Deutschland-Lese

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Unter den Monden des anbrechenden Lebensabends dehnt sich die Zeit und doch ist ihr Vergehen anders zu spüren als sonst. Jetzt wirken alle Fragen entscheidend, die Endgültigkeit scheint zum Greifen nah und Einsichten beginnen dort, wo alles Denken innehält.

Lyrikband von Berndt Seite

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Die Rechtsaufsicht

Die Rechtsaufsicht

Florian Russi

Ein Richter begab sich mit seinem Assistenten in eine psychiatrische Klinik. Es gehörte zu seinen Aufgaben, darüber zu wachen, dass die dort untergebrachten Menschen rechtsgemäß betreut und festgehalten wurden. Dazu führte er mit einigen von ihnen entsprechende Gespräche.

Der erste erklärte: „Ich muss dringend von hier weg und zu meiner Armee. Ich bin Alexander der Große und habe noch viele Eroberungen vor mir.“

Der Richter sprach mit ihm über seinen Gegner Dareios, über die Nahrungsvorsorge für seine Truppen und erkundigte sich nach dem Gesundheitsstand seiner Mutter Olympia. Dann verabschiedete er sich von dem Klienten.

Einer der nächsten Gesprächspartner beschwerte sich bei ihm, dass er schon eine Stunde vergeblich auf seine Eskorte warte, um mit ihr in seinen Regierungspalast zu fahren. Dann drohte er: „Wenn Sie verdammter Rechtsverdreher nicht dafür sorgen, dass ich unverzüglich hier abgeholt werde, lasse ich Sie persönlich in dem Meer versenken, das man demnächst nach mir benennen wird. Ich bin der Größte, ein Glücksfall für mein Land und von Gott gesandt, um es nach meinen Vorstellungen zu regieren. Es gelten nur meine Moral und mein Verstand. So werde ich mein Volk großmachen.“ Der Richter reichte ihm die Hand, machte eine tiefe Verbeugung und versprach, die erwartete Eskorte sofort herbeizurufen.

Als der Richter und sein Assistent einige Zeit später die Klinik verließen, sagte der Assistent: „Erstaunlich, was wir da heute wieder gehört haben. Warum haben Sie keinem der Klienten widersprochen?“

„Wem hätte das genutzt?“, antwortete der Richter. „Ich kann die Betroffenen nicht ändern. Das müssen die Fachleute tun. Mir bleibt nur, mich an die Regeln des Rechts und des höflichen Miteinanders zu halten.“

Fazit: Mit Recht und Gesetz lassen sich vielleicht die Folgen, aber nicht die Ursachen seelischer Erkrankungen heilen.

Oder: Narzissmus und Größenwahn belasten die unmittelbar Betroffenen nicht.

Oder: Ähnlich geht es oft in der Diplomatie zu.

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