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Das Kräuterweib vom Hexenberg

Heil- und Gewürzpflanzen

Viola Odorata

Broschüre zur Bedeutung und Anwendung von Heil- und Gewürzpflanzen

Klosterbrüder

Klosterbrüder

Florian Russi

Auf einer kirchlichen Synodalkonferenz ging es um das Thema: „Wie gehen wir in die Zukunft?“. Der Regionaldekan, der die Veranstaltung leitete, erklärte voller Überzeugung: „Wir müssen unsere Positionen alle in Frage stellen und daraufhin untersuchen, was gottgewollt ist und was nicht. Nirgendwo findet sich in den Evangelien eine Aburteilung von Homosexuellen und Jesus hat in seiner Bergpredigt zwar den Wert und die Beständigkeit der Ehe hervorgehoben, aber an keiner Stelle diejenigen verdammt, die daran scheitern. Lasst uns also nicht intoleranter sein als Jesus selbst es war. Gehen wir denen entgegen, die sich gleichgeschlechtlich lieben und stoßen die nicht von uns, deren Ehe aus welchen Gründen auch immer beendet wurde, die aber ihr Bedürfnis nach Liebe nicht verloren und neu geheiratet haben.“

Viele Zuhörer nickten zustimmend, doch bei denjenigen, die sich äußerten, lösten die Worte des Regionaldekans helle Empörung aus. „Wir sind Kirche und nicht ein Verein, der willkürlich immer wieder seine Geschäftsordnung ändert. Die Kirche gibt es seit über 2.000 Jahren, was früher galt, muss weiter gelten. Über allem steht der Glaube. Der darf sich nicht abhängig machen von Trends, Moden oder Zeitereignissen.“, rief der Prior eines bekannten Klosters in den Saal. Bei der anschließenden Abstimmung bügelte die Mehrheit der Anwesenden die Reformvorschläge des Regionaldekans nieder.

Am Ende der Tagung ging der Regionaldekan auf den Prior zu und sagte: „Ich habe ein Problem. Die Sitzung hat länger gedauert, als ich geglaubt hatte. Nun bekomme ich keinen Zug mehr, um nach Hause zu fahren. Erlauben Sie bitte, dass ich in Ihrem Kloster übernachte.“

Der Prior schien von diesem Anliegen alles andere als begeistert, doch ihm fiel keine Ausrede ein, um es zurückzuweisen. Also bezog der Regionaldekan am Abend im Kloster ein Zimmer. Dabei sah er, dass ein junger Mann im Flur auf etwas wartete. Verlegen ging der Prior auf den Jüngling zu, ergriff ihn an seiner Weste und sagte: „Kommen Sie mit, Bruder Benjamin, ich muss dringend noch mit Ihnen reden.“

‚Bruder Benjamin?‘, dachte der Regionaldekan verwundert. Der junge Bruder sah nicht aus wie ein Ordensmann und trug auch nicht die vorgeschriebene Ordenstracht. Der Regionaldekan zuckte mit den Schultern und legte sich zum Schlafen. Als er wenig später wieder aufwachte und zur Toilette ging, hörte er aus mehreren Stuben ein heftiges Stöhnen. Die Geräusche waren selbst für ihn, der seiner Kirche die lebenslange Keuschheit gelobt hatte, völlig unzweideutig. Irritiert legte er sich in sein Bett zurück und konnte den Rest der Nacht nicht mehr einschlafen.

Am folgenden Morgen setzte sich der Prior zu ihm an den Frühstückstisch und erklärte: „Ich gehe davon aus, dass alles, was ich Ihnen nun sage, unter das Beichtgeheimnis fällt. Ich will nicht drumherum reden. Wie die vielen Menschen, denen wir die Beichte abnehmen, sind auch wir nicht frei von menschlichen Schwächen und Sünden. Doch es bleibt alles innerhalb unseres Klosters. Wir halten auf Sittsamkeit und Ordnung.“

„Warum aber haben dann ausgerechnet Sie und Ihre Mitbrüder bei unserer Tagung so sehr dagegen protestiert, als ich vorgeschlagen habe, die Homosexualität als solche nicht mehr zu verdammen?“, frage der Regionaldekan.

Der Prior antwortete: „Kaum etwas ist im Christentum so eindeutig versprochen wie die Sündenvergebung. Was also sollen wir ändern?“

Fazit: Extrem Konservative wollen meist nicht das Richtige bewahren, sondern nur die eigenen Gewohnheiten beibehalten.

 

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Vorschaubild: vectors/nonne-mönch-kreuzgang-kloster-29854/, Urheber: Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay; vectors/abstinenz-asket-askese-christian-2026046/, Urheber: OpenClipart-Vectors auf Pixabay; neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

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