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Silvia Frank
Kennst du Georg Büchner?

Heute gilt Büchner unbestritten als Begründer der modernen deutschen Literatur. Lassen Sie sich auf eine Begegnung mit dem rebellischen und jung verstorbenen Dichter und seinem ungewöhnlichen Werk ein.

Die Zuwanderer

Die Zuwanderer

Florian Russi

Es war zu der Zeit, als Europa erstmals besiedelt wurde. Ein kleiner Stamm hatte sich mitten in einem Waldgebiet niedergelassen und einige Stätten und Unterkünfte errichtet. Der Stamm war aus dem Osten gekommen, oder wie seine Mitglieder sagten: „Aus dem Land, wo die Sonne aufgeht“. Die Gegend, in der sie sich angesiedelt hatten, war fruchtbar und von vielen jagdbaren Tieren belebt. Also lebte der Stamm recht zufrieden vor sich hin.

Eines Tages jedoch ersuchte ihn eine Schreckensnachricht: Einige Stammesbrüder, die auf der Jagd waren, hatten mit ansehen müssen, wie sich nicht weit von ihrem Lager entfernt ein anderer Stamm eine Wohnsiedlung errichtet hatte.

„Solche Zuwanderer können wir hier nicht gebrauchen“, stöhnten einige, als der Häuptling des ersten Stammes zu einer Versammlung einberufen hatte. „Die Zuwanderer nehmen uns alles weg. Sie sammeln Kräuter, Beeren und Wurzeln und jagen Auerochsen wie wir. Wer weiß, was uns dann noch bleibt? Wir sollten die Zudringlinge sofort überfallen und verjagen.“

Viele stimmten dem zu, doch da meldete sich einer der Ältesten zu Wort: „Meine Brüder, lasst uns unsere Vernunft gebrauchen. Was bringt es uns, wenn wir uns mit den Zugewanderten schlagen? Wenn wir dabei unser eigenes Leben und das unserer Kinder aufs Spiel setzen, haben wir nichts gewonnen. Außerdem verbrauchen Kämpfe Zeit und viel Energie. Die benötigen wir, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. Nutzen wir stattdessen jede Gelegenheit, um den anderen unsere Friedfertigkeit zu zeigen. Wenn wir einem von ihnen begegnen, können wir ihm freundlich zuwinken. Treffen wir einen Verletzten, sollten wir uns um ihn kümmern und ihn versorgen. Sollten einmal einige von uns mehr Früchte eingesammelt haben, als wir verbrauchen können und einige Zuwanderer in der Nähe sein, würde es sich empfehlen, einen Teil der Ernte auszulegen und ihnen ein Zeichen zu geben, dass sie sich davon bedienen könnten. In jedem Fall sollten wir feindlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen. Bemühen wir uns aber und halten die Augen offen.“

Der Stamm folgte dem Rat des Alten. Einige Zeit ging ins Land, da tauchte plötzlich eine Gruppe von Zuwanderern in der Siedlung der früher Ansässigen auf. An langen Stangen aufgehängt trugen sie drei von ihnen erlegte Auerochsen mit sich. Eifrig gestikulierend gingen sie auf die Einheimischen zu. Die verstanden sehr bald, was die Besucher ihnen mitteilen wollten, denn auch ihr Wortschatz war noch nicht sehr weit entwickelt und ihre Unterhaltungen untereinander auf Gesten angewiesen.

Was die Besucher sagen wollten, war folgendes: „Wir waren auf der Jagd und haben mehr Wild erlegt, als wir selbst essen können. Da haben wir gedacht, dass wir euch einiges davon anbieten sollten. Vielleicht könntet ihr uns dafür einiges überlassen, was ihr erübrigen könnt. Oder aber wir verständigen uns darauf, dass ihr, wenn ihr auch einmal Beute im Überfluss macht, uns daran teilhaben lasst.“

Die Einheimischen hatten zuletzt weniger Erfolge bei der Jagd gehabt, und so war ihnen das Angebot sehr willkommen. Sie baten die Zuwanderer in ihre Mitte und boten ihnen ein Getränk an, das man als Vorläufer des Bieres bezeichnen könnte. Man trank und lachte miteinander und verabschiedete sich dann mit Umarmungen und Schulterklopfen. Von da an kam es zu immer mehr Begegnungen zwischen den beiden Stämmen.

Ein Mädchen aus der Gemeinde, das besonders neugierig war, nutzte mehrere Gelegenheiten, sich in der Siedlung der Zuwanderer umzuschauen. Eines Tages kehrte sie zurück, war schwanger und erklärte, ihren Geliebten aus dem anderen Stamm heiraten zu wollen. Ihre Eltern waren darüber nicht glücklich. Jedoch nahmen sie Verbindung zur Familie des Vaters ihres zu erwartenden Enkelkindes auf. Immer öfter traf man sich und ordnete die Verhältnisse. Andere Stammesmitglieder taten es ihnen gleich. Einer der Ältesten, der mit der Zeit zum Großvater vieler gemeinschaftlicher Kinder aus beiden Stämmen geworden war, stellte bei einer Familienfeier fest, dass es doch recht vernünftig gewesen sei, keinen Krieg gegeneinander zu führen. Stattdessen vereinigten sich die Stämme nach einiger Zeit und alle hatten etwas davon.

Fazit: Friede ernährt, Unfriede verzehrt. (Sprichwort)

Oder: Die wichtigsten Maximen im menschlichen Zusammenleben sind Frieden, Freiheit und Vernunft. (Immanuel Kant)

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