„Auch in der heutigen Zeit muss es Anstandsregeln geben“, sagte die Lehrerin zu ihren 13-jährigen Schülern. „Es gehört sich nicht, dass ihr in eurem Alter jeden Morgen in Hotpants zur Schule kommt. In meinem Unterricht lege ich Wert auf Sitte und Anstand. Ich bin eure Klassenlehrerin. Haltet euch also an das, was ich euch sage.“
Die Schülerinnen schauten sich betreten an. Nicht alle von ihnen hatten die Figur, dass ihnen Hotpants gestanden hätten. Doch einige waren sich ihrer Wirkung bewusst, wenn sie mit ihren engen kurzen Hosen in die Schule kamen, auf ihren Fahrrädern fuhren oder zum Einkaufen gingen. Zwar waren die gleichaltrigen Jungen verspult und belämmert, es schadete aber nichts, wenn sie ein bisschen hinzulernten und sich in ihren Fantasien ausmalten, was in den knappen Höschen so alles verborgen sein könnte. Auch die Modeindustrie war sehr dahinter her, mit wenig Stoff viel Geld verdienen zu können.
Zuhause erzählten die Schülerinnen ihren Eltern von ihrer strengen Lehrerin, wie retro und verklostert sie sei und ihnen verzopfte Sitten aufzwingen wollte. Die Eltern hielten zu ihren Kindern, und so erschienen diese weiterhin in ihren Hotpants zum Unterricht. Die Lehrerin war sehr verärgert, doch sie konnte nichts dagegen unternehmen. Die Schulsatzung schrieb keine bestimmte Kleiderordnung vor.
So ging es bis zum Herbst, als ein plötzlicher Kälteeinbruch an den Fenstern der Häuser Eisblumen wachsen ließ. Plötzlich erschienen die jungen Damen in langen, weiten Hosen und dicken Pullovern zur Schule. Einige von ihnen mussten sich ununterbrochen schnäuzen. Andere hatten sich wegen Erkältung gänzlich vom Unterricht entschuldigt. Da trat die Lehrerin vor die Klasse und sagte: „Ich hatte mir schon Sorgen darübergemacht, dass ihr nur noch ungehorsam sein würdet. Nun sehe ich, dass ihr wenigstens dem Wettergott noch zu gehorchen bereit seid.“
Fazit: In vielen Streitfragen entscheidet letztlich die höhere Gewalt.
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