Es ging um eine wichtige Wahl und in einer öffentlichen Runde stellten sich die Kandidaten vor. Ein junger Mann bekannte sich zum radikalen Nationalismus. Er erklärte: „Ich verehre Adolf Hitler und Ernst Röhm, den Schöpfer und Führer der SA. Ich liebe Männerbünde und bin homosexuell. Am Todestag des Hitlerstellvertreters Rudolf Hess demonstriere ich mit meinen Anhängern für Identität und Rassenreinheit.“ Etliche der Zuhörer klatschten ihm Beifall.
Die anwesende Kandidatin stimmte ihrem Vorredner in der Frage von völkischer Identität zu. Sie wandte sich gegen Zuwanderer und Migranten, betonte, dass das eigene Volk mehr Kinder zeugen und dass man zum alten Familienbild zurückkehren müsse. Eine Familie bestehe aus Vater, Mutter und mehreren Kindern, wobei jedes die überlieferte Rolle spielen müsse.
Der dritte Kandidat in der Runde griff sich an den Kopf. „Wo bin ich denn hier hingeraten?“, fragte er. „Ist Ihnen nicht bekannt, dass Hitler schwule Männer ins Konzentrationslager hat stecken lassen? Dort hätten Sie einen „rosa Winkel“ angeheftet bekommen und wären irgendwann vergast worden. Wie können Sie Hitler verehren und gleichzeitig Röhm und Hess hervorheben? Hitler hat Röhm, der auch homosexuell war, erschießen lassen und Hess als Verräter gebrandmarkt. Was denken Sie, was er mit Ihnen angestellt hätte?“
Dann wandte er sich an die Rednerin und erklärte: „Sie sind bekennende Lesbe, leben mit einer Migrantin zusammen und das meist im Ausland. Das widerspricht doch diametral allem, was Sie von den Wählern fordern. Was geht in Ihrem Kopf vor? Da Sie eine studierte und kluge Frau sind, gehe ich davon aus, dass Sie die Widersprüche in Ihren Aussagen selbst erkennen können. Es scheint also nicht an Ihrem Geist zu liegen, sondern irgendwo sonst. Für die Wähler sind diese Schizophrenien aber eine Beleidigung.“
Fazit: Droht uns ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung?
Oder: „Der Mensch: Ein Wesen besonderer Art… Aufrecht sein Gang, doch nicht sein Verhalten“ (Günter Kunert)
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