„Dass Jesus sich keine Frauen als Jünger ausgesucht hat, ist für seine Zeit durchaus verständlich“, sagte die Nichte zu ihrem Onkel, dem Papst. „Ihm und seiner Gefolgschaft wären sofort unsittliche Motive unterstellt worden. Doch das rechtfertigt nicht den Umgang der Kirche mit uns Frauen. Das wird doch schon am Beispiel von Maria Magdalena deutlich. In der Bibel ist nur gesagt, dass Jesus sie von einer seelischen Krankheit geheilt hätte, dass sie vermögend war, zum Lebensunterhalt von Jesus und seinen Jüngern beigetragen hätte und vor allem, dass sie der erste Mensch war, dem Jesus nach seiner Auferstehung erschienen ist. Konnte es eine größere Auszeichnung geben? Papst Gregor der I. jedoch hat aus Maria Magdalena eine Frau gemacht, die sich prostituiert und schwere Sünden begangen habe. Das war durch die Bibel nicht zu belegen. Hat er bewusst die Unwahrheit gesagt oder kannte er die Evangelien nur vom Hörensagen? Von Jesus Begegnung mit Prostituierten ist an ganz anderer Stelle in der Bibel die Rede. Die Vorstellung von Maria Magdalena als reuige Sünderin aber gefiel deinem Vorgänger und wurde von vielen Theologen übernommen. Von Sündern im männlichen Umfeld Jesus wird nicht gesprochen. Nach meiner Meinung war Magdalena eine der bedeutendsten Jünger Jesu.“
„Da stimme ich dir zu“, antwortete der Papst. „Unsere Kirche ist zwar vom Gottessohn gestiftet, aber menschlich organisiert. Sie hat Frauen geachtet und in Maria, der Mutter Jesu‘, einer Frau die höchste Verehrung zukommen lassen.“
„Für mich hat sie ein typisch machistisches Frauenbild. Auf der einen Seite die Frau als edelste Mutter, als unberührte Jungfrau und Himmelskönigin, auf der anderen Seite eben die Prostituierte, die Schmutzige, die bereuen muss, wenn sie nicht der Verachtung anheimfallen soll.“, erklärte die Nichte bestimmt.
Fazit: Auf Verleumdungen darf man kein Menschenbild aufbauen.
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Vorschaubild:Pieter Scheemaeckers I - Mary Magdalene at the foot of Calvary, Urheber: Pieter Scheemaeckers via Wikimedia Commons Gemeinfrei.