In uralten Zeiten lebten in einem Gebiet der Erde ein Stamm von Neandertalern und einer von Denisovaden nicht weit entfernt nebeneinander. Die Denisovaden waren wie die Neandertaler eine Gruppe von Urmenschen, die sich selbstständig neben den Vorläufern des Homo Sapiens gebildet hatten und ihnen sehr ähnlich sahen. Man nennt sie nach der Denisova-Höhle in Sibirien, wo die ersten Knochenreste von ihnen gefunden wurden. Ihre Sprache war einfach und mit viel Gestik verbunden. Sich selbst nannten sie Tutu und die Neandertaler Fifi. Bei den Neandertalern war es genau umgekehrt. Nur selten und zufällig kam es zu Begegnungen zwischen den beiden.
Eines Tages war dies der Fall, als je eine Gruppe von jugendlichen Tutu und Fifi auf Beerensuche unterwegs waren. Plötzlich wurden sie von einem Unwetter und Kälteeinbruch überrascht. In höchster Not suchten sie Zuflucht in derselben Höhle. Vor deren Eingang türmten sich hohe Schneemassen auf und versperrten allen den Nachhauseweg. In der Höhle war es kalt. Deshalb suchten sie nach brennbarem Material und zündeten ein Feuer an. Darum versammelten sie sich, und um der Kälte zu trotzen, rutschten sie eng zusammen. Wenn sie nicht erfrieren wollten, war dies der einzige Weg. Eine Zeit lang saßen sie stumm nebeneinander. Dann begann einer von ihnen heftig zu gestikulieren und laute Töne auszustoßen. Das fanden alle sehr interessant, und da er sich mehrmals wiederholte, konnten immer mehr Beteiligte verstehen, was er sagen wollte. Er erzählte von seinen Jagderlebnissen und von jemandem, der sich bei der Jagd besonders tollpatschig verhalten hatte. Da mussten alle lachen, das konnten sie alle gleich. Der Erzähler war ein Neandertaler. Ein Denisova-Mädchen schaute bewundernd zu ihm auf und schmiegte sich näher an ihn heran.
„Ich Tutu“, sagte der Neandertaler und sie erwiderte: „Auch ich Tutu“. Das verstand er als Liebesantrag. Er stand auf, nahm sie bei der Hand und zog sie in eine Nebenhöhle. Dort umarmten und paarten sie sich.
Die anderen bekamen es mit. Sie stellten fest, dass es ein verlockender Weg war, die Einsamkeit aus der Höhle zu vertreiben. So bildeten sich immer mehr Paare und ihre ethnische Herkunft spielte dabei keine Rolle. Mehrmals am Tag fanden sich alle zusammen und bildeten eine Runde. Dabei teilten sie die Beeren und Feldfrüchte, die sie gesammelt hatten. Das rettete ihnen das Leben, denn das Unwetter hielt an, ein Auszug aus der Höhle war nicht möglich. Immer wieder bildeten sich Gesprächsrunden. Dabei wurde viel geradebrecht und gelacht.
Als sich das Wetter gebessert hatte und die Schneemassen geschmolzen waren, trennten sich die beiden Gruppen und zogen zurück in ihre Siedlungen. Als ein Neandertalermädchen von seinen Erlebnissen berichtete, stießen deren Eltern und Geschwister schrille Schreie der Empörung aus. Sie liefen in ihrem Ort hin und her, jammerten laut und stifteten große Verwirrung. Viele schüttelten unentwegt ihre Köpfe und deklamierten: „Tutu und Fifi miteinander, das geht doch nicht! Es wird unabsehbare Folgen haben.“
Der Stammeshäuptling rief eine Versammlung ein und erklärte: „Macht euch keine Sorgen. Tutu und Fifi sind zu verschieden. Ich habe neulich gesehen, wie ein Dachs eine Füchsin besprungen hat. Das ist auch ohne Folgen geblieben.“
Er sollte nicht Recht behalten. Die Natur wollte es anders. Alle weiblichen Teilnehmer des Höhlenerlebnisses kamen fristgerecht nieder und brachten prächtige Babys zur Welt. Sie suchten sich, erst heimlich, dann immer offener, mit deren Erzeugern zu treffen. Es kam zu immer neuen Runden und es wurde geredet, gestikuliert und gelacht. Schließlich schlossen sich die Beteiligten zu einem neuen Stamm zusammen, gründeten eine eigene Siedlung und nannten sich fortan Fitu. Weil sie sich angewöhnt hatten, so viel miteinander zu reden, bildeten sie im Laufe der Zeit eine hohe Intelligenz. Das führte dazu, dass ihre Gruppe es auch war, die sich am besten mit den Naturereignissen und Gefährdungen der Folgezeit zurechtfand. So überlebten sie und einige von ihnen gaben ihr Erbgut auch an den sogenannten Homo Sapiens weiter.
Fazit: Oft beherrscht nicht der Mensch die Natur, sondern es ist umgekehrt.
Oder: Zum heutigen Menschen haben auch Neandertaler, Denisovaner – und wer noch? – beigetragen.
Oder: Alle Lebewesen müssen sich nehmen wie sie sind.
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