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Zu Gast in Weimar

George Eliot; deutsche Übersetzung: Nadine Erler

Zu den vielen Künstlern, die es nach Weimar zog, gehörte auch die englische Schriftstellerin George Eliot. Im Sommer 1854 verbrachte sie drei Monate im kleinen, doch weltberühmten Städtchen an der Ilm. George Eliots schriftlich festgehaltenen Eindrücke sind äußerst amüsant. Dieser Blick einer Fremden lässt Weimar in anderem Licht erschienen.

Broschüre, 40 Seiten, 2019

 

Wie abnehmen?

Wie abnehmen?

Florian Russi

Ein Mann fuhr mit seiner Cousine zu einem Familientreffen in einer weiter entfernten Stadt. Die Cousine war etwas füllig geraten und, nachdem sie in sein Auto gestiegen war, begann sie ihm sogleich davon zu berichten, dass sie sich einen Ballon in den Magen habe einsetzen lassen und ein strenges Diät- und Fastenprogramm verfolge. Deshalb werde sie sich auch bei der Familienfeier beim Essen entsprechend zurückhalten. Dann aber redete sie auf ihn ein, dass auch er mehr auf seine Gesundheit achten müsse.

„Du bist viel unterwegs, isst viel in Restaurants und achtest nicht auf die Zusammensetzung dessen, was dir da geboten wird. Hotelessen ist immer viel zu kalorienreich, zu salz-, gluten- und cholesterinhaltig. Um Geld zu sparen, werden Industriefette anstatt kalt gepresstem Pflanzenöl verwendet. Außerdem besteht das Essen aus viel zu vielen Kohlehydraten, die den Magen belasten und zur Verkalkung der Arterien führen. Auch zuhause sehe ich, dass du deftiges Essen liebst, viel rotes Fleisch isst und selten auf einen süßen Nachtisch verzichtest. Für dich wäre es wichtig, mehr Salat zu essen. Sag deiner Frau, dass sie viel Gemüse anrichten und es so garen soll, dass die Vitamine nicht verloren gehen und die Qualität leidet. Gelegentlich solltest du auch Fasttage einlegen. Das hilft sehr bei der Regeneration von Leber und Milz und entschlackt deinen Körper. Der ist von Natur aus nicht dazu angelegt, ständig Nahrung zu verwerten und Fette oder Kohlenhydrate abzubauen. Der Urmensch hatte nicht die Gelegenheit, dreimal am Tag seinen Hunger zu stillen. Lass es dir gesagt sein: du musst dringend deine Lebensweise ändern.“ Die Cousine fand immer neue Argumente, um auf ihn einzureden.

Ihn ärgerte das sehr. Als sie später an einer Autobahnraststätte anhielten, um zu Mittag zu essen, bestellte er sich unbeirrt ein üppiges Gericht. Sie dagegen entschied sich ostentativ zu einer Salatplatte ohne deftige Beilagen. Nachdem sie gegessen hatten, stand die Cousine vom Tisch auf und sagte: „Ich schaue mich noch nach einer kleinen Nachspeise um. Ein klein wenig Hunger habe ich noch.“

Als sie wieder an den Tisch zurückkehrte, trug sie ein Tablett und einen Teller mit zwei großen Tortenstücken. Verdutzt schaute er sie an: „Das darf doch nicht wahr sein – du?“

„Sie hatten ausgerechnet meine Lieblingstorte im Angebot“, erwiderte sie.

Fazit: Menschen, die selbst keinen starken Willen haben, neigen dazu, ihre Ziele auf andere abzuladen.

Oder: Die beste Art, andere zu überzeugen, ist das gelebte Vorbild.

P.S. Diese Geschichte hat sich tatsächlich so ähnlich ereignet.

 

*****

Vorschaubild: photos/waage-übergewicht-gewicht-7053082/, Urheber: Joachim Schnürle auf Pixabay.

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