Ein Tyrann hatte viele Jahre willkürlich und selbstherrlich über sein Land geherrscht. Er hatte Kriege geführt, seine tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner verfolgt, ins Gefängnis sperren oder töten lassen. Statt gerecht zu regieren, hatte er nur darauf geachtet, seine Macht aufrecht zu halten. Nun aber waren er und einer seiner Minister gestorben. Nach den Lehren Buddhas werden alle Lebewesen wiedergeboren. Die Lebensform, in der sie erneut auf die Erde kommen, hängt davon ab, wie sie sich in ihrem vorangegangenen Leben verhalten haben.
Das führte dazu, dass der Minister als Krähe wiedergeboren wurde. Immer hungrig flog und lief er über Wiesen und Äcker und suchte nach Nahrung. Schnecken, Maden, Käfer und Insekten waren seine bevorzugten Speisen.
Eines Tages stieß er auf einen Wurm, der sich in einem feuchten Rasen vor ihm kringelte. Sofort erkannte er, dass dies der wiedergeborene Tyrann war. „Was mache ich denn jetzt?“, fragte er ihn verzweifelt. „Viele Jahre habe ich dir als Minister gedient und mit dir viele Verbrechen begangen. Deshalb bin ich nicht als Mensch, sondern als Krähe wiedergeboren wurden. Als Krähe habe ich immerhin die Möglichkeit, Gutes zu tun, indem ich andere Vögel vor Gefahren warne. So besteht die Möglichkeit, dass ich in meinem nächsten Leben vielleicht als Fuchs oder als Hirschkalb wiedererstehe. Du als Wurm aber kannst nur durch die Erde kriechen. Komm, ich tue dir einen Gefallen. Ich werde dich in Stücke hacken und fressen. Dann hast du wenigstens dafür gesorgt, den Hunger einer Krähe zu stillen. Was dann als Nächstes aus dir wird, ist Kot. Doch Samsara, das beständige Wandern, wird dich in neuer Form wiederaufleben lassen, vielleicht als Kröte oder Maus.
Fazit: Über Gut und Böse kann der Mensch entscheiden, über sein Schicksal nur bedingt.
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Vorschaubild: illustrations/tier-cartoon-vogel-vogel-7356478/, Urheber: Raquel Candia auf Pixabay; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.