Ein Land war von einem anderen mit Raketen angegriffen worden und sann nun nach Rache. Der Außenminister des angegriffenen Landes sprach in den Tagen danach mit einem Diplomaten aus einem befreundeten Land. Er legte ihm die Pläne für einen Gegenschlag vor und erklärte: „Wir werden dem Angreifer schweren Schaden zufügen. Er hat 10.000 Bürger unseres Landes getötet, die doppelte Zahl verletzt, mehrere Orte zerstört, tausende Familien obdachlos gemacht. Der Gott, an den wir glauben, hat uns durch seinen Propheten gelehrt, dass wir Rache üben sollen nach dem Grundsatz: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Beule um Beule und Wunde um Wunde. Daran werden wir uns halten.“
„Dagegen habe ich drei Einwände“, entgegnete der Diplomat. „Erstens ist euch diese Regel nicht von eurem Gott persönlich auferlegt worden, sondern durch einen Menschen, dem Propheten, der sie euch übermittelt hat. Es ist uns kein Fall bekannt, dass ein Gott selbst zu seinem Volk gesprochen hat. Menschen aber können sich irren und tun das immer wieder.
Wenn es zweitens tatsächlich euer Gott war, der so zu euch gesprochen hat, dann galt seine Botschaft nur für euer Volk, also für euch untereinander. Den anderen Völkern auf der Welt wurden solche Worte nicht zuteil. Der Rachegedanke gilt daher nicht für den Umgang mit Völkern außerhalb eures Landes.
Drittens musst du dir vorstellen, wann der Spruch „Zahn um Zahn“ an euch ergangen ist. Das war zu einer Zeit, als man noch Mann gegen Mann mit Knüppeln und Schwertern kämpfte. Heutige Kriege werden mit Panzern, Bomben, Raketen und Drohnen ausgetragen. Da geht es nicht mehr darum, dass Menschen ihre Augen oder ein paar Zähne verlieren. Es geht um Massentötungen und den Mord an Unbeteiligten, an Frauen und Kindern. Das kann kein Gott gewollt haben, der seine Geschöpfe liebt oder auch nur ein bisschen achtet. Wer angegriffen wird, darf sich wirksam verteidigen. Alle zivilisierten Völker aber sollten gemeinsam daran arbeiten, dass es nicht zu solchen Angriffen kommt. Hier sind wir Menschen gefordert und nicht irgendwelche Überlieferungen und Glaubenssätze.“
Fazit: Alles, was für die Menschen gilt, muss von ihnen überprüft werden können.
Oder: Was die Menschen dringend brauchen, sind Frieden, Freiheit und Vernunft (Immanuel Kant)