Deutschland-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Deutschland-Lese
Unser Leseangebot

Ingrid Annel

Esel Erasmus unterwegs im sagenhaften Erfurt
Geschichten und Sagen über das mittelalterliche Erfurt

Die Erfurter Autorin Ingrid Annel lädt ein in eine sagenhafte Erfurter Welt der Vergangenheit, in der Esel Erasmus Martin Luther trifft und die Zaubereien des Magiers Faust miterlebt.

Vergebung

Vergebung

Florian Russi

Ein Terrorist hatte sein Land viele Jahre in Angst und Schrecken versetzt. Mit Gewalt wollte er die frei gewählte Regierung stürzen und an ihrer Stelle eine neue Herrschaft nach seinen eigenen Vorstellungen errichten.

Dafür bildete er um sich eine Gruppe von Gleichgesinnten, die eine Reihe von Attentaten verübten. Dem Terroristen selbst wurden zwölf Morde zur Last gelegt. Unter den Getöteten waren auch einige, die nur ums Leben kamen, weil sie zufällig, oder als Diensthabende, in der Nähe waren, als der Terrorist seine Anschläge verübte.

Nach einiger Zeit wurde er geschnappt und zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Als er nach vielen Jahren aus der Strafanstalt entlassen wurde, bot ihm ein Politiker, der nicht zu den Gegnern des Terroristen gehört hatte, eine Anstellung an. „Seine Strafe hat er verbüßt, um ein neues, gewaltfreies Leben zu führen.“, erklärte er.

Nachdem der Politiker mit dem Ex-Terroristen in seinem Stammlokal zu Mittag gegessen hatte, sprach der Besitzer der Gastwirtschaft ihn bei nächster Gelegenheit an und sagte zu ihm: „Ich will den Terroristen nicht mehr in meiner Gaststube sehen und erteile ihm Hausverbot.“

Da antwortete der Politiker: „Seine Strafe hat er verbüßt und auch du solltest ihm vergeben.“

Der Wirt entgegnete: „Das kann ich nicht, selbst wenn ich es wollte. Vergeben könnten ihm nur diejenigen, die er grausam umgebracht hat. Das ist nicht möglich. Deren Familienangehörigen und Freunde können ihm höchstens verzeihen, dass sie einen geliebten Menschen verloren haben, mehr nicht. Ich selbst bin nicht befugt, ihm etwas zu vergeben. Was er aber getan hat, hat mir und meiner Familie große Angst gemacht und es hat uns empört. Wenn ich ihm freundlich gesonnen sein sollte, dann reichte es mir nicht, dass er selbst jetzt ein gewaltfreies Leben führen will. Ich würde erwarten, dass er – wo auch immer – dabei hilft, Leben zu erhalten und dafür wirbt, es ihm nicht nachzutun und stattdessen für eine freiheitliche und friedliche Ordnung einzutreten.“

Fazit: Wer das Leben anderer zerstört hat, dem bleibt als einziges die tätige Reue.

Oder: Das Schlimme am Mord ist, dass man ihn nicht wieder gut machen kann.

 

*****

Vorschaubild: illustrations/stift-schreiben-sorry-1329258/, Urheber: kalhh auf Pixabay.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Der Mutationssprung
von Florian Russi
MEHR
Emanzipation
von Florian Russi
MEHR
Frieden schaffen
von Florian Russi
MEHR
Anzeige
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen