Ein Diktator war sehr machtbesessen und eitel. Deshalb ließ er alle fünf Jahre Wahlen abhalten, in denen er keinen ernsthaften Mitbewerber duldete und ein Ergebnis von 99 Prozent Zustimmung erwartete. Es kam wieder einmal zu einer Wahl, die keine war. Inzwischen hatte es jedoch einige Auflehnungen gegen das diktatorische System gegeben, und so befürchteten seine Schergen, dass sich das auch im Wahlverhalten der Bevölkerung niederschlagen könnte.
In einem Wahlbezirk saßen die Stimmzähler beisammen und warteten auf die Ergebnisse aus den einzelnen Wahllokalen. Tatsächlich hatten sich diesmal etliche Wähler getraut, dem Diktator ihre Zustimmung zu verweigern. In einem der Wahllokale waren es sogar 150 von 310 Wählern.
„Wenn wir die Gegenstimmen zusammenzählen, kommen wir weit über die eingeplanten 1 Prozent“, sagte einer der Beamten verzweifelt. „Ich bin dafür, dass wir für unseren Wahlbezirk nur 90 Gegenstimmen zur Zentrale melden. Dann sind das nicht einmal ein halbes Prozent. Damit können wir brillieren.“
„Das ist keine gute Idee“, entgegnete der Vorsitzende der Wahlkommission. „So wissen die Stimmzähler in dem Lokal mit dem 150 Verweigerern doch sofort, dass wir das Ergebnis manipuliert haben. Wir geben viel mehr genau 206 Gegenstimmen an, das ist eine weniger als 1 Prozent. Damit liegt die Zahl der gemeldeten Protestwähler über der Zahl von 150 und die Stimmzähler müssen sich Gedanken darüber machen, wieso gerade ihr Stimmlokal so ein eklatant schlechtes Ergebnis erzielt hat. Keiner von ihnen aber könnte behaupten, dass wir die 150 Gegenstimmen nicht registriert hätten. Sie sind in den 206 enthalten.“
So geschah es und die gemeldete Zustimmung lag im ganzen Land wieder über 99 Prozent.
Fazit: Einem Herrschaftssystem, das auf Willkür und Lügen aufbaut, kann man in keinem Bereich vertrauen.
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