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Ingrid Annel

Esel Erasmus unterwegs im sagenhaften Erfurt
Geschichten und Sagen über das mittelalterliche Erfurt

Die Erfurter Autorin Ingrid Annel lädt ein in eine sagenhafte Erfurter Welt der Vergangenheit, in der Esel Erasmus Martin Luther trifft und die Zaubereien des Magiers Faust miterlebt.

Die Schwächsten zuerst

Die Schwächsten zuerst

Florian Russi

Ein Mord war geschehen, und der Boss einer in Verdacht stehenden gefährlichen Verbrecherbande war verhaftet worden. Ein junger und ein älterer Kommissar erhielten den Auftrag, ihn der Tat zu überführen und möglichst viele seiner Verbrechen aufzudecken. Der junge Kommissar setzte sich gleich mit viel Eifer ans Werk und ließ sich den Boss vorführen. Dann befragte er ihn nach allen Regeln der Emittlungskunst. Doch der Bandenchef schwieg beharrlich und äußerte keinen einzigen Satz. Enttäuscht lud der junge Kommissar darauf einen Mann vor, der als einer der Stellvertreter des Bandenführers galt und verhörte auch ihn. Wieder erhielt er keine einzige Antwort. Der Befragte äußerte nur, dass der Boss in Wahrheit ein großer Wohltäter sei.

Als der junge dem alten Kommissar von seinen Misserfolgen erzählte, erwiderte der: „So habe ich es erwartet. Lass es uns andersherum versuchen. Ich habe jemanden vorgeladen, der nur am Rande mit der Bande zu tun hat, den sie nicht so recht ernstnehmen und der nur gelegentlich eine kleine Rolle bei ihren Aktionen spielt.“

Als der Betreffende den beiden Kommissaren gegenübersaß, sagte der ältere zu ihm: „Ich muss Sie verhaften lassen, weil sie Mitglied einer berüchtigten Bande sind und maßgeblich am Mord eines Polizisten beteiligt waren, den diese kürzlich begangen hat.“

„Das stimmt nicht“, begehrte der Befragte laut auf. „Ich war nie Mitglied. Sie wollten mich nie aufnehmen, weil ich ihnen zu anständig war. Vor allem aber habe ich mit dem Mord nicht das Geringste zu tun. Der Boss selbst hat einem meiner Freunde erzählt, wie sich die Sache abgespielt hat und sich mit der Tat gebrüstet.“

„Ich hoffe sehr, dass Sie das beweisen können“, erwiderte der ältere Kommissar und ließ sich die Adresse des Freundes geben. Den befragte er dann nach allem, was er über den Mord wusste und nach weiteren Hintermännern. Schließlich hatte er auch vier von ihnen zum Sprechen gebracht.

Danach lud er wieder den Boss vor und sagte zu ihm: „Ich werde Sie wegen Mordes anschuldigen und hinter Gitter bringen.“ Da lächelte der Boss zynisch und antwortete: „Das haben schon viele von Ihnen versucht. Mir können Sie nichts nachweisen.“

„Vielleicht nicht ich“, erwiderte der Kommissar, „aber die vielen Personen, die ich unter Zeugenschutz vorzuladen gedenke, werden dies eingehend tun.“

Fazit: Der Weg zum Ziel führt oft über Umwege.

Oder: Wenn ich an den Stärksten nicht herankomme, muss ich es über die Schwächsten in seiner versuchen.

 

*****

Vorschaubild: vectors/gangster-mafia-wagen-antrieb-5178949/, Urheber: Gordon Johnson auf Pixabay;neu bearbeitet von Carolin Eberhardt.

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