In einer kleinen Stadt lebte ein junger Mann aus wohlhabendem Haus. Er sah sehr gut aus, zeigte ein gutes Benehmen, war selbstbewusst, sportlich und eloquent, schlichtweg ein Mann, den sich viele Mädchen zum Freund und viele Eltern zum Schwiegersohn wünschten. Der junge Mann wusste das zu nutzen und ließ, wie man das so nannte, „nichts anbrennen“.
Drei Mädchen aus dem Ort, durchaus ansehnlich und im entsprechenden Alter, nahmen sich vor, ihn zu provozieren und dann ganz kalt abzuweisen. Täglich trafen sie sich und überlegten sich Strategien, wie sie den so viel Umschwärmten verlocken und demütigen könnten. Sie putzten sich zurecht, trugen aufreizende Kleidung und nutzten jede Gelegenheit, ins Blickfeld des jungen Mannes zu geraten.
Doch sie wurden sehr enttäuscht. Der Kerl nahm keinerlei Notiz von ihnen, ging achtlos an ihnen vorbei und zeigte nicht das geringste Interesse an einer näheren Begegnung. Da begannen die drei Mädchen, an ihrem Aussehen zu zweifeln. Während sie bei ihren früheren Treffen viel gelacht hatten, zeigten sie jetzt ernste und traurige Gesichter und manchmal weinten sie sogar. Sie wussten sich keinen Rat, ihren Plan ganz aufgeben wollten sie aber nicht.
Eines Tages ging eine von den Dreien im Stadtpark spazieren. Da tippte der junge Mann sie von hinten auf die Schulter und sagte: „Ich habe einen sehr wertvollen Ring verloren. Kannst du mir helfen, ihn zu suchen?“
Das konnte sie ihm nicht abschlagen. Gemeinsam suchten sie eine Viertelstunde das Gelände ab. Dann bückte sich der Junge plötzlich und rief: „Ich habe ihn! Welch ein Glück. Er war sehr teuer!“ Dann drückte er ihre Hände und sagte: „Ohne dich hätte ich ihn nicht gefunden. Darf ich dich zum Dank zu einer Tasse Kaffee einladen?“
Diese Einladung abzuschlagen, wäre unhöflich gewesen. Deshalb sagte sie zu und ließ sich von ihm in ein nahes Café führen. Dort begann er eifrig zu erzählen und ihr Komplimente zu machen.
„Bisher hast du mich nie beachtet“, entgegnete sie ihm.
„Das lag daran, dass ihr immer zu dritt wart“, antwortete er. „Ich aber hatte nur Interesse an dir.“
Das zu hören, gefiel ihr. Sie ließ sich von ihm zu einer Tour in dessen teurem Sportwagen einladen und fühlte sich wie im Himmel. Sie vereinbarten absolute Vertraulichkeit und begannen ein Verhältnis miteinander. Dabei ließ sich das Mädchen auch dazu hinreißen, ihm von dem Plan der drei Freundinnen zu erzählen.
Die Beziehung ließ sich nicht lange geheim halten. Die drei Mädchen gerieten in einen heftigen Streit. Die zweite von ihnen ging bei nächster Gelegenheit auf den Charmeur zu und sagte: „Was findest du nur an meiner elenden Freundin? Die ist doch langweilig und kann dir das Wasser nicht reichen.“
„Damit hast du wohl recht. Doch im Gegensatz zu ihr hast du nie Interesse an mir gezeigt.“
„Wir hatten es so abgesprochen“, gestand sie.
„Pech für dich. Du wärst für mich die Begehrenswerteste von allen gewesen“, erwiderte er.
„Vielleicht lässt sich das ja noch korrigieren“, sagte sie und sah ihn mit leuchtenden Augen an. Er zögerte eine Weile, dann war er einverstanden und die beiden begannen ein leidenschaftliches Verhältnis. Auch das blieb nicht lange unbekannt. Die erste in der Runde versank in Trauer und Verzweiflung, die Dritte glühte vor Eifersucht. Sie verfluchte sich selbst, weil gerade sie es gewesen war, die den Plan ausgeheckt hatte.
Sie wartete etwas ab. Dann ging auch sie auf den Vielgeliebten zu und sagte: „Ich gebe zu, dass ich es war, die meine Freundinnen dazu überredet hat, dich zu provozieren. Doch im Grunde wollte ich dich dabei auf mich aufmerksam machen. Aus der Ferne habe ich mich in dich verliebt. Mir ist kein anderer Weg eingefallen; das tut mir leid.“
„Warum dieser Umweg?“, antwortete er. „Du bist doch von einer herausragenden Schönheit und hast mir schon von Anfang an am besten gefallen. Jetzt endlich stehe ich dir gegenüber. Darf ich dich umarmen?“
Er durfte. Von da an wurden auch die beiden ein Paar. Die drei Freundinnen aber trennten sich auf alle Zeit. Doch, wie nicht anders zu erwarten, dauerte auch die neue Paarbeziehung nicht lange.
Fazit: Nicht nur in der Politik gilt die Devise: Teile und herrsche.
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