Ein Mann wohnte in der Nähe eines beliebten Wallfahrtsortes. Er war Historiker, kannte die Geschichte des Ortes genau und organisierte in jedem Jahr eine große Wallfahrt. Doch musste er feststellen, dass immer weniger Menschen an dieser teilnahmen. Eines Tages sagte ein Bekannter zu ihm: „Mich wundert es nicht, dass die Zahl der Wallfahrer immer mehr zurückgeht. Bei den früheren Bittfahrten ging es immer um die Heilung von Epidemien und Krankheiten, wie Pest, Cholera oder Pocken. Heute ist die Medizin in der Lage, diese Leiden von uns fernzuhalten. Da erübrigen sich Gebetsmärsche und das Singen frommer Lieder.“
„Was die Krankheiten, die du genannt hast, angeht, gebe ich dir Recht“, antwortete der Historiker. „Doch der Mensch besteht nicht nur aus seinem Leib, sondern auch aus Geist und Psyche. Auch die können erkranken und von Epidemien befallen werden. Viele heutige Menschen waren und sind durch die Corona-Pandemie, durch die Globalisierung oder durch die neuen Technologien und Informationssysteme überfordert. Da braucht es einen nicht zu wundern, dass sich dies in ihren Psychen niederschlägt. Ich stelle zunehmend fest, dass eine psychische Epidemie einen Großteil der Menschen erfasst hat. Ich würde sie als Psyvid bezeichnen. Viele Politiker und unübersehbar viele Bürger sind davon betroffen. Die nächste Wallfahrt, die ich organisieren werde, dient dem Ziel, die Menschheit von diesem Übel zu befreien. Ich rechne mit vielen Unterstützern.“
Fazit: Seelische Erkrankungen wiegen oft schwerer als körperliche.
Oder: Psychische Krankheiten wurden bisher immer als persönliche Angelegenheit aufgefasst. Weit verbreitet können sie aber auch großen gesellschaftlichen Schaden anrichten.
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