverbrecher.
Oder: Tyrannen und Kriegstreibern kommt man nur bei, wenn man sie wie Verbrecher behandelt.
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Vorschaubild: Сатирикон. 1908. №01 Зевс с обложки (Satyricon. 1908. Nr. 01 Zeus vom Cover), Urheber: Léon Bakst via Wikimedia Commons Gemeinfrei.